Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063383--04818-3071689- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16. Die Wahrheit Seite 7. würde ich — nach den verschiedensten Richtungen hin — unstreitig auch finden, wenn ich die Geschichte der Familie bis in die fernste Vorzeit zurückverfolgte; ich habe daher kein Verlangen darnach; ich würde nichts Neues erfahren. Von einer jüdischen Verwandtschaft ist in der ganzen Familie nicht das Mindeste bekannt. Jedoch fällt es mir nicht bei, deshalb zu behaupten, daß es eine solche niemals gegeben haben kann; das wäre gerade so töricht, wie wenn ich jemand, dessen Vermögens- Verhältnisse ich nicht kenne, eilfertig für einen Millionär, oder aber auch fürs Gegenteil, also für einen Bettler erklärte. Wie ich gegenwärtig jeden Tag darauf gefaßt sein muß. daß mir irgend ein Mitglied der Verwandtschaft anzeigt, e-ö habe eine fremdvölkische, also unter Umständen eine jüdische Ehehälfte gefunden, woran ich nicht von vorneherein Anstoß nehmen würde, so kann dies ganz wohl im Laufe der Jahrhunderte einmal oder öfter geschehen sein. Ich nehme an, daß meine Borfahren als gescheite Leute nicht Anhänger schädlicher Inzucht, sondern Freunde gesunder Kreuzung waren und das Gute dort nahmen, wo sie es fanden. Falls die Leute von der Schriftleitnng des „Badener Volksblatt" Beweise dafür in den Händen haben, daß irgend ein Vorfahr oder irgend eine Vorfahrin von mir dem jüdischen Volksstamme angehörte, so mögen sie diese Beweise bekanntgeben und mich dann immerhin einen Jndenstämmling heißen; ich werde darauf nur erwidern: I n s o l a n g e es ein C h r i st e n t u m g i b t, kann ein I u d e n st ü m m l i n g zum m i n d e st e n ebenso gehobenen Hauptes durch d i e W e l t schreiten wie ein T e u t o n e nst ä m in l i n g. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. (Oeffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 14. April 1907 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Ster n.) Präsident Dr. Alfred Stern: „Als wir das letztemal, vor 8 Tagen, hier unsere Sitzung abhielten, ahnten wir nicht, daß zur selben Stunde ein uns allen lieber, teurer, unvergeßlicher Kollege, Salo Landau, aus diesem Leben abberufen werde. Er mar kaum von einer Reise znrückgekehrt und sein erstes war. Frieden zu stiften, seine erste Tätigkeit galt der Beseitigung von Mißverständnissen, die lvährend seiner Abtvesenheit entstanden waren und gewiß, wenn er anwesend gewesen wäre, nicht hätten entstehen können. Und ein zweites, ein Akt der Wohltätigkeit, den er sofort ausübte, zugunsten eines armen, unglücklichen Kindes, für welches man sich au ihn gewandt hatte. Und daß man sich mit einer solchen Bitte an ihn gewandt hatte, war kein Zufall, denn immer wenn es galt, Unglücklichen zu helfen, Elend zu mildern, zu einer guten Sache beizutragen, wußte jeder, daß er sich an Salo Landau nicht vergebens wende. Das Wörtchen „nein" das in solchen Fällen so verletzend klingt, hatte Salo Landau in seinem Sprachschätze nicht. Wir alle kennen sein, wenngleich nur kurzes, so doch ersprießliches Wirken in dem Vorstande unserer Gemeinde. Sie, meine Herren, wissen, daß es mit mancher religiösen Institution unserer Gemeinde infolge verschiedener Verhältnisse nicht so bestellt ist, wie wir es wünschen und anstreben. Unter diesen Institutionen war es namentlich eine, für welche der Verewigte ein besonderes Interesse bekundete, für welche er sich mit aller Kraft feiner religiösen Ueberzeugung einsetzte. Thora Aboda und Gemilas Chassodim und da möchte ich noch ein 4. hinzufngen, Scholaum, waren die Leitsterne seiner Tätigkeit. Sein Andenken wird für alle Zeiten in unserer Gemeinde ein gesegnetes bleiben. Sie haben sich, meine Herren, zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben. Sie sind gewiß auch damit einverstanden, daß diese Trauerknndgebung dem Protokolle der heutigen Sitzung einverleibt und hievon der Familie des Verewigten, sowie dem Vorstande des Vereines „Beth Israel", dem er feine besondere Tätigkeit widmete, Kenntnis gegeben werde." Im Einlaufe befinden sich: Eine Spende des Herrn Moriz Edl. von Kuffner zum Ankäufe von Mazzoth und zur Verteilung an Arme für den XVI. und XVH. Bezirk je K 200.