Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-05-03 · Heft 17 (3.5.1907) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 17 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063384--04828-3071700
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 17. gelingen wird, eine Staatengründung in Palästina, sozusagen als Aktienunternehmung ins Werk zu setzen, wird freilich manchem Zweifel begegnen. Einstweilen ist dieser Judenstaat gleichsam eiu Homunkulus in der Retorte. Etwas anderes wäre es, wenn mit der Zeit, etwa auf heutigem rumänischen Boden, sich -eine unabhängige rumänische Republik herausbilden würde, die als Krystallisationspunkt für weiteres diente. Alsdann würde das Judentum kraft eines natürlichen Wachstnmsprozesses erhärten können, wie weit es zur modernen Staatenorganisation befähigt ist. Doch kann auf diesem Wege jedenfalls nur einem Teil der heutigen Juden geholfen werden. Und es wird nicht zu verhehlen sein, daß hier nur sehr vage Möglichkeiten sich regen. So bleibt also noch die vielberedete und vielgescholtene Assimilation. Dem Schreiber dieser Zeilen erscheint sie durchaus nicht verwerflich, wenigstens für diejenigen Juden nicht, die in modernen geordneten Staatswesen als freie und gleichberechtigte Bürger leben. Warum sollen diese die günstigste Position, die ihnen durchaus nicht „geschenkt" ward, die sie sich vielmehr in zäher und kühner Arbeit errungen haben, um ein idealistisches Phantom preisgeben?? Und heißt denn Assimilation soviel wie Aufgebung aller Rasseeigentümlichkeiten und eingeborenen Besonderheiten? Ganz gewiß nicht! Die Juden innerhalb Deutschlands, Oesterreichs, Frankreichs, Englands, Amerikas mögen sich getrost den Deutschen, den Oesterreichern, den Franzosen, Engländern und Amerikanern tunlichst angleichen; sie brauchen daraus ihrer nationaljüdischen Eigenschaften durchaus nicht verlustig zu gehen. Dies ist ja auch faktisch gar nicht der Fall. „Der Jude kommt immer wieder zum Vorschein!" hört man des öfteren sagen, und gewiß mit sehr viel Berechtigung. Aber was jetzt wohl noch auf der einen Seite tadelnd, auf der anderen verschämt gesagt wird, das wird mau später gewiß einmal mit Anerkennung und mit Stolz hervorheben. Als Nichtjude darf ich mir wohl gestatten, zu bekennen, daß ich neben vielen anderen Vorzügen der Juden vor allem mit ihr geradezu phänomenales Assimilationstalent bewundere. Sie haben die Fähigkeit, die Eigenschaften derjenigen Nationen oder auch bloß Städte, in denen sie leben, in einem solchen Grade sich anzueignen, daß sie an deren organischer Fortbildung mitzuarbeiten imstande sind. Wie sehr war Disraeli Jude und Engländer zugleich! Wie sehr war Bamberger ' Jude und Deutscher. Oder gar Heine, dieses Kind des alten Judengeistes aus seiner Liebesehe mit der deutschesten Romantik! Das erstaunlichste Phänomen aber sind wohl heutzutage die Wiener Juden! Mit einer Anempfindungskraft sondergleichen haben sie den ganzen Zauber, den musikalischen Schmelz und die stille, unaufdringliche Poesie dieser alten Kaiserstadt in sich ausgenommen, haben alles dieses sich zu eigen gemacht und haben es fortzeugend vermehrt. Woher kommt eine Erscheinung wie Arthur Schnitzler oder Beer-Hoffmann oder Gustav Mahler? Das sind Assimilationen, die wie wundersame Naturspiele anmuten! Das Jüdische keineswegs unterdrückt, vielmehr als charakteristischer Unterton, überall spürbar (wenigstens dem feiner Horchenden) und das Ganze doch so wienerisch, daß man das moderne Wien ohne diese Note sich gar nicht mehr denken kann! Und so komme ich denn zu dem Schlußresultat, daß es im Konzert der modernen Völker kein vielstimmigeres und trotzdem kaum ein erkennbareres Instrument gibt, als das Judentum — sowohl trotz als kraft der Assimilation! Den modernen Völkern aber ist der Prozentsatz Judentum, den sie in sich ausgenommen und umgeprägt haben, unentbehrlich. Allüberall bilden die Juden den Sauerteig, die Seele zur fortschreitenden Bewegung, die Elitetruppe des freien Geistes!" Ans der „Ito" Bewegung. London. Die jüdische Arbeiterpartei in Rußland (8. 8.) versendet folgendes Zirkulär: „Nachdem das Zentral-Komitee der Zionistisch-Sozialistischen Arbeiterpartei (8. 