Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 17 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17. Die Wahrheit Leite 6. Fühlung mit der Gemeinde! Aber nicht auf Kosten der Solidität, des grundechten Wissens, der wahrhaftigen, tiefen, heißen Begeisterung. Vor Allem aber: Freie Bahn für die wirklich anerkannten und als echt gekannten, tüchtigen Menschen, denen die Flügel lahm werden müssen, wenn man ihnen das Bleigewicht unbefriedigender Aufgaben anhängt. Freie Bahn den Begabten! Man wird groß, wenn die Kräfte sich entfalten können. Die gewaltigste Stimme verhallt in der Wüste. Und es gibt in unserer Gemeinde Prediger in der Wüste. Die Wsimg der Indenfrage. Dr. Moses, der Herausgeber des „General-Anzeiger für die gesamten Interessen des Judentums", veranstaltet eine Enquete über die „Lösung der Judenfrage'" Er hat an zirka 3000 Personen der ganzen Welt, an Staatsminister und Politiker, an Dichter und Schriftsteller, an die Männer der Wissenschaft, an Aerzte, Juristen, Philologen und Theologen aller Konfessionen, an Judenfreund und Judenfeind ein Expose über den gegenwärtigen Stand der Judenfrage und deren Lösungsversuche gesandt und schließlich folgende Fragen gestellt: 1. Worin besteht nach Ihrer Anschauung das Wesen der Judenfrage? 2. Glauben Sie^ daß das Judenproblem ein für alle Länder gleiches Problem ist, oder glauben Sie, daß die Judenfrage in den verschiedenen Ländern auch eine verschiedene Lösung erheischt? 3. Worin besteht nach Ihrer Anschauung die Lösung der Judenfrage? 4. Wenn Sie für die verschiedenen Ländern eine verschiedene Lösung der Judenfrage für nötig erachten, worin besteht diese Lösung der Judenfrage: a) für Deutschland? b) für Rußland? Wir sind in der Lage, aus den eingegangenen Antworten nachfolgende des bekannten Wiener Kunstkritikers Franz S e r v a e s wiedergeben zu können: „Zunächst erscheint es mir als ein wertvoller Fortschritt, daß von jüdischer Seite das Bestehen einer Jndenfrage offen zugegeben wird. Das bisherige Vertuschungssystem war verwerflich; nicht imstande, die Frage aus der Welt zu schaffen, hat es sie vielmehr zusehends vergiftet. Und die am meisten darunter zu leiden hatten, waren die Juden von verfeinerter Empfindung. Die Aufrollung der Judensrage war in unserem Zeitalter des allseitigen Nationalismus unvermeidlich. Der Nationalismus selber aber ist nichs als eine Schutzwehrmaßregel wider die durch die neuen Erfindungen und die moderne Verkehrs-Entwicklung angedrohte Kulturvermanschung. Plötzlich schienen alle Schranken gefallen, und ein idealistisch vager Kosmopolitismus predigte die allgemeine Meuschheitsverbrüderung. Im Brei dieser Verbrüderung drohten die Völker mit ihren historisch erkämpften Verfassungen, die Rassen mit ihren individuell entwickelten Eigenarten sich zu verlieren. Um der Idee der Menschheit willen sollten die Menschen selber bluten. Man vergaß beinahe, daß sie reale Substanzen sind, naturbedingte Wesen von sehr verschiedenartigem Charakter. Die Idee wollte, wie so oft, die Realität vergewaltigen. Das ging nicht. Und so kam es zur Auflehnung wider die Idee, indem zunächst einmal die real existierenden Völker und Rassen sich selbst zu behaupten suchten. Hieraus entstand der moderne Nationalismus, dessen jeweiliges Ziel es ist, die Physiognomie und Sondernatur eines bestimmten Volkes aufs schärfste und bewußteste, und selbst auch aufs schonungsloseste herauszuarbeiten. Naturgemäß mußten hierdurch die nationalen Gegensätze verschärft werden, sowohl auf geistigem wie auf ökonomischem und moralischem Gebiete. Zu Hilfe kam die moderne Rassentheorie mit ihrer auf Weckung von Blutyoallungen gerichteten Agitation, während meines Erachtens das religiöse Moment eine sehr untergeordnete Rolle gespielt hat und zumeist uur als heuchlerischer Vorwand diente. Wir haben gesehen, wie die Staatsindividuen sich gegeneinander abschlossen, wie innerhalb der Staaten die Provinzen ihre Sonderphysiognomie und geschichtliche Tradition pflegten, wie die Kunst selber ihre universellen Triebkräfte verleugnete oder zurückdrängte und als „Heimatskunst" sich provinzial verspezialisierte. Es war demnach unausweichlich, daß das in die verschiedenen Nationen versprengte, den einheimischen