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Die Wahrheit · 1907-04-26 · Heft 16 (26.4.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 16 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16. Die Wahrheit Seite V. nur eine reine Seele und ein reines Herz. Doch darüber läßt sich nicht rechten. Das sind philosophische Fragen mit kulturhistorischem Einschlag, deren Erörterung keine Oberflächlichkeit verträgt.-Nun besteht aber einmal die Tatsache, daß bei solcher Lage der Dinge den Seelsorgern die Fühlung mit der Gemeinde fehlt. Man läßt sie ruhig gewähren und denkt sich: diese Männer können nicht anders; wir meiden sie und nehmen die Regierung in unsere Hände. Kann und darf das so bleiben? Müssen nicht vielmehr alle Männer v o n E r n st und Würde, von Einsicht und Intelligenz, denen an der Erhaltung des jüdischen Geistes in der nun einmal jüdischen K u l t u s g e m e i n d e gelegen ist, zusammen treten, nui über die S chritte zu beraten, d i e z u m a ch e n wären, d a s R e t t n n g s w e r k, das gleichzeitig ein Reformwerk wäre, zu vollbringen?! Müssen nicht die Rabbiner der Gemeinde, mit jenen Männern vereint, endlich einmal ein ernstes Wort über Kultus u n d U n t e r i ch t sprechen, ehe es zu spät ist? Dr. Süß. der Iudeultiimmlinft. Herr Dr. Franz Süß, Beirat der Stadtgemeinde und Professor am Gymnasium in Baden, ist, was Gesinnung und Charakterfestigkeit betrifft, ein unantastbarer Mann. Seine Kritik, die er im Gemeinderat und an der Stadtpolitik übt, ist immer sachlich, objektiv und vom Gedanken der reinen Menschenliebe geleitet. Was Wunder also, daß die hiesigen antisemitischen Blättchen in Zorn und Eifer geraten und nach Gründen und Ursachen forschen, warum der christliche Stadtvertreter und verdienstvolle Professor human denken und Menschen nicht nach ihren Klassen und Rassen beurteilen soll. Nach schweißtriefendem Bemühen aber fand es das hiesige christlichsoziale „Badener Volksblatt" heraus, daß Dr. Süß ein „Judenstämmling" ist und daher ihm all die zitierten Eigenschaften anhaften, die bei einem Antisemiten gewiß nicht zu finden sind. Solche Auslassungen beantwortete Professor Süß monatelang mit verachtendem Schweigen, bis er endlich sich bewogen fand, diesen schwarzen Geistern einen kleinen Vortrag in der ..Badener Zeitung", Nr. 28. über Judentum und Christentum zu halte::, um, wenn nicht sie, doch die Zugänglicheren über die Verhältnisse dieser beiden Konfessionen eines Besseren zu belehren. Im bezeichneten Blatte führt er folgendes aus: , Zu der Angelegenheit, welche sich verflossenes Jahr monatelang . zwischen mir und dem Herrn Bürgermeister hinzog, aber dann einen mich ganz befriedigenden Abschluß fand, ergriff nachträglich auch das christlichsoziale „Badener Volksblutt" das Won; die Schriftleitung, bezieh::ngswe:se der Mitarbeiter, begnügte sich aber nicht, bloß d:e sachliche Seite der Frage zu besprechen, wobei übrigens eine völlige Unkenntnis der damals geltenden Geschäftsordnung zutage trat, sondern erlaubte sich auch allerhand antisemitische Witze; unter anderem wurde ich ein „Judenstämmling" genannt. So wurden leichtfertigerweise schon des öfteren von Antisemiten freisinnige Männer genannt. Was diese aber darauf entgegneten, war, soweit meine Erfahrung reicht, unzulänglich. Statt den vermeintlichen Vorwurf auf seinen Gehalt zu prüfen und allenfalls Beweise für dessen Berechtigung vom Angreifer zu verlangen, fühlten sie sich beleidigt und mühten sich ab, den Gegenbeweis zu erbringen. Doch ich muß hier etwas weiter aus ho len. Als die antisemitische Bewegung in den ersten Achtziger- Jahren des vorigen Jahrhunderts begann, schloß ich mich ihr, ohne mir der Gründe für mein Verhalten klar bewußt zu sein, nicht an; nach meinen persönlichen Verhältnissen hätte ich es anstandslos tun können. Ich hatte nur im allgemeinen das Gefühl, daß, wenn sich 95 Perzent der Bevölkerung auf die restlichen 5 Perzent werfen und ihrer Willkür und Gemeinheit die Zügel schießen lassen, dies doch nicht als eine große Leistung gelten kann; für mich hatte es mehr Reiz, nicht mit dem großen Haufen zu rennen, nicht mit dem Strome zu schwimmen; wenn man auch eine solche von Zeit zu Zeit wiederkehrende Bewegung nicht aufzuhalten vermag, so ist es schon etwas, wenn man sich nicht davon fortreißen läßt. Erst als die antisemitische Strömung eine Bedeutung im öffentlichen