Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063383--04819-3071690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8. Die Wahrdeil dir. 16. Zahl jetzt auf sechs Millionen angegeben wird, die von der viel geringeren Zahl der Inden in Spanien ausgestandenen weit übertrifft. Gleiche Ursachen, gleiche Wirkungen! Den spanischen Marannen entsprechen jetzt die getauften Inden in Rußland, die äußerlich sich dem direkten oder indirekten Zwange unterworfen haben, im Herzen aber Inden geblieben sind. Man kann danach die Lächerlichkeit des in den letzten Tagen von dem „Verband des wahrhaft russischen Volkes" ansgestrenten Gerüchtes bemessen, nach welchem die Inden Professor Hertzenstein ermordet haben sollen, teils um den Verdacht ans den Verband und seine ..Schwarzen Hundert" zu lenken, teils um ihn für seinen Abfall vom Glauben zu strafen. Das Gerücht gefiel trotz seiner Unsinnigkeit den braven Reaktionären so sehr, daß sie es auch auf den eben ermordeten Dr. Jollos antvandten und in Umlauf setzten. Nun ist Dr. Jollos nicht getauft gewesen, wie denn auch an dessen Grab ein Rabbiner das Gebet gesprochen hat. Weit entsernt, den bekannten Renegateneiser zu fürchten, setzen die russischen Juden vielmehr ihr volles Vertrauen auch auf ihre Marannen, und diese können um so eher die Sache der Juden verteidigen, als sie als Mitglieder der Kadetrenpartei ohnehin für religiöse Freiheit eintreten. Warum zur zweiten Duma so viel Juden weniger gewählt worden sind als zur ersten, kann man leicht denken. In vielen Städten wurden die Schwarzen Hundert in Bewegung gesetzt, um die jüdischen Wähler einzuschüchtern. Da die Mietlinge unter dem Schutze der Polizei mit den wuchtigsten Argumenten, nämlich mit Gummistöcken, Messern und noch überzeugenderen Argumenten operierten und direkt unter Drohung von den Inden verlangten, echt russische Leute zu wählen, kamt man sich leicht vorstellen, daß die geäitgsteten Juden derartigen Argumenten nicht überall Widerstand zu leisten vermochten. Wo die Juden nicht so eingeschüchrerl wurden, wagten sie es, alle reaktionären Beeinflussungs- Versuche mit Entschiedenheit zurückznweisen. Ja, in Kiew haben die Juden sogar ein Kompromiß mit den Reaktiotiären abgelehnt, die thneu einen Juden zu wählen versprachen, ivenu sie den Kandidaten der Reaktion, Grafen Bobrinsky, wählen würden. Wie die Inden in G r o d n o betrogen und in der Wahl geschlagen wurden, erzählt die ..Noivoje Wrenrja" mit echt antisemitischer Ungeniertheil. Die Bauern tvnrden zusammengerufen, und plötzlich hörte man den Ruf: „Der Bischof kommt! ' Der Bischof erschien, verbeugte sich bis zur Erde vor der Versammlung und sagte: „Russische Wähler! Ich flehe euch an, gebt eure Stimme nur .Russen und Christen." Die Bauern, die sonst den Bischof nur während des Gottesdienstes aus der Ferne sehen, ahnten nicht, daß der angebliche Bischof, der zu ihnen sprach, ein Talmibischof war, nnd antworteten einstimmig, daß sie dem Ersuchen des Bischofs Nachkommen werden. Sie haben auch ihr Versprechen gehalten. Daß es nicht vergnüglich und sogar gefährlich ist. Dnmamitglied zu sein, haben die jüdischen Dnmamitglieder der ersten wie der zweiten Duma sattsam zu erfahren Gelegenheit gehabt. Professor Hertzenstein und Dr. Jollos sind ermordet, Winawer hat das Schicksal der übrigen Unterzeichner des Wiborger Manifestes erlitten. Schapiro, der in die zweite Dnma gewählte jüdische Deputierte aus Kurland, ist in Mitau von einem Offizier im Klub insultiert worden. Der Offizier trat an den mit Freunden im Klub sitzenden Deputierten heran, überhäufte ihn mit den gemeinsten Schmähungen und sagte: „Du bist in die Dnma gewählt worden. Ihr verfluchten Juden habt die Letten bestochen. Wir wollen ench zeigen, was wir tun können." Hierauf zog er einen Revolver und setzte seine Schimpsreden fort. Auf den Rat seiner Freunde verließ Schapiro den Klub und fuhr sofort nach Wilna. Der Offizier telegraphierte, als er erfuhr, daß Schapiro die Stadt verlassen habe, daß man ihn unterwegs verhaften solle. Zufällig war aber ein Gendarmerieoberst Zeuge der Szene im Klub gewesen, und er begab sich, als er von dem telegraphischen Haftbefehl hörte, zum Generalgouverneur und fragte ihn, ob er den Offizier ermächtigt habe, die Verhaftung des jüdischen Deputierten anzuordnen. Der Generalgouverneur erwiderte, daß er nichts davon wisse. Als der Oberst des Regiments, zn dem der Offizier gehörte, die Geschichte erfuhr, befahl er ihm, sich bei Schapiro zu