— 400.—. Dankschreiben des Herrn kaif. Rat Dr. S. Krüger und des Vorstandes des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhortes für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Ablebens der Frau Berta Krüger. Kondolenzschreiben des Bethausvorstandes für den XVI. und XVII. Bezirk anläßlich des Hinscheidens des Vorstandsmitgliedes Herrn Salo Landau. I. Sekretär kais. Rat Dr. Lieben bringt einen Erlaß der k. k. niederösterr. Statthalterei zur Verlesung, mittelst dessen die Eingaben des Vereines „Marpe lanefesch“ vom 10. Jänner und 3 Februar d. I. abschlägig beschieden werden. In den betreffenden Eingaben hat der genannte Verein das Ansuchen gestellt, daß der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde auf Grund der §§ 11, 25 und 28 des Gesetzes vom 21. März 1890 verhalten werde: 1. Ein orthodoxes Rabbinatskollegium einzusetzen. 2. Der orthodoxen Richtung ein Gemeindebethaus einznräumen. 3. Den Religionsschulinspektor Dr. Elieser David seiner Funktionen als solchen zu entheben. 4. Daß der ordnungsgemäß zu wählende Kultnsvorstand genaue Bestimmungen über die Subventionierung der Privatbethäuser festsetze. 5. Daß dem Vereine „Marpe lanefesch“ die seit dem Jahre 1896 vorenthaltenen Subventionen nachgezahlt werden. 6. Daß eine Neuwahl des Kultusvorstaudes angeordnet werde. Der Erlaß der k. k. niederösterr. Statthalterei, sowie der folgende Bericht über die Kreirung des Pflegerinnenheimes, das im Sinne des Vorstandsbeschlnsses vom 30. Dezember 1906 am 1. Juni 1907 unter der Verwaltung des Bnai-Brith-Bereines „Eintracht" in Wien eröffnet werden soll, wird zur Kenntnis genommen und hierauf die öffentliche Sitzung geschloffen. In der vertraulichen Sitzung des Vorstandes wurde der Errichtung eines R ö nt g enstra h l en -I n st i tu t es im Spitale der Kulmsgemeinde endgiltig zugestimmt und zur Leitung desselben Herr Dr. I. R o b i n s o h n berufen. Nach Erledigung einer größeren Anzahl von Personalien, Steuer- und Subventions-Angelegenheiten wird die Sitzung um l/2^ Uhr nachmittags geschlossen. Urber die Situation in Rußland. Bei der Neuheit der Duma und der Wichtigkeit, welche sie für das russische Volk im allgemeinen und die Juden im besonderen hat, ist es begreiflich, daß man noch jetzt überall, wo man hinkommt, von der Duma hört, von den Dnmawahlen spricht und sich in Vermutungen ergeht, was schließlich die Duma bringen, ob sie überhaupt etwas bewerkstelligen oder aber das Schicksal der ersten Duma teilen werde. Es sind in die zweite Duma nur drei jüdische Deputierte entsandt worden, und selbst diese drei, die der Kadettenpartei angehören, sind keine besonders hervorragenden Persönlichkeiten. A b r a m s o n ist ein Advokat in Kowno, 2 ch a p i r o ein knrländischer Kaufmann und Rabbinowitsch ist Direktor von Kohlengruben und Verfasser mehrerer Arbeiten über Arbeiter- Versicherung. Dagegen sind nicht weniger als fünf getaufte Juden gewählt worden, nämlich: Wladimir Hessen im Gonvernement Petersburg, Josef Hessen in der Stadt Petersburg, Pergament in Odessa und Könitz und A u s l e n d e r in Polen. Man wird sich erinnern, daß auch Hertzenstein, der der vorigen Duma angehört hat und mit großem Eifer für die Juden eingetreten ist, ein getaufter Jude war. Die sonst so fanatisch gläubigen Juden m Rußland betrachten die getauften Juden in Hervoragenden Stellungen keineswegs wie gewöhnliche Renegaten. Die Zustände in Rußland sind nicht unähnlich den spanischen Zuständen zur Zeit Philipps des Zweiten, der Inquisition, des Torquemada. Hat man ja den vor kurzem verstorbenen, langjährigen Oberprokurator des heiligen Synod, Pobjedonoszew, oft genug und nicht mit Unrecht mit dem berüchtigten Torquemada verglichen. Bis zu Scheiterhaufen freilich ist es unter dem Regime Pobjedonoszews nicht gekommen. Aber an anderen Hinrichtungen und Torturen hat es bekanntlich in Rußland nicht gefehlt, und es ist fraglich, ob nicht die Summe seelischer und physischer Leiden der Juden in Rußland, deren