8.) in der Sitzung vom 20. Februar den Bericht über die Verhandlungen der russischen Jto-Konferenz entgegengenommen hatte, hat es für nötig gefunden, folgende Erwägungen zu fixieren und zur Kenntnisnahme der Interessenten zu bringen: Aus den Beratungen der russischen Jto-Konferenz hatte das Zentral-Komitee der Zionistisch-Sozialistischen Arbeiter-Partei die Ansicht yerausgeträgen, daß es der territorialistischen Sache nutzbringend wäre, wenn der territorialische Autonomiebegriff, der sich im territorialistischen Lager herausgebildet hat, präziser definiert und darüber eine Verständigung unter allen Territorialsten erzielt wäre. Das Schlagwort politische Autonomie oder Autonomie kurzweg, das allem Anschein nach eine große Rolle in den Verhandlungen der Jto mit den verschiedenen Regierungen gespielt hat, ist ein verfehlter und gerade in unserer Sache kaum fördernder terminus teöknicus. Sowohl das Ausmaß wie die Oualität der zu gewährenden Rechte wird hier ganz unberücksichtigt gelassen. Daß solche Unklarheit viel Schaden bringen und große Schwierigkeiten bei der Verfolgung des territorialistischen Zieles bereiten muß, liegt aus der Hand. Sich auf die angeführten Erwägungen stützend, hat der im Februar vorigen Jahres einberufene Parteitag der 8. 8. bei der Festlegung unseres Programmes das durch die Verhandlungen zu erstrebende Ziel dahin definiert, daß für die Realisierung des Territorialismus Rechte auf ein zusammenhängendes Territorium zu erlangen wären, die die Ansiedlung und Konzentrierung der großen jüdischen Massen garantieren sollen. Diese Rechte müssen uns die w irts ch'a ftli ch e Freiheit garantieren, die Freiheit, in großen Maßen und nach einem einheitlichen Plane zu kolonisieren. Hier wird also nicht die politische, sondern die ökonomische, die eminent soziale Seite des territorialistischen Zieles hervorgehoben. Was wir nötig haben, ist, nach unserer Meinung, ein ökonomisches Monopol, das in einem freien Lande bei allen übrigen günstigen Bedingungen, vielleicht auch auf privatrechtlichem Wege erlangt werden kann. Die A u t o n o m ie sowohl in der Gegenwart wie in i er Zukunft i st dem Lauf d e r E n t w i ck e l u n g zu überlassen. Nach unserer Meinung können wir uns durch ein Stück Papier keine Autonomie in der Zukunft sichern. Wir müssen den jüdischen Wanderern (und darunter ist der größte Teil des jüdischen Volkes gemeint, da dem Gros derselben die Emanzipation in Rußlandebenso wie in Galizien und Rumänien keine radikale Abhilfe bringen kann), wir müssen diesen Wanderern einen aufnahmefähigen Arbeitsplatz schaffen, einen Platz für produktive Arbeit, der selbstverständlich nur durch eine großangelegte Kolonisation geschaffen werden kann. Das ist zunächst alles, was der- Territorialismus zu erstreben hat." London. Dr. Max N o r d a u hat sich in einem Interview mit dem Redakteur des hiesigen „Jewish Expreß" ausführlich und rückhaltslos über die Aufgaben des nächsten Zionistenkongresses ausgesprochen. Seine Ausführungen gipfelten in folgenden 'Sätzen: Ich bin tief davon überzeugt, daß der Zionismus in Palästina realisiert werden kann, der Weg dazu muß über eine Reihe politischer Konzessionen, wie Eisenbahnbauten u. a. führen. Dadurch erlangen wir den legalen Eingang nach Palästina. Es wird jetzt viel über die „praktische" Arbeit in Palästina geschrien", was aber darunter zu verstehen sei, hat niemand erklärt. Bodenankauf in Palästina für Nationalfondsgelder scheint mir denn doch nicht sicher genug. Diejenigen, die das zionistische Geld für palästinensische Zwecke aüsgeben wollen, sind höchst „unpraktisch". Diese Herren haben schon bewiesen, daß sie unpraktisch sind, und zwar beider Verausgabung der Gelder, die für die Pogrom-Opfer gesammelt sind; diese Gelder sind ganz anderen Zwecken zu gewendet worden!! Die Geldgebahrung muß Männern übertragen werden, die wirklich praktischen Sinn mit Interesse für die Gesamtbewegung verbinden, lieber die Jto äußerte sich Doktor- Nord a ü folgendermaßen: Meine Beziehungen zur Jto haben sich nicht geändert. Es ist falsch zu behaupten, daß sie dem Zionismus schadet; es kann uns doch nicht etwa unerwünscht sein, wenn. jn einem Territorium die Juden ruhig leben. Dr. N o r d a ü erklärte, er werde nach Basel gehen, sei aber fest entschlossen, nicht zu präsidieren. Er werde dort sprechen und kämpfen, ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.