Leben bekam, dachte ich gründlicher darüber nach. Ich fand, daß ich mich ihr, abgesehen von Rücksichten auf Wahrheit und Recht, aus rein menschlichen, ans kulturellen, staatlichen, wirtschaftlichen und nicht in letzter Linie aus deutschvölkischen Gründen nicht anschließen dürfe. Tatsächlich finde ich in meiner ganzen Vergangenheit keinen einzigen Augenblick, wo ich einer der landläufigen Schattierungen des Antisemitismus zugestimmt hätte. Die Opfer, welche die Wahrung meiner Ueberzeugung von mir forderte, trug ich im Interesse der Allgemeinheit gern; auf die Vorteile, welche viele meiner Berufskollegen dadurch erlangten, daß sie sich teils freiwillig, teils gezwungen der antisemitischen Richtung anschlossen, verzichtete ich im großen ganzen recht leichten Herzens. Ein beliebtes Wort im Sprachschätze der Antisemiten ist das Wort Verjudung. Da will ich zuerst sagen, was keine Berjudung ist. Es ist keine Verjudung, daß wir Deutsche mit den Juden zusammen auf derselben Erde, in demselben Staate, in derselben Stadt, unter demselben Dache wohnen; es ist keine Verjudung, daß Deutsche und Juden miteinander verkehren und Geselligkeit pflegen; denn in all diesen Fällen liegt das Verhältnis der Gegenseitigkeit vor und die sogenannte Verjudung aus der einen Seite wird zweifelsohne durch die Verdeutschung ans der andern Seite ausgewogen. Von einer Abhängigkeit des einen von dem anderen kann keine Rede sein. Wollte jemand behaupten, daß wir dabei den kürzeren ziehen, so müßte er von deutscher Kraft wahrlich eine sehr schlechte Meinung haben. Aehnlich steht die Sache, wenn es sich um ein Kauf- oder Verkaufgeschüst handelt; um der schönen jüdischen Augen willen kommt ja ein solches Geschäft nicht zustande; es wird hingegen durch dieselben Gründe veranlaßt, aus welchen überhaupt Geschäfte zwischen Volksgenossen und zwischen verschiedenen Völkern zustande kommen. Ich gehe weiter und bestreite, daß wir uns deshalb von den Juden abhängig fühlen müßten, weil sie unsere Gläubiger wären. Diese als Grund aufgestellte Behauptung ist an und für sich höchst fraglich, dann überhaupt nicht zutreffend. Denn erstens ist es meines Wissens keineswegs festgestellt, wie groß der Anteil der Juden an dem auf der Welt vorhandenen Kapital ist; auch sind die Darlehensvermittler noch lange nicht die Darlehensgeber. Augenscheinlich sehen wir nur. daß einem reichen Juden tausende von armen Juden gegenüberstehen, und wegen dieser wenigen reichen Juden schlechtweg die Juden als große Kapitalisten hinzustellen, wäre ebenso verkehrt, wie wenn jemand z. B. die Leute im Böhmerwald deshalb für große Kapitalisten erklärte, weil der millionenreiche Fürst Schwarzenberg zu ihnen gehört. Wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf, so kann man die Badener Verhältnisse heranziehen. Wir Badener haben verhältnismäßig viele Schulden; allein ein Blick ins Grundbuch lehrt es und mündliche Mitteilungen bestätigen es, daß Juden bloß zum geringsten Teile unsere Gläubiger sind. Dasselbe dürfte auch sonst überall gelten. Wenn sie es aber wirklich wären, so würde bei ihnen nur dasselbe zutreffen, was man hinsichtlich des Verhältnisses zwischen einem Gläubiger und seinem Schuldner gewöhnlich beobachten kann; den Schuldner pflegt es kalt zu lassen, ob es seinem Gläubiger gut oder schlecht geht; dagegen liegt dem Gläubiger sehr viel an dem Wohlergehen des Schuldners. Ja, wird man einwenden, wenn auf so vielen Gebieten im Gegensatz zu den Behauptungen unserer Antisemiten die Abhängigkeit der Deutschen von den Juden bestritten wird, dann wird wahrscheinlich eine Abhängigkeit überhaupt geleugnet? O nein! O nein! Es gibt schon ein Gebiet, aus welchem das Verhältnis des deutschen Volkes zum jüdischen klar zutage liegt, nur sehen es unsere Antisemiten in ihrer Voreingenommenheit und Kurzsichtigkeit nicht; das ist unser Religionswesen, dieses wichtige Gebiet unseres öffentlichen Lebens. Erstens sind die Juden, nicht aber wir Deutsche das auserwählte Volk Gottes; ihm fiel nach Gottes weisem Ratschlüsse die erhabene Ausgabe zu, der ganzen Menschheit das wahre Heil zu vermitteln; weshalb gerade das von den Antisemiten so verlästerte jüdische, nicht aber das von ihnen hoch gepriesene deutsche Volk von Gottes Allgerechtigkeit dazu auserkoren wurde, ist für den gläubigen Christen eine

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