Rassen fremde, zu ganz junger Selbständigkeit erwachte Judentum allenthalben in eine prekäre Situation geriet. Seine großen Erfolge, zumal auf finanziellem Gebiete, konnten diese Situation nicht verbessern, mußten sie vielmehr verschärfen. Indem eine ziemlich große Anzahl von Juden durch Klugheit, Umsicht und Enthaltsamkeit zu Geld, durch Geld aber zur Macht gelangten, und indem diese Macht, nicht zuletzt durch die Presse, oft rücksichtslos ansgenutzt wurde, mußte beim zurückgebliebenen Hausen derer, die sich als die ursprünglichen Herren von Grund und Boden fühlten, eine starke, öfters auch bedrohliche Mißstimmung erzeugt werden. Und so erwuchs aus dem Nationalismus der Antisemitismus! Beide Bewegungen haben heute ihren Höhepunkt bereits überschritten. Sie konnten ihrer Natur nach nichts anderes als Uebergangsbewegungen sein. Denn sie enthalten in sich nicht die Kraft letzter Ziele. Das letzte Ziel ist vielmehr das von ihnen verworfene der Menschheitsverbrüderung, oder sagen wir lieber: des fruchtbaren und friedlichen Zusammenschlusses der Menschen aller Rassen zu gemeinsamer Kulturarbeit. Das Ziel ist das gleiche wie früher und dennoch ein anderes. Ein anderes nicht etwa darum, weil es anders nüanciert wurde, sondern vor allem darum, weil es aus anderer Grundlage und mit anderen Mitteln arbeitet. Dies aber ist nur darum möglich, weil inzwischen die nationalistische Bewegung begonnen hat, ihre Früchte zu tragen. Sie hat die Eigenarten der Völker neu verjüngt und gestählt, hat das Selbstbewußtsein der Rassen gehoben und so die Gefahr einer Versiechung im Charakterlosen, einer Preisgebung wichtigster geschichtlicher. Güter beseitigt. Wenn jetzt der Kosmopolitismus wieder erwachen wird, so wird es nicht mehr aus ideologischer, sondern auf realpolitischer Basis geschehen, und nicht mehr ein verworrener Mischmasch, sondern ein wohlgegliedertes Orchester wird das Ergebnis sein. Ein Orchester, bei dem jedes Volk die Rolle eines bestimmten tonangebenden Instrumentes spielt, und das um so reicher und anziehender wird, je reiner die Instrumente gestimmt sind und je feiner unb mannigfaltiger sie gegen einander variieren. Es wird K u n st gefordert werden müssen, nm dieses Orchester zum Spielen zil bringen und, über alle seine Variationen und Spielarten hinweg, jene große Harmonie zum Ausdruck zu bringen, die seine innerste Lebensmacht bedeutet. Kunst wird dazu erforderlich sein — wir harren des großen Kapellmeisters, der da kommen wird . . . Auf dieser Grundlage der allgemeinen Menschheits-Entwicklung. und nur auf ihr, wird auch die Judenfrage ihre Lösung finden. Aus dem großen Zusammenhang herausgerissen ist das nicht möglich. Aber naturgemäß wird die Lösung keine schablonenmäßige, sondern sie wird nach Ländern, Völkern, Gegenden und Individuen eine sehr verschiedenfältige sein. Greisen wir, um die Möglichkeiten, die sich hier auftun, zu begreifen, abermals ein wenig zurück! Wie alle Völker und Rassen, so mußte auch das Judentum einen Nationalismus bekommen. Er wurde am bekanntesten unter der Form des Zionismus und hat sich als solcher zweifellos Bedeutung und große Verdienste erworben. Er hat einen (vorläufig individuellen) Zusammenschluß sehr vieler über den ganzen Erdboden zerstreuter jüdischer Elemente herbeigeführt und so hier ein neues Rassebewnßtsein begründet. Und wenn auch noch nicht viele sind, die sich frei und stolz als Juden zu bekennen wagen, das druckende Gefühl eines auf dem Judentum lastenden Fluches beginnt doch sich zu lichten. Einstweilen ist die Empfindlichkeit der Juden noch sehr groß, und sie sind voller Mißtrauen gegen ihre Freunde. Aber diese Empfindlichkeit wird schwinden, je mehr die freie und aufrichtige Selbstkritik fortschreitet, die wir jetzt mit Genugtuung bei manchem aufgeklärten Juden erwachen sehen. Und wenn man erst einmal wagen darf, unumwunden und furchtlos von den Fehlern und Gebrechen der Juden zu reden, ohne sofort in den Verdacht des heimlichen Antisemitismus zu geraten, so wird vieles gewonnen sein. Ein zweites, mehr praktisches Verdienst des Zionismus liegt auf dem Gebiete der sozialen Hilfe gegenüber den Scharen verarmter, hauptsächlich russischer und rumänischer Juden. Wie weit es ihm daraufhin