Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 17 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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i/febattioii K. Ülbmüiiftiaticm: Wien, II/, Novaragasse 27. Televhv» 9t*. der Druckerei 15303. üulcrati’ Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsu. Jnsertionsbeträge und in Wie» zahlbar und klagbar. e Heiischrift für Mische Erscheint jeden Kreitag. ß^otlo: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!‘ Verugsp^eis: Ganzjährig . . . ft. 14.— Haldjähria ... ft. 7— Für Cultusbeamte: Ganzjährig ... St. 10 - Für Ausland: Ganzläyrig . . . s Mark 6 Nnbel oder 16 FcS. Pr. 17. Wien, 3. Mal 1907. Inhalt: Das Leopoldstädtec Reichsratsmandat. — Unsere Gemeinde. — Die Lösung der Judenfrage. — Aus der „Jto"-Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjün. — Neue Synagogen-Gesangswerke. Die geehrten Herren Abonnenten werden um freundliche Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge ersucht. Das Leopold städter Reichsratsmandat. In ganz Oesterreich mag es keinen einzigen Wahlkreis geben, in bem Parteigruppen, die in ihren wesentlichsten Programmpunkten kaum von einander differenzieren, trotz der Erkenntnis, daß nur ihre Uneinigkeit dem gemeinsamen Gegner zum Siege verhelfen kann, sich im Wahlkampfe so heftig gegenüberstehen, wie es bei den Anhängern der jüdischen Reichsratskandidaten für den V. Wiener Wahlkreis, Leopoldstadt I, der Fall ist. Große Parteien, denen es aiif ein Mandat mehr oder weniger nicht ankommt, können sich wohl den Luxus gestatten, durch Rücksicht auf persönliche Momente, das eine oder andere Mandat zu gefährden, aber hier, wo es sich um eines der wenigen Mandate in ganz Oesterreich handelt, für das die jüdischen Stimmen ausschlaggebend sind und ein jüdischer Bewerber bei einheitlichem Vorgehen Aussicht auf Erfolg hat, sollten alle persönlichen Rücksichten bei Seite gesetzt werden und nur das allgemeine Interesse als Parole des Wahlkampfes dienen. Es ist wohl zur Genüge bekannt, kann aber nicht oft genug wiederholt werden, wie die Kandidatur des Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde Landesschulrat Dr. Gustav Kohn zustande kam. Vier jüdische Kandidaten, Dr. Bloch, Gemeinderat K l e b i n d e r, Dr. O f n e r, und Dr. Schalit, von denen die drei ersteren so ziemlich gleiche Chancen hatten, stritten um das Mandat. Da nun einerseits keiner derselben über eine genügende Sttmmenanzahl verfügte,- unr ohne Unterstützung der anderen Parteien gegen den antisemitischen oder sozialdemokratischen Kandidaten dnrchzudringen, eine Einigung unter den drei Bewerbern absolut ausgeschlossen schien und andererseits das Bestreben aller objektiv und gerecht Denkenden dahin gehen mußte, diesen in seiner Mehrzahl von Juden bewohnten Wahlkreis von einem jüdischen Abgeordneten vertreten zu sehen, so lag der in diesen Blättern zuerst propagierte Gedanke nahe, hier, gleichwie in Kaiviertel, wo ähnliche Verhältnisse herrschten, alle früher ausgestellten Kandidaten fallen zu lassen und einen neuen Kandidaten aufzustellen, der geeignet wäre, die jüdischen Stimmen zu vereinigen. So wurden vom fortschrittlichen Zentralwahlkomitee im Einvernehmen mit den jüdischen Vertrauensmännern im Kaiviertel Hofrat Kamillo Kuranda und i in der Leopoldstadt Landesschulrat Dr. Gustav Kohn als! offizielle Kandidaten proklamiert. Für die Kandidatur des! Dr. Kohn sprach besonders der Umstand, daß er sowohl dem j freisinnigen und liberalen Programme des Dr. O f n e r und j Gemeinderat & leb iu b er entsprach, als auch die Anhänger! Dr. B l o ch s befriedigen konnte, die durch ihren Kandidaten j mehr den jüdischen Standpunkt vertreten wissen wollten. Aber! während in der Stadt kaiserlicher Rat A n n i n g e r und Gemeinderat Dr. Hein zu Gunsten des Hosrates K u r a u d a und in der Leopoldstadt Dr. Bloch und Gemeinderat Klebinder zu Gunsten des Dr. Kohn freiwillig znrücktraten und so dem allgemeinen Interesse ein anerkennenswertes persönliches Opfer brachten, hielt Dr. Ofner an seiner Kandidatur fest. Durch dieses Anklammern an das Mandat hat Dr. Ofner weder der freisinnigen noch der jüdischen Sache einen guten Dienst erwiesen und ihn wird in erster Reihe der Vorwurf treffen, wenn infolge der Zersplitterung der jüdischen Stimmen am ersten Wahltage oder in der Stichwahl als tsrtin8 gauclens der antisemitische oder sozialdemokratische Kandidat als Sieger hervorgehen sollte. Doch abgesehen von diesen Erwägungen, die jedem vorurteilslosen jüdischen und freisinnigen Wähler einen klaren Weg vorzeichnen, hat der Wahlkamps, den die Anhänger Dr. Ofners gegen die Kandidatur des Dr. Kohn führen, so häßliche Erscheinungen gezeitigt, die einer guten und gerechten Sache nicht würdig sind, und die persönliche Note so sehr in den Vordergrund gerückt, daß besonders derjenige jüdische Wähler, der nicht von blinder Leidenschaft beherrscht wird, schon von vorneherein stutzig werden sollte. Wir wollen nicht aus die geradezu beschämende und uns Juden erniedrigende Tatsache Hinweisen, daß, wie dies seitens der Ofner-Partei geschieht, die Kandidatur des Dr. Gustav Kohn von Juden darum angefeindet wird, weil er Vizepräsident der Knltusgemeinde ist, sondern uns nur aus die Erklärungen beziehen, die ein Wortführer der Ofnerianer in der von Dr. Gustav Kohn am 25. April im Hotel Stephanie abgehaltenen Wählerversammlung abgegeben hat. Wenn die Worte des Herrn Dr. Schwarz-Hiller ehrlich und ernst zu nehmen sind, daß er und seine Partei dem Doktor- Gustav Kohn die größte persönliche Hochachtung entgegenbringen und daß dessen Programm bezüglich seiner Freisinnigkeit mit dem Programme des Dr. Ofner identisch sei, dann fragen wir uns erstaunt: „Wozu der Lärm, was steht den Herren zu Diensten?" Wie konnten und können die Anhänger Offneres den Dr. Gustav Kohn eines durch nichts begründeten und durch I die ihnen ganz gut bekannte Vorgeschichte der Kandidatur! Dr. Kohn's offen widerlegten Treubruches der persönlichen