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Die Wahrheit · 1907-05-03 · Heft 17 (3.5.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 17 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 17. Die Wahrheit Freundschaft an Dr. O fner zeihen, ' was veranlaßt Je weiters, durch von ihnen hervoxgerufene turbulente Szenen die Wählerversammlung zu einem gewaltsamen Schlüsse zu bringen, und was ist schließlich der Grund, .daß sie überhaupt gegen die Kandidatur Dr. Ko hn's Stellung , nehmen? Sein Freisinn ist einwandfrei, seine jahrelangen, vielfach erfolgreichen Bemühungen für die Förderung jüdischer Interessen können von Niemandem bestritten werden. Nun, wenn sie dies alles selbst zugeben müssen, was hält sie dann ab, die Kandidatur Dr. Ofner's, die, in Anbetracht seiner die christliche Bevölkerung geradezu herausfordernden und darum von der Mehrzahl der Juden mit vollem Rechte nicht gebilligten Stellungnahme in der Frage der katholischen Ehereform, so.- großem Widerstand in weiten jüdischen und christlichliberalen Kreisen begegnet, fallen zu lassen und, wenn auch schweren Herzens, so doch im Bewußtsein, die persönlichen Sympathien dem allgemeinen Interesse untergeordnet zu haben, ihre Stimmen mit den übrigen jüdischen und freisinnigen Bürgern der Leopoldstadt auf Dr. Gustav K o h n gegen den gemeinschaftlichen Gegner zu vereinen? Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort, und die lautet: Die Kandidatur Dr. Ofners wird aufrechterhalten, weil er selbst sich im zukünftigen Parlament für unentbehrlich hält! Aber ein solch engbegrenzter, nur von persönlichem Ehrgeiz diktierter Standpunkt kann ernsten, politisch reifen Männern nicht als Plattform für eine solch bedeutungsvolle Wahlcampagne gelten, und darum appellieren wir nochmals nicht nur an die Anhänger Dr. Ofners, sondern auch an alle jüdischen und freisinnigen Wähler der Leopoldstadt, wie nicht minder an die zionistische Gruppe, die ihrem Kandidaten Dr. S ch a l i t niemals eine beachtenswerte Wahlchance verschaffen, aber die Position des anderen jüdischen Kandidaten durch Entziehung ihrer Stimmen nur schwächen kann, sich nicht von Leidenschaftlichkeit, sondern von vernünftiger, praktischer Erwägung leiten zu lassen und am 14. Mai geeint für den Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Landesschulrat Dr. Gustav Ko h n, zu stimmen. Unsere Gemeinde. Unparteiische Betrachtungen. HL „Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen, Wenn es euch nicht von Herzen geht." (Faust.) Wir sagten, den „Seelsorgern" fehle die Fühlung mit der Gemeinde. Da der Berg nicht zu Muhammed kam, kam Muhammed zum Berge. Allerdings. Da gab es einen Berg und gab es auch einen Muhammed. Die Frage ist: Wünscht denn die Gemeinde überhaupt die Fühlung mit dem Rabbiner? Aus Erzählungen eines der beliebtesten unserer jüngeren Gemeinderabbiner wissen wir, daß es ihm trotz aller Anstrengungen und Versuche nicht gelingen will, in engeren Kontakt mit der Gemeinde zu kommen. Eine cura pastoralis haben wir nicht. Jüdische, vornehme Familien haben zwar offenes Haus für alle möglichen und — unmöglichen Leute; mitunter auch für Pastoren und Pfarrer, selten aber für den noch so hochgebildeten Rabbiner. „Rabbiner" ist etwas minderwertiges; jemand, der angeblich im Dienste Gottes steht und doch gemeines Brot ißt und gemeine Luft atmet, kann nicht vollwertig sein. Uebrigens ist der Rabbiner nicht ein Gottes-Diener, sondern ein „Gemeinde- Diener." Denn die Gemeinde zahlt ihm. Und für einen Rabbiner, der nur vierzehn Jahre studiert hat, auf der Höhe der Wissenschaft steht, sich in der Gelehrtenwelt einen Namen gemacht hat, als Kanzelredner, Lehrer wirkt rc. rc., schickt es sich nicht, ohne Sorgen leben und in der Gesellschaft eine Rolle spielen zu wollen. Die Hofräte, kaiserlichen und Kommerzialräte, halben und ganzen Millionäre dürfen seine Autorität nicht anerkennen. Erzherzoge und Prinzen lassen dem Pfarrer den Vortritt und selbst der Kaiser beugt sich vor dem Aspergile, das der Bischof darreicht; — aber, ein Rabbiner, oder Oberrabbiner? pah! „Wir sind darüber hinaus und glauben," wie das jüngst ein Miniatur-Atheist, ohne den Spaß zu merken, sagte: „Gott sei dank, an Gott nicht." Also; es