entschuldigen. Der Offizier konnte jedoch den jüdischen Deputierten nicht finden und mußte schließlich den Abschied nehmen. Ab und zu gibt es also, wie mau sieht, auch eine gewisse Gerechtigkeit selbst in Rußland. Ohne es zu wissen und zu wollen, behandelt das russische Volk eben jetzt mit strenger Gerechtigkeit den so lange gefürchteten Pobjedonoszew. Man interessiert sich für den vor kurzem gestorbenen allmächtigen Großinquisitor nämlich viel weniger, als um den ermordeten Dr. Jollos, einen Juden, um den schon seit einem Jahre toten Dr. Hertzenstein, einen Judenstämmling. Allerdings ist Pobjedonoszew schon längere Zeit vor seinem physischen Tode politisch tot gewesen. Sowie es nämlich in Rußland nur ein wenig zn tagen begonnen hatte, mußte dieser stockreaktionäre Fanatiker von der politischen Oberfläche verschwinden. Ob er im Dunkeln noch gewühlt hat, ist in den weiten Volkskreisen wenigstens nicht bekannt, und so interessieren sie sich um den für sie länger schon toten Mann im Hinblick auf seine frühere außerordentliche Machtstellung ganz erstaunlich wenig. Jedenfalls werden dem unheimlichen Mann in ganz Rußland nirgends Tränen nachgeweint. Dazu hat er zu unheilvoll gewirkt. Es sind nicht bloß Inden, die er in einer Weise drangsaliert hat, die ihm den Vergleich mit dem Torqnemada und Arbuez eingetragen hat, Katholiken, Lutheraner, alle möglichen Sekten, auch die harmlosesten, hatten in gleicher Weise von ihm und durch ihn zu leiden. Ja, das orthodoxe Rußland hat nicht weniger Ursache, dem Andenken dieses Mannes zu fluchen, als selbst die Inden, die allerdings am meisten zu leiden hatten, die ihm die Einpferchung und sonstige rigorose Ansnahmebehaudlung, ihm mehr oder weniger die Pogroms mit ihren schrecklichen Folgen, darunter die Notwendigkeit, alle Brücken hinter sich abznbrechen nnd um jeden Preis ansznwandern, ihm die Pein, gegen die Ueberzeugnng den Glauben der Väter verlassen zu müssen, zu verdanken haben. Daß Pobjedonoszew — ein seltener Fall in Rußland — nach bestem Wissen und Gewissen handelte und ein ehrlicher Mann war, kann kaum als mildernder Umstand für ihn angeführt werden. Nur Wahnsinn könnte ihn entschuldigen, und heutigen Tages ist es Wahnsinn, einem Volke von hundertnndvierzig Millionen Menschen eine religiöse Ueberzeugung anfzwingen zn wollen. Heutigen Tages kann man absolut nicht verstehen, daß ein gebildeter Mann — und Pobjedonoszew war ein hochgebildeter Manu — nicht die ungeheure Torheit, die empörende Blasphemie und ganz besonders die tötende Lächerlichkeit und untergrabende Schädlichkeit erzwungener, wenn auch nur indirekt erzwungener Bekehrungen einsieht. Nicht die Juden sind die Urheber der russischen Revolution, der Jndeutöter Pobjedonoszew ist es. Daß sogar Juden, russische Inden zu Dolchen, Revolvern, Bomben ihre Zuflucht nahmen ist Pobjedonoszews Werk, wie es sein Werk ist. daß die weit überwiegende Mehrheit der studierenden Jugend Rußlands, gleichviel welcher Konfession und Nationalität, nach der einen oder der anderen Richtung hin verwahrlost ist, und daß der Zar selbst in seinem kaiserlichen Gefängnisse für sein und der Seiuigen Leben beständig zittern muß. Verschiedene Nachrichten. Wien «I s r a e l i t i s ch e K u l t u s g e m e i n d e.) Von Samstag, den 27. April 1907, angefangen, beginnt der Morgengottesdienst am Sabbat um 8 U h r. — Samstag, den 27. d. M., früh, Predigt im Stadttempel. Wien. (I s r a e l i t i s ch e K u l t u s g e m e i n d e.) Die diesjährige Konfirmation der Mädchen in den Gemeindetempeln findet statt: I. Bezirk, Stadttempel, Seitenstettengasse 4: Sonntag, den 5. Mai, um 10 Uhr vormittags. — II. Bezirk, Leopoldstädter Tempel. Tempelgasse 3: Donnerstag, den 9. Mai. um 10 Uhr vormittags. — XV. Bezirk ÜFünfhaus), Turnergasse 22: Sonntag, den 5. Mai, um 10 Uhr vormittags. — XVI. Bezirk (Ottakrings, Hubergasse 8: Sonntag, den 12. Mai, um i/jjlO Uhr vormittags. — XVTII. Bezirk (Währing), Schopenhauerstraße 39: Sonntag, den 5. Mai, um 10 Uhr vormittags. — Der Eintritt in den Stadt- und Leopoldstädter Tempel kann wegen Raummangels nur gegen Abgabe der Einladungskarte gestattet werden. Wien. (Hilfsaktion für d i e r u m ä n i s ch e n I u d e n.) Bei der „Israelitischen Allianz" in Wien sind bis zum 17. April l. I. für die Opfer der rumänischen Judenverfolgungen zusammen nahezu K 110.000 eingelaufen, darunter, außer den bereits-ausgewiesenen, folgende größere Spenden: Anonym K 5000, Pauline v. Dormitzer K 5000 (Prag), Hans