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Die Wahrheit · 1907-04-26 · Heft 16 (26.4.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 16 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit. M. 16. Seite 6. müßige Frage; er denkt gemeiniglich nicht darüber nach und nimmt diese grundlegende Lehre ohneweiters hin. Auch ich habe keinen Grund, hier näher darauf eiuzugeheu; für meinen Zweck genügt die Feststellung der Tatsache. Unser Verhältnis zu den Juden tritt ferner dadurch zutage, daß wir dem jüdischen Volke eine Unzahl von Wunderberichten glauben, während es selbst in keinem einzigen Falle uns derartiges glaubt. Warum dies so ist, brauche ich nicht zu sagen; es wäre für meinen Zweck belanglos. Nicht als ob wir keine schönen Wundergeschichten besäßen; dies geben die Inden ohneweiters zu, sie erbauen sich sogar daran, doch glauben, das tun sie nicht; sie bezeichnen dieselben als Mythen, Fabeln, Märchen. Unser Verhältnis zu den Juden zeigt sich weiter darin, daß aus dem jüdischen Volke viel berühmtere und gefeiertere Persönlichkeiten hervorgegangen sind als aus dem deutschen Volke. Ich erwähne nur Moses, die Propheten, den Pf almist en, Christus und seine Mutter, die Evangelisten. Des Moses gesetzgeberisches Werk besteht in gewissem Sinne seit Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag zu Recht, und wir Deutsche, überhaupt wir Arier in Europa, können unserer Heranwachsenden Jugend keinen anderen Sillenkodex in die Hand geben als das Zehngesetz dieses Volks- und Völker er ziehers. Vergleichen wir damit unsere gesetzgeberischen Leistungen! Das österreichische bürgerliche Gesetzbuch ist noch keine hundert Jahre alt; aber nicht einmal allen Juristen ist der Hanptverfasser geläufig, geschweige, daß andere Leute noch etwas von ihm oder seinen Mitarbeitern wüßten; das Werk selbst wird bereits in wichtigen Teilen als veraltet und unbrauchbar bezeichnet; ein Ersatz dafür sei dringend geboten. Aehnlich verhält sich die Sache mit anderen deutschen Gesetzsammlungen. Wenn ich diese Tatsachen überblicke, so muß ich schon sagen, daß sämtliche berühmte Juristen der Deutschen zusammengenommen nicht würdig sind, einem Moses auch nur die Schuhriemen anfznlösen. Was die Propheten betrifft, so haben die Juden deren eine stattliche Reihe; wir Deutsche keinen einzigen: wir haben höchstens Wahrsager, Schwarzkünstler und dergleichen fahrendes Volk. Unser großer Goethe wird angeblich, auf der ganzen Welt fleißig gelesen; mag fein; daß sich aber irgend ein ganzer Stand täglich mit ihm oder sonst einem deutschen Dichter berufsmäßig befassen müßte, das ist nicht der Fall. Dagegen müssen die katholischen Geistlichen nicht bloß in deutschen Landen, sondern in der ganzen Welt Tag für Tag pflichtgemäß Stellen ans dem P sa l.misten teils still betend, teils laut hersagend, teils singend lesen. Von Christus will ich nur bemerken, daß wir fast ausnahmslos feit Jahrhunderten an ihn als Gott glauben und ihm dementsprechende Ehren erweisen. Von Maria fei zunächst, hervorgehoben, d a ß n i ch t leicht e i n e s W e i b e s Stammbaum so genau bekannt ist wie d er i h r ig e und daß i h r e Z u g e h ö r i g k e i r z u m j ü d i s ch e n V o l kstume von gar niemand in Zweifel gezogen wird. Ihr zu Ehren bauen wir großartige Dome und zierliche Kapellen, begehen wir im Laufe des Jahres eine Reihe von Festtagen, veranstalten Umzüge, unternehmen Wallfahrten, errichten Standbilder an Straßen und auf öffentlichen Plätzen, schmücken uns mit ihrem Bilde und verzieren damit unsere Wohnungen. W e l ch e s deutsche Weib vermag sich auch nur entfernt mit ihr zu messen? Keines! Weiter, wohl können wir unsere Antisemiten die ganze Woche auf die jüdische Schriftstellerei schimpfen hören. Wenn jedoch diese Leute Sonntags das Gotteshaus betreten, wenn ihnen hier das Wort Gottes verlesen wird und sie fragen: Welchem Volke gehört denn der Schreiber der betreffenden Schriftstelle an? so erhalten sie die Antwort, soweit diese Frage beantwortet werden kann : Dem j ü d i s ch e n V o! k e. Hätte d e n m G o t t i n seiner Allweisheit die Verfasser der heiligen Schrift zu diesem hohen Amte auserwählt, wenn ihre Unfähigkeit und UnWürdigkeit zu einem solchen Berufe s o a n g e st a m m t u n d e r w i e f e n w ä r e, wie es uns von antisemitischer Seite immer vorgesagt wird? Gewiß nicht! Wir Badener haben noch einen anderen Ort, wo