fehlt die Fühlung. Die einzige offizielle Stelle, an der ein moderner Rabbiner und' Prediger sich an die ganze Gemeinde wendet- und wenden soll, ist die Kanzel. Unsere Gemeinde hat' keine kleine Virtuosität' im Besetzen dieser Kanzeln besessen. Die beiden alten und ehrwürdigen geistlichen Spitzen haben es nicht mehr nötig, große Mühe aufzuwenden. Hohes Alter und ihre'Würde sichern den Erfolg. Warum aber läßt die Gemeinde die tüchtigsten und begeisterndsten Prediger in abgelegenen Vorstädten verdorren, während sie, an der richtigen Stelle, Tausende zu erheben und hinzureißen vermöchten? Fühlung mit der Gemeinde!? Geistlicher Hausbesuch ist eine pfäffische Sache; bei uns Juden ist stets der Hausherr zum Priester und nicht der Priester zu jenem gekommen. Womit nicht gesagt sein soll, daß es immer so sein und bleiben müßte. Es hat viel für sich, daß auch der jüdische Geistliche direkte Beziehungen zu den Familien erhalte und pflege. Sein Hauptgebiet jxdoch bleibt — abgesehen zunächst von Studierstube und Lehramt — die Kanzel. Ja, du lieber Gott! Was soll nun so ein armer Rabbiner tun, der um jeden Preis predigen soll und doch nicht predigen fanu. — Predigen ist keine einfache Sache. Es ist keine Kleinigkeit, ein Redner zu sein. Die Redekunst ist eine wahrhaft erhabene, köstliche, die Kanzelberedtsamkeit zumal, eine höchst seltene, ungeheuer wertvolle Sache.. — Nun soll jeder Rabbiner predigen! jeder soll ein Redner sein! Die Kanzelberedtsamkeit ist in unserer Gemeinde seit Jellineks Tode — wieder abgesehen von den stets üors concours stehenden greisen Oberhäuptern der Gemeinde — als Knust total herabgekommen. — Die Gemeinde kann kaum mehr einen guten von einem schlechten Prediger unterscheiden. Der Geschmack ist verdorben. Durch Bettelsuppen und Alltagskost. Durch Phrase und populäre Geschichtsmacherei. Durch kraft- und saftloses, weder vom Herzen kommendes, noch zu Herzen dringendes, unkünstlerisches Gerede. Wer gut, ja meisterhaft spricht, braucht noch nicht gut predigen. — So ist es. — Ein Vortrag ist keine Predigt. Beides ist ungemein wertvoll. Der Vortragsmeister gleich schätzenswert, wie der Kanzelrebner, aber, ja nicht zu verwechseln. — Wie aber lernt denn unser Vorstand seine glänzendsten und hinreißendsten Prediger kennen? Wie und wo? Sehen sich die Herren um? Hören sie jemals ihre jüngeren Rabbiner? Warum besuchen sie nicht abwechselnd im Turnus die Bezirkssynagogen? So konnte es geschehen, daß gerade die Berufenen kalt gestellt wurden. Und die Unberufenen —? Die Kanzelrede muß heute anders sein, als ehedem. Man dürfte heute nicht so sprechen, wie Mannheimer, auch nicht wie Jellinek. So klassisch sie gewesen sind. Auch darin ändert sich Wesentliches. Dem modernen Menschen predigt man anders. Ein sehr kluger und überaus tüchtiger Pfarrer in Deutschland, namens Niebergell, hat ein grundgescheutes Buch mit dem Titel: „Wie predigen wir dem modernen Menschen," geschrieben. Die Frage ist berechtigt. Man kann und soll über Alles predigen. Nur eine Kleinigkeit ist dazu erforderlich. Man muß nämlich predigen können. Die Kanzeln sind gründlich abgekanzelt. Keine Zugreifer und Tapper dürfen die zartesten Nerven der Gemeinde berühren, die an ihnen wie an Wagenstricken reißen, anstatt wie ans feinen Saiten zu spielen. Was und wie da nicht alles gepredigt wird! — Ungeschickt, unästhetisch, unjüdisch, journalistisch, feuilletonistisch. Wir sind modern genug, um zu wissen, daß der Prediger auch modern sein darf und soll. — Aber ein Radebrechen der heiligen Sprache, ein Stammeln und Stottern der herrlichen Midrasch- Perlenschnüre muß nicht gerade immer modern sein. Es hat jüngst ein geistreicher Journalist von dem „Mascherl" an allem, was in Wien ist, gesprochen. Es scheint auch der Rabbi ein Mascherl haben zu müssen; schadet nicht. Selbst an dem größten Gelehrten, Wissenschaftler, Rabbiner gefällt uns das Wiener „Mascherl". Selbst an den Talmud und Midrasch, an Schulchan-Aruch und Kodex läßt sich das „Mascherl" wohl schmuck hängen. Aber: nur das Mascherl, das ist etwas dürftige Toilette selbst für den Kanzelredner der Neuzeit; selbst wenn das Mascherl durch Frack und Lack ergänzt wird. Also,

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