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Die Wahrheit · 1907-05-10 · Heft 18 (10.5.1907) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 18 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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9tr. 18. Die Wahrheit Seite 7. schreiben, daß man in Amerika die Erfahrung gemacht hat, daß russische Juden zwar oft von unüberwindlichem Heimweh befallen werden und tatsächlich mit beträchtlichen Geldopfern nach Rußland zurückgeschickt werden müssen, während bei rumänischen .Juden derartiges niemals vorkommt. Wenn die Amerikaner wirklich so praktisch sind, wie sie zu sein glauben, dann müßten sie über eine vermehrte Einwanderung nur froh sein, vorausgesetzt allerdings, daß die Einwanderer nicht gerade in New Ior! bleiben. Trotzdem in den letzten fünf Jahren vier Millionen Menschen eingewandert und nach Abzug der Rück- und Auswanderer mindestens drei Millionen in den Vereinigten Staaten zurückgeblieben sind, hat man von einem Rückgang der Löhne, den die Eiuwanderungsgegner befürchtet oder.zu befürchten vorgegeben hatten, nichts gemerkt. Ebenso wenig ist eine Ueberproduklion infolge des größeren Arbeitsangebotes eingetreten, wenigstens sind die Preise nicht zurückgegangen. Die Einwanderer haben als Produzenten und Konsumenten nur zur Vermehrung des Nationalvermögens beigetragen. Im großen und ganzen kann man sagen, daß es namentlich im Süden an Arbeitern noch immer mangelt. Was man auch über die Einwanderung sagen mag, in wirtschaftlicher Beziehung hat sie dem Lande nicht nur nicht geschadet, sondern wesentlich genützt?) In politischer Beziehung wird alles mögliche getan, um die Einwanderer nicht nur zu amerikanischen Bürgern, sondern zu wirklichen Amerikanern zu machen. Es fällt dies bei den in ihrer Heimat so stiefmütterlich behandelten russischen und rumänischen Juden nicht sonderlich schwer. Viele geben ziemlich schnell auch zionistische Gelüste ans, die ja tatsächlich in einigen Fällen wohl sentimentaler, in mehreren religiöser Natur, in den meisten Fällen aber aus antisemitischen Nährboden emvorgediehen sind. Ihnen wird erklärt, daß die amerikanischen Juden jeden Versuch, einen jüdischen Staat zu errichten, mißbilligen, da nach ihrer Ansicht Israels Mission nicht politisch und national, sondern universal-religiös sei, eine rein geistige, die das Menschengeschlecht zur Friedens- und Gerechtigkeitsliebe erziehen soll. Seinerzeit hat eine Delegiertenversammlung der jüdischen Gemeinden Amerikas ln einer Resolution ausdrücklich erklärt, daß sie den politischen *) Ueber die Auswanderung rumänischer Juden nach Amerika ist In einem Newyorker Brief der konservativ-antisemitischen „K r e uz z e i t u n g" zu lesen: „Die Nachrichten über die Judenverfolgungen in Rumänien lassen nach Mitteilungen der Einwanderungsbehörden eine starke jüdische Einwanderung von dort erwarten, und die Presse dringt bereits darauf, den „Verfolgten" die Tore des gastlichen Amerikas recht weit zu öffnen. Die Einwanderungsbehörde berichtet, nach der Judenverfolgung im Jahre 1901 in Rumänien seien in wenigen Monaten 60.000 rumänische Juden in New Jork gelandet, von denen nur wenige beanständet seien. Telegramme ans Rumänien hätten gemeldet, daß jetzt wieder ein mindestens ebenso starker Zufluß zu erwarten sei. Da nun kürzlich von verschiedenen Seiten gegen die Einwanderung mancher russischen Juden Bedenken geäußert wurden, weil sie Anarchisten seien, hat der Handelssekretär Straus eine Verfügung erlassen, die der Einwandernngsbehörde nach dieser Richtung die größte Toleranz zur Pflicht macht. Da besonders die russischen Behörden revolutionär gesinnte Auswanderer gern als „Justizflüchtlinge" bezeichnen, erklärt der Minister kategorisch, Leute, die von europäischen Regierungen eines politischen Vergehens halber verfolgt würden, oder aus einem anderen Grunde, die ihre Qualifikation nicht beeinträchtige, sollten von der Einwandernngsbehörde genau so beurteilt werden, als wenn nichts gegen sie .vorliege. Ferner dürfe ein Einwanderer, der unter Umgehung der vom Gesetze vorgeschriebenen Registrierung gelandet sei, nicht ohne weiteres zur Deportation verurteilt werden, da man bedenken müffe, daß die Einwanderer manchmal kein klares Verständnis von ihren Pflichten besäßen. Man sieht aus dieser Verfügung, daß der Handelsminister, der bekanntlich selbst ein Jude ist, sich bestrebt zeigt, seinen Rasse- und Glaubensgenossen die Einwanderung in Amerika nach Möglichkeit zu erleichtern. Obschon nun auch hier der ungeheure Andrang europäischer Juden große Beklemmung erzeugt, wird trotzdem die ministerielle Verfügung von der ganzen Presse gebilligt. Das ist auch eine amerikanische Eigentümlichkeit. Mag der „Flüchtling" an sich noch so unwillkommen sein — die „Liberty" und amerikanisches Asylrecht muß hochgehalten werden. Die einzige Bedingung ist, daß der Mann ein Weißer sei. Kämen etwa Neger hierher, die in einer afrikanischen Kolonie verfolgt würden, so appellierten sie umsonst an amerikanische Duldsamkeit, und die Pforte von Ellis Island würde ihnen verschlossen bleiben. Der Mensch fängt hier erst beim Weißen an." Zionismus entschieden bekämpfen müsse. Die Inden seien nicht Nation, sondern eine religiöse Gemeinschaft. Es ist nicht zu leugnen, daß auch aus den amerikanischen Universitäten öfter Reibungen zwischen jüdischen und christlichen Studenten Vorkommen. Der berühmten Harvard-Universität ist sogar der Vorwurf des Antisemitismus gemacht worden. Aber man hat es hier wohl mehr nur mit Vorurteilen, als mit wirklichem Antisemitismus zu tun. Ebensowenig wie die europäischen Einwanderer, die in der alten Heimat antisemitisch infiziert waren, in der neuen ihren Antisemitismus sofort los werden, kann man erwarten, daß junge Leute, die einer antisemitischen Familie entstammen, gleich bei ihrem Eintritt in die Universität ihre Vorurteile ablegen. Die jungen christlichen amerikanischen Sludenten. nehmen den Juden ihr Zusammenhalten übel, vermissen bei ihnen oft das feinere Benehmen, ganz besonders aber paßl ihnen der Fleiß der jüdischen Studenten nicht, die ihnen in unverhältnismäßig großer Zahl die besten Preise und Stipendien wegnehmen. Man hat auch die Bemerkung gemacht, daß die Abneigung dort am größten ist, wo viele Juden studieren. Ja man könnte fast sagen, die Abneigung der christlichen Sludenten steht in ganz genauem Verhältnis zu der Zahl der jüdischen Studenten. Die bestehende Spannung ist natürlich im allgemeinen sehr zu beklagen; sie hat aber den Vorteil, daß sie ans die jüdischen Kommilitonen erzieherisch einwirkt und sie anspornt, besonders auf sich acht zn geben und sich möglichst korrekt zu benehmen. Von Antisemitismus im europäischen, im Sinne der deutschen Antisemiten, ist absolut keine Rede. Dazu sind selbst die jungen Studenten zn sehr von amerikanischem Geiste durchdrungen, der zwar nicht die Gleichheit aller, wohl aber die Gleichberechtigung aller amerikanischer Bürger anerkennt. Hilfsaktion für die Opfer der Inden crrelle in Rumänien. Nachdem sich die verschiedenen großen Organisationen, die bei dem Hilsswerke in Rumänien mitzuwirkeu berufen sind, unter einander verständigt hatten, fand am 5. Mai d. I. im Beratungssaale der Wiener Kultusgemeinde eine Sitzung statt. Vertreten waren: die Israelitische A l l i a n z z u W i e n", die „A l l i a n z e I s r a e l i t e U n i v e r s e l l e", Paris, die „D e u t s ch e K o n f e r e n z g e m e i n s ch a f t derAlliance Jsraelite Universell e", Berlin, der „Hilfsverein d e r d e uts ch e n Iu d en", B e rl i n, die „I e w i s h C o l o n i z a t i o n A s s o c i a t i o n", P a r i s, der „H i l f s v e r e i n f ü r d i e o st europäischen Juden", Frankfurt a. M., die englischen Hilfsorganisationen, durch den Hilfsverein Berlin, die Hilfskomitees für Rumänien u. zw. in B u k a r e st, Jassy, B o t t u s ch a n i, G a l a tz, ferner in Czernowitz, Jtzkany, Suczawa. Es wurden nach eingehenden Debatten nachstehende Beschlüsse! einstimmig gefaßt:! I. Die „Israelitische Allianz zn Wien" wird mit der Leitung des Hilfswerkes im Aufträge sämtlicher großer Organisationen betraut. II. §s wird aus den einzelnen bestehenden Komitees für Rumänien eine rumänischeZentrale gebildet, die auf Verlangen der „Jsr. Allianz zu Wien" die Ueberprüsung der aufgestellten Schadenslisten vornimmt und alsdann diese geprüften Listen der „Jsr. Allianz zu Wien" zur Erledigung übergibt. Die Bildung der rumänischen Zentrale wird der „Jsr. Allianz zu Wien" und den Vertretern für Rumänien überlassen. III. Die Versammlung erklärt sich bei den vorhandenen Mitteln, die benützt werden müssen, um die in Rumänien verbleibenden geschädigten Glaubensgenossen zu unterstützen, außerstande, die Auswanderung zn fördern, und sie sieht sich daher gezwungen, ausdrücklich vor Auswanderung zu warnen. IV. Die Hilfsorganisationen übersenden zu den gemeinsamen Fonds in Wien Beiträge nach einem zu vereinbarenden Maßstabe. V. Es wird der „Jsr. A l l i a n z z u Wie n", sowie den einzelnen rumänischen Komitees gegenüber der Wunsch ausgesprochen, die Verteilung der Gelder an die Beschädigten alsbald vorzunehmen. Au« der trrritorialistifche» Kewegnng. Berlin. Die hiesigen Territorialisten haben einen „Israel Zangwill- Klub" gegründet und zu ihrem Obmann den Herrn Dr. S i m o n s o h n gewählt. Dieser Klub entfaltet eine rührige Propaganda des territorialistischerr Gedankens speziell unter der jüdischen Jugend Berlins.

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