Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 18 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Seite 6. Tue Wahrheit. sich ungefähr folgendermaßen charakterisieren: Sie würden es wohl nicht verschmähen, wenn ihnen das Bürgermeistermandat zufiele, nebst dem reflektieren sie aber auch auf beide deutsche Mandate. Als Vorwand ist eine ganz neue Formel geschaffen worden, die besagt: Baron Fürth ist kein Deutscher! Wie wir erfahren, sind jedoch die Verhandlungen noch nicht abgebrochen und man hofft, daß in den nächsten Tagen eine Einigung, zumindest aber eine endgiltige Klärung in der Bürgermeisterfrage erfolgen wird. Kommt es zum Kompromiß in dem oben angedeuteten Sinne, so wird der jüdische Besitzstand im Stadtpräsidium in der Weife erhalten, vaß der erste Vizebürgermeister aus der Mitte der jüdischen Gemeinderäte wird entnommen werden. Für diesen Posten werden Oberlandesgerichtsrat Dr. Salter, Dr. Heinrich Kiesler. Landesgerichtsrat Dr. W e i s s e l b e r g e r genannt. Die Version, wonach Herr Inspektor Dr. Nenmaun Wender für die Stelle eines ersten Vizebürgermeisters in Betracht komme, wird durch eine Erklärung Dr. Wenders dementiert, die besagt, daß er diesen Posten nicht anstrebe und unter keinen Umstünden annehmen würde. Sollte zwischen Juden und Deutschen kein Kompromiß Zustandekommen, so ist in den deutschen Wahlbezirken der Kampf auf allen Linien vorausznsehen, während die Bürgermeisterwürde neuerdings einem Juden znfallen würde. Für jeden Fall dürfte die Bürgermeisterwahl bis nach den Reichsratswahlen verschoben werden, wofür auch schon der Umstand spricht, daß die nächsten ordentlichen Sitzungen auf Feiertage fallen. Mr ritnalmordsüchtige Indenfeinde. Aus Dux in Böhmen wird uns tiachstehender Vorfall gemeldet, der ein rechtes Spiegelbild für ritualmordfüchtige Judenfeinde abgibt und einen sicheren Rückschluß auf den voit den Antifemiteu mißbrauchten Fall P o f e d n i k in Wien bietet. Man schreibt uns folgendes: Sehr geehrter Herr Redakteur! Schade, daß das ..Deutsche Volksblatt" hier keine Filiale hat, da hätte sich in unserer Stadt eine Ritualmordhetze prächtig arrangieren lassen. Hier ereignete sich ein noch mehr Aufklärung erheischender Vorfall, als es der „Fall" Pofednik in Wien war. da könnte vielleicht das „Deutsche Volksblatt" eine eigene Untersuchungskommifsion einsetzen — und von einem „mysteriösen Vorfall, der noch einer dringenden Aufklärung bedarf", sprechen. Hier ist kein Dienstmädchen entwichen, sondern es wurde am Donnerstag, den 15. d. M., früh, im Hause des Dienstgebers mit am Rücken gefesselte Händen und einer Stichwunde in der Brust aufgefunden! Nun, da läge doch der ..Ritualmord" auf der Hand, wenn der Dienstherr hundertmal selbst die Anzeige erstatten und beteuern würde, das Mädchen müsse schwachsinnig oder geisteskrank fein — und, wenn kein Raubmörder im Haufe war, die Tat selbst begangen haben; da läge die Sache sonnenklar, da hätte sich die Sache, „der Fall", da oder dort, in Chotzen, in Prag — oder in Wien ereignen können, bei den Antisemiten und ihren Nachbetern wäre der unglückliche Brotgeber gerichtet und auch nicht ein Dutzend ch r i st l i ch e r Polizeiärzte wäre imstande, die Stichwunde in der Brust einer Gefesselten als Tat einer Geisteskranken oder Lebensmüden hinzustellen. Solche Angaben würden gewiß als unwahr hingestellt werden — und das Ritualmord-Märchen wäre fertig. Wenn uh Ihnen nun berichte, daß der ganze Vorfall dem Dienstherrn nicht die geringsten Scherereien verursachte, daß das Dienstmädchen, dem der jüdische Oberbezirksarzt Dr. Wolfs einen - Verband anlegte, sodann durch die Gendarmerie wegen „Irreführung der Behörde" verhaftet wurde, da werden Sie sich doch an den Kopf greifen und erstaunt fragen: „Ja, gibt es denn dort keinen einzigen Antisemiten, keinen, der an Ritualmord glaubt, keinen, der diesen Vorfall wenigstens einem antisemitischen Hetzjournal mitteilte, daß man den Sammlern von -Beweisen^ des Ritualmordes solch einen Fettbissen entgehen ließ?!" „Seltsam," werden Sie sagen, „ein Wunder!" Doch nein, geschätzter Herr Redakteur, es ist eine einfache, natürliche Begebenheit! Der Arbeitsgeber, bei dem das Mädchen bedienstet mar — ist em Christ!-Die Antisemiten, die soviel von Nächstenliebe faseln, messen so gern mit zweierlei Maß; seit der Polnaer Affäre ist ihnen der Mut noch gewachsen und eine Ritualmordhetze gegen einen Juden betrachten sie als ein gutes Werk — hingegen kann von ihnen nicht gut verlangt werden, daß sie den Stich in der Brust des gefesselt aufgefundenen Dienstmädchens, als zur Blutentziehung für rituelle Zwecke beigebracht. einem C h r i st e n andichten sollten, denn das hieße ja, sich selbst ins Gesicht schlagen! In solch einem Falle wird auch der Untersuchung und Konstatierung eines j ü d i s ch e n Oberbezirksarztes unbedingter Glauben entgegengebracht; handelt es sich doch um keinen Juden! Das Ritualmord-Mürchen ist noch das Einzige, das man uns neidlos gönnt. Daß sich hier kein „mysteriöser Vorfall" ereignete, haben wir daher einzig und allein nur dem glücklichen Umstande gu verdanken, daß das „lebensüberdrüssige" Dienstmädchen derzeit keinen jüdischen Brotherrn hatte; das, sollten die Herren N i t u a l m o r b e r f i n b e r sich hinter die Ohren schreiben! Hier noch der Wortlaut, wie die ..Duxer Zeitung" von Samstag, den 20. d. M., den Vorfall schildert: „Irreführung der Behörde infolge Lebensüberdruß. Donnerstag, den 17. April, wurde das bei dem Herrn Streckenchef der A.-T. Eisenbahn bedienstete Mädchen Julie Sch. durch die Gendarmerie wegen Irreführung der Behörde verhaftet. Selbes wllrde nämlich Donnerstag früh mit am Rücken gefesselten Händen und einer Stichwunde in der Brust aufgefunden, so daß man im ersten Augenblick zu glauben versucht war, auf das Mädchen sei ein Mordanschlag verübt worden. Herr Oberbezirksarzt Dr. Wolfs legte ihr einen Verband an. Später stellte sich heraus, daß das Mädchen die Wunde sich selbst beigebracht und auch die Fesselung selbst vorgenommen hatte, um den Glauben zu erwecken, als ob sie ermordet meiden sollte. Sie gestand, die Tat aus Lebensüberdruß begangen zu haben." Amerikanischer Krief. Die Bauernunruhen in Rumänien haben natürlich die amerikanischen Juden von neuem in große Aufregung versetzt. Müssen sie ja zu dem sehr starken russischen Einwandererstrom wieder einen verstärkten aus Rumänien erwarten. Zunächst hat man auf eigene Verantwortung von den für die notleidenden russischen Juden gesammelten Fonds sofort für die erste Hilfe eine Summe von, wenn wir nicht irren, einer halben Million Mark zugunsten der rumänischen Juden abgezweigt. Alsdann haben sich einflußreiche Juden an die Staatsregierung mit der Bitte gewandt, sich für die verfolgten Juden in Rumänien zu verwenden. Aber Staatssekretär Root hat die zu erwartende Antwort gegeben, daß der Aufstand einen politischen Charakter zu haben scheine und er sonach nicht recht sehen könne, wie er in dieser Angelegenheit dem König Carol Vorstellungen machen könnte. Durch eine Einmischung würde in der Tat die Lage der Juden wahrscheinlich nur verschlimmert werden. Freilich geht es den Juden in Rumänien schlecht genug auch ohne Bauernunruhen. Man kann fast behaupten, es geht ihnen schlechter als den Juden in Rußland. Die Judenverfolgung in Rußland wird einerseits verschärft, andererseits gemildert durch die Anarchie und Bestechlichkeit der russischen Beamten. In Rumänien werden die Juden gesetzlich stranguliert. Hier können sie den zahlreichen großen und. kleinen Beschränkungen nicht mit Hilfe des Backschisch entgehen. Wie kleinlich die kleinen Beschränkungen und Ausnahmegesetze sind, lehrt beispielsweise die Tatsache, daß für einen rumänischen Schüler der Entschuldigungszettel portofrei eingesandt werden kann, während die Entschuldigungszettel für jüdische Schüler portopflichtig sind. Diesen vexatorifchen Hemmschuhen und Fußangeln ist es zuzu-