uns recht sinnfällig das Verhältnis des deutschen Volkes zum jüdischen vor Augen geführt wird. Es ist dies die katholische Pfarrkirche. Mich führt täglich mein Weg an ihr vorüber. Als ich vor längerem einmal in gottesdienslfreier Zeit vorbeiging, stand das eine Seitentor angelweit offen; ich trat ein und erging mich .in den menschenleeren Hallen. Dabei fiel mir ein, wie ich einst über kirchliche Dinge so ganz anders dachte als jetzt und wie ich als strenggläubiger Knabe in einem Meere von Glückseligkeit schwamm; wie ich später in meinen Jünglingsjahren nicht aus Uebermut, sondern nach schwerem Kampfe mich für den Freisinn entschied und nnn mich dabei schon seit Jahrzehnten glücklich fühle, so glücklich, daß ich 'mich veranlaßt sehe,, zur früheren Strengglänbigkeit znrückzukehren. Ich trat hierauf auch vor den neuen Hochaltar und ließ seine ganze Pracht bis zur Ergriffenheit auf mich einwirken. Dann stellte ich mich ans den nationalen Standpunkt und sagte mir: Die äußeren Formen dieses prächtigen Altars sind zwar deutsch, jedoch die dargestellten Persönlichkeiten, also der Inhalt, wie auch der im Mittelfenster abgebildete heilige Stephanus, der erste christliche Blutzeuge, sind durchwegs Angehörige des jüdischen Volkes. Wie ich mir nun dachte, daß im Laufe der Zeit hier Tausende und Abertausende, kniefällig betend, ihren Geist zu Gott erheben» ihm ihre innersten Herzenswünsche inbrünstig vortragen und dabei die Vermittlung der dort dargestellten Heiligen anrufen, da trat mir das Verhältnis des jüdischen Volkes zum deutschen so lebhaft vor Augen wie noch selten. Denn sogar die Möglichkeit, daß dieses Verhältnis zwischen den zwei Völkern irgendwo ans dem weiten Erdenrund umgekehrt, auch bloß annähernd umgekehrt, zur Darstellung gebracht sein könnte, ist gänzlich ausgeschlossen. Natürlich ist vom christlichen Standpunkte nicht das Mindeste gegen diesen Tatbestand einzuwenden.. Persönlich wäre es mir allerdings lieber, wenn ich die Rollen vertauscht fände, allein völkische Eitelkeit vermag bei mir über Wahrheitsliebe nicht den Sieg davonzutragen. So oft ich mit Antisemiten, die nicht,Christlichsoziale sind, über die Judenfrage streite, befinde ich mich in einer etwas schwierigen, aber keineswegs aussichtslosen Lage; doch gegenüber den Christlichsozialeu habe ich von vornherein gewonnenes Spiel. Mir fällt bei solcher Gelegenheit immer eine Sitzung des n.-ö. Landtages ein, welche vor vielen Jahren stattfand, als noch die Liberalen, darunter der Abt Karl von Melk, die Mehrheit in diesem Bertretuugskörper besaßen. Mein Gedächtnis dürfte mich da auch in Einzelheiten nicht trügen. Da stand ein christlichsozialer Führer auf und nannte den allseits geschätzten Abt „Rabbi von Melk"; sodann erhob sich ein zweiter Häuptling und rief ans: „Wir Christ! ich soziale haben wieder die Kirche gefüllt!" höhnend den Abt und die gesamte Geistlichkeit, weil sie sich einer solchen Leistung nicht rühmen könnten; zum Beweffe seiner Behauptung verwies er auf Dr. Lueger, der sich seit Aufhebung des Konkordates zuerst als Abgeordneter am Frohnleichnamsumgange im Wiener Bezirke Margarethen beteiligt und, ich weiß nicht mehr wo, eine Volksmission in auffallender Weise mitgemacht hatte. Als ich den Zeitungsbericht über obige Sitzung las, sagte ich mir: Falls die Chnstlichsozialen jemals wahr gesprochen haben, so haben sie es in dieser Sitzung mit der Bemerkung über den Kirchenbesuch getan. Es ist nicht zweifelhaft, daß sie den Kirchenbesuch — zunächst in Wien, wo er seit Ende der Sechzigerjahre stark abgenommen hatte — wieder in Mode brachten. Mir liegt es vollkommen fern, daran Kritik zu üben und ein Urteil darüber abzugeben; ich begnüge mich mit der Festsetzung des Tatsächlichen. Allein dadurch haben sie die Leute auch wieder d e m I u d e n tu m e n ä h e r gebracht und sie haben mithin jedenfalls kein Recht, jeman- -dem Beziehungen zum Judentum vorzuwcrfen. Zum Schluffe muß ich auch einiges Persönliche Vorbringen, so ungern ich es tue. Meine vielen Verwandten leben in den verschiedensten Gegenden unter den verschiedensten Verhältnissen in den verschiedensten Berufen. Ich habe hochgestellte, wohlhabende und tiefstehende, arme Verwandte; ich bilde mir nichts auf die Exzellenzen ein, schäme mich nicht der Taglöhner. Dasselbe Auf und Nieder, welches mir die Gegenwart zeigt,

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