Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Wr. 16. einem offiziellen Vertreter der Wiener Kultusgemeinde übertragen wird, und auch unsere liberalen christlichen Mitbürger, die im Wahlkampfe auf unserer Seite stehen, haben, da Dr. Gustav Kohn ein integrer Charakter von verläßlich liberaler Gesinnung ist, zum Beweise ihrer vollsten konfessionellen Vorurteilslosigkeit in erster Reihe diese Kandidatur mit schaffen geholfen und mit allen Kräften unterstützt. Daß nun dieselbe gerade in manchen jüdischen Jntelligenzkreisen, die sich für Dr. Ofner engagiert haben, bekämpft wird, gilt als ein trauriger Beweis für den völligen Mangel jüdischen Empsindens in diesen Kreisen. Denn wäre dies nicht der Fall, dann müßte es nur als recht und billig gelten und allgemein als Ehrensache betrachtet werden, daß die erste jüdische Gemeinde des Reiches durch einen ihrer hervorragendsten Repräsentanten im Abgeordnetenhause vertreten sei. Und wer wäre hiefür geeigneter als der I. Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, ein Mann, der sich jahrelang mit Leib und Seele der Verwaltung der Gemeinde gewidmet hat und dem, so oft ein Wahlgang stattfand, in unzweideutigster Weise selbst von Seite der Opposition das Vertrauen der gesamten Gemeinde zum Ausdrucke gebracht wurde. Er ist der allein berufene und geeignete Mann, der die liberalen und jüdischen Stimmen einigen und zum Siege gegen den antisemitischen Gegner führen könnte, und darum fordern wir Alle, denen es nicht gleichgiltig ist, ob das Mandat einem liberalen Juden oder einem klerikalen Antisemiten zufällt, auf, sich von den Anhängern Dr. Ofners nicht betören zu lassen, sondern mit aller Energie für die Wahl des Landesschulrates Dr. Gustav Kohn einzutreten. Unsere Gemeinde. - Unparteiische B e t r a ch t u n g e n. II. „Glaubst Du au Gott?" (Faust.) Als die erste und vornehmste Aufgabe der Külmsgemeinde wird wohl mit Zustimmung aller Kreise die Sorge für Gottesdien st und religiöse Unterweisung der Jugend, d. h. Religionsunterricht bezeichnet werden dürfen. Jeder denkende und mit den Schicksalen unseres Volkes einigermaßen vertraute Glaubensbruder wird zngeben, daß planlose, sprunghafte und übereilte Reformversnche auf diesem durch Alter und große Traditionen geheiligten Boden nicht am Platze und auch nicht von bleibendem Erfolge begleitet sind. Doch ohne Wandel und Wenden haben sich die Dinge auch hier nicht entwickelt. Der eifervollste Konservative unterliegt, ob er will oder nicht, der Gewalt der Zeiten und deren bewußten oder unbewußten Umwertungen. Trotz aller Reformationen muß aber jede Religionsvereinigung einen unwandelbaren Grundstock beschützen und behüten. Das geschieht organisch, elementar. Niemand schiebt, alle werden geschoben. Wir müssen den Mut und die Ehrlichkeit besitzen, die Hauptfragen vor Eingehung in Einzelheiten rein und klar zu erledigen. In unserer Großgemeinde sind drei Hauptschichten von Juden zu unterscheiden: die Strenggläubigen, die Noch-Gläubigen, die Ungläubigen. Man kann gewiß nicht jeden Juden auf Herz und Nieren prüfen und ihn fragen: „Glaubst Du an Gott?" Aber es steht unerschütterlich fest, daß wir zu der überwiegenden Zahl, wenn wir den Mut besäßen, sagen könnten: „Nun sag, wie hast Du's mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, Allein, ich glaub, Du hältst nicht viel davon." Wenn wir daraus die Folgerungen ziehen wollten, müßten wir die Tempel schließen, vor allem die Rabbiner absetzen, die nach der Ansicht der maßgebendsten Kreise ganz besonders überflüssig sind — das Kultusleben auf das Nötigste beschränken und- Juden bleiben!? Natürlich. Wir wollen ja Juden bleiben. Warum? Weil wir uns als Juden fühlen, als solche geboren sind und als solche sterben wollen. Was heißt das? Heißt das, weil wir ein Volk sind, eine Nation? Das gestehen gerade diejenigen am wenigsten zu, die das religiöse Moment des Judentums hinwegwünschen, allerdings selten den Mut besitzen, ihren (oberflächlichen) Atheismus einzugesteheu. sich aber lebhaft dagegen wehren, das Jndenvolk als solches auzuerkennen. Als was denn sind nun nufere Intelligenten, Gutsituierten noch Juden? Dieser Fragestellung darf man um keinen Preis answeichen 1 Das ist Feigheit, Heuchelei. Die Zionisten und Nationaljnden stehen ans dem unstreitig berechtigten Standpunkte, daß wir ein Volk waren und sein könnten, nach ihrer Ansicht auch sind. Falsch, grundsalsck, geschichtlich unwahr ist ihre Behauptung, wir seien unrein Volk und keine Konfession. Das ist die größte historische Lüge, die jemals über das Judentum verbreitet worden ist. Aber die Nicht-Zionisten, Nicht-Nationalen, Nicht-Religiösen, Nicht- Gläubigen, Noch-Doch-Juden, was haben sie aus die brutale Frage: „Warum seid ihr Juden?" zu antworten?! Volk und Religion leugnet ihr? Was-bleibt übrig? Die Geburt? Die Geschichte? Das ist eine heillose Verwirrung, eine absichtliche Täuschung. Denn Geburt und Geschichte geben summiert Volk. Ihr betonet die Ethik des Judentums. Das ist ein törichter, logischer Zirkel. Es gibt keine Ethik des Judentums, wenn es kein religiös-geschichtliches Judentum gibt. Und wenn ihr E i h i k im Kreise der Inden übet, Werke der unerhörtesten Menschenliebe vollbringet, dann vollbringet ihr sie, weil ihr Menschen, nicht, weil ihr Juden seid. Ihr wollet nur gute Menschen sein? Es liegt euch nicht daran, als Juden zu gelten? Gut. Wozu seid ihr Juden? Weil ihr nicht aushören wollet, Inden zu sein?! Warum? Weil euch die Konfessionslosigkeit aus dem Kreise der Brüder — (welcher Brüder? Glaubensbrüder? Volksbrüder?) — reißen müßte! Und das wollt ihr um Himmelswillen nicht! Es ist also ein gewaltiger, sich bäumender Trieb, eine leidenschaftliche Regung, die euch hält. Oder, auch das ist möglich, das große gemeinsame Leid, das furchtbare Schicksal Israels, schweißt die Kette zusammen. Oder, auch das ist möglich, ihr gebet euch keinerlei Rechenschaft darüber, seid euch durchaus nicht klar, warum und wozu ihr Juden seid, und bleibet Juden, weil ihr keine Christen, keine Mohammedaner, keine Heiden seid, sein wollet. So wird es denn auch in tausenden Fällen sein. Und alle seid ihr willkommen! Aber, wir müssen uns danach einrichten. Da es ein Unsinn und eine Unmöglichkeit wäre, die Knltnsgemeinde nach allen diesen Fassonen selig werden zu lassen, muß eine hellsehende, grundehrliche Kultusbehörde, zusammengesetzt ans Geistlichen und Laien, die Zügel straff fassen, und in dieses dunkle Chaos Ordnung zn bringen trachten. Das ist ja ein charakteristisches Zeichen der Indengemeinde, daß die Kultnsbehörde aus Laien besteht und nicht aus Geistlichen; nicht etwa, weil die Geistlichen nichts von der Sache verstehen, sondern weil, wie es in älteren Zeiten wirklich der Fall war, ein Unterschied eigentlich nicht bestand, und jeder Laie von der Sache etwas verstanden hat, ebenso, wie jeder sogenannte Geistliche alle weltlichen Angelegenheiten der Gemeinde, sofