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Die Wahrheit · 1907-05-10 · Heft 18 (10.5.1907) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 18 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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9fr: 18. Die Wahrheit Seite 11. All Marjim Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) „Laß nur) Chajim," sagte der Graf freundlich, „ich gehe gleich wieder, ich habe nicht viel Zeit. Bring' die Kinder zu Bette, ich habe mit Marjim zu sprechen." Bereitwillig folgten die verschüchterten Kinder dem Vater in die Kammer, wo sie ihre Lagerstätten hatten, und nachdem derselbe mit ihnen das Nachtgebet verrichtet hatte, suchten sie das Lager auf, enttäuscht über den mißlungenen Purimabend, auf welchen sie sich so lange gefreut haben. Ohne Masken keine rechte Purimfreitde! Als Chajim mit den Kindern das Zimmer verlassen hatte, ergriff der angekommeue Herr die Hände Marjims und sagte im Tone der innigsten Bitte: „Marjim, Du treue Seele, hilf mir!" „Was kann ich tun, gnädigster Herr Graf, ich bin ja ganz machtlos." „Tu' mir vorerst den einen Gefallen, und nenne mich nicht Graf, nenne mich Berthel, wie Du es getan hast, als ich noch klein war und Du mich pflegtest und behütetest, es tut so wohl, von Dir so benannt zu sein." „Was geht eigentlich oben bei Ihnen vor, Gnädiger — nein, Berthel wollt ich sagen, der Sie es gnädigst erlauben. Wie geht es der Frau Gräfin?" „Schlecht, sehr schlecht, da ist alles umsonst, das matte Lebensflämmchen kann jeden Augenblick verlöschen, da läßt sich nichts mehr tun. Aber die Kinder können erhalten bleiben, wenn sie die rechte Pflege bekommen. Die Amme ist ein ganz unverständiges Frauenzimmer, der Doktor kümmert sich um die armen Dinger nicht, er hat die Nottaufe angeordnet, damit ist Alles gesagt. Und doch möchte ich die Kinder so gerne erhalten, und das kannst Du nur tun. Marjim, o hätte ich es durchgesetzt, Dich statt der vom Doktor Gebrachten zur Pflege meiner Frau zu nehmen, mein armes Weib wäre sicher am Leben geblieben." ..Sprechen Sie nicht so, Herr Graf! Das Leben der Menschen liegt in Gottes Hand, die Doktoren, so wie wir, können nur dann helfen, wenn Gott unsere Hand leitet und unseren Verstand schärt. Wenn Gott aber die Genesung eines Menschen nicht will, da verwirrt er unseren Geist und benimmt unserer Hand die Geschicklichkeit. Ueberhaupt hätteich es nicht unternehmen dürfen, ich bin ja nicht staatlich geprüft, und der Doktor hätte es nicht zugelassen." „Aber geschickter und erfahrener bist Du, als all die Geprüften. Meine gute Mutter hat großes Vertrauen zu Dir gehabt." ..Ja, Ihre hochselige Frau Mutter, die hat große Stücke auf mich gehalten, das ist wahr. Wie heute denke ich es, ich war noch ein ganz junges Weib, als ich ihr den Erstgeboreuen brachte, sie war sehr matt und krank, so sagte sie mit schwacher Stimme zu mir: ,Jch verdanke Dir mein Leben, Marjim. Wenn ich aber doch sterben sollte, so verlaß meinen Sohn nicht und pflege ihn, denn auf die Dienerschaft ist kein Verlaß? Sie ist aber nicht gestorben, sondern gesund geworden und hat noch mehr als zehn Jahre gelebt, aber Sie sind ihr Einziger geblieben." „Laß diese Erinnerungen, Marjim, und ziehe Dich warm an und komme mit mir aufs Schloß." ..Wie darf ich es, der Doktor hat gesagt, daß er mich anzeigt und einsperren läßt, wenn ich mich auf dem Schlosse blicken lasse oder gar ins Zimmer zur gnädigen Gräfin komme?" „Seit wann fürchtest Du Dich für Deine Person, wenn es gilt, mir etwas Gutes zu tun? Denkst Du daran, wie Dich der Amtmann mit Hunden aus dem Schloß hat hetzen lassen, als Du mir einmal, wie jeden Freitag, das kleine Barches brachtest, worauf ich mich so gefreut habe? Damals ließest Du Dich durch Furcht nicht abschrecken, wo es nur galt, einem verwöhnten Kinde eine, kleine Freude zu machen. Heute steht ein gramgebeugter Mann vor Dir, der Dich anfleht: Komme, rette mir Meine Kinder!" Ohne eine weitere Entgegnung zu machen, schlang Marjim ein großes Wolltuch um Kopf und Schulter, rief den immer noch bei den Kindern weilenden Chajim ins Zimmer, nahm den Hausschlüssel mit sich, dann sagte sie zum Grafen: „Kommen Sie, Berthel." II. Das Verhältnis der Grafen Sokolav zu ihren jüdischen Untertanen war ein so absonderliches, daß es notwendig ist, den Ursprung desselben zu schildern. Ursprünglich, in alter Zeit, stand Schloß Sokolav einsam auf einer Höhe, auf Stunden im Umkreise war kein anderer Wohnsitz zu erblicken, als die verstreuten Hütten jenseits des Flusses, welche zur Herrschaft gehörten. Da mit einem Male wurde es lebendig unten im Tale zu Füßen des Berges. Maurer mib Zimmerleute arbeiteten an der Herstellung kleiner, ebenerdiger Hänschen. Im Walde wurde Holz gefällt, eine große Ziegelei errichtet, mtb eine rege Tätigkeit entfaltete sich allenthalben. Der Herrschaftsbesitzer ließ auf seinen Grund und Boden eine Anzahl kleiner Häuser errichten, welche er den eben von einer benachbarten Großkommune vertriebenen Juden zu einem mäßigen Pachtzins überließ, und es ihnen anheimstellte, im Laufe der Zeit durch mäßige Teilzahlungen das ihnen überlassene Grundstück käuflich zu erwerben. Für die Ausnahme der unter seinen Schlitz geflüchteten Juden, bekam Graf Sokolav von diesen einen solch hohen Betrag eiugehäudigt, der es ihm ermöglichte, sein verschuldetes Erbgut aus Wucherhänden zu befreien und einen Ehreusch ein eiuzulösen, den er einmal einem Freunde ausstellte, als es ihm unmöglich war, eine enorme Spielschuld einzulösen. Ja, man erzählte es sich in Adelskreisen, daß nur die Entschlossenheit seines alten treuen Dieners ihm davor bewahrt hatte, sein letztes Gut, das Stammschloß Sokolav, aufs Spiel zu setzen — und voraussichtlich zu verlieren. Es hieß, daß der Graf in jener kalten Nacht, an der er jene Spielschuld machte, sein letztes Gut als Einsatz anbot, und sein Diener, der hinter dem Sessel stand und seinem Herrn in die Karten sah, plötzlich die auf dem Tische stehenden Armleuchter umwarf, sodaß die Kerzen verlöschten und er in der entstandenen Finsternis die Karten untereinander warf. Als Licht gemacht wurde, drückte der Kavalier, der eben im Begriffe war, das Stammgut der Sokolav als willkommene Spielbeute einzusacken, auf den verwegenen Diener seine Pistole ab, aber die Aufregung machte seine Hand zittern, so daß er sein Ziel verfehlte. Dem Grafen Sokolav blieb das Erbe seiner Väter erhalten, und um es schuldenfrei zu machen, kam ihm die Ansiedlung der fremden Juden sehr gelegen. Bald hatte sich um das anfangs nur von Juden bewohnte Dorf eine kleine Kolonie von Handwerkern angesiedelt, welche von und mit den Juden lebten.! .Ein wahrhaft patriarchalisches Verhältnis entstand aber zwischen dem hochgeborenen Grundherrn und seinen jüdischen Untertanen. Freud und Leid teilte er mit ihnen. Als sie die neuerbaute Lynagoge einweihten, nahm er den Ehrensitz ein, und als am heiligen Schewuausfeste ein Blitzstrahl in die Gemeindestube fuhr und drei hoffnungsvolle Jünglinge, die Zierde der Gemeinde, niederstreckte, beteiligte er sich bei der Leichenfeier. Das war der Urgroßvater des jetzigen Grafen Sokolav gewesen, und der Amtmann, welcher auf dem Schlöffe lebte und auf - den Besitzer desselben eine kleine Tyrannei ausübte, war ein direkter Nachkommen jenes treuen Dieners, der sich durch seine Entschlossenheit um die gräfliche Familie so verdient gemacht hatte. Von Generation zu Generation hat sich die Freundschaft der Obrigkeit für die jüdische Gemeinde erhalten, jeder freudige Anlaß oben auf dem Schlosse fand unten im Tale den freudigsten Widerhall, jede Trauer ward unten mnempfunden. Graf Bertholds Mutter war gestorben und hatte ihr damals zehnjähriges Söhnlein einem jungen Weibe anvertraut, welches ihr in schwerer Stunde hilfreiche Dienste geleistet hatte und seitdem ihr in mehreren Krankheiten eine treue Pflegerin gewesen war. (Fortsetzung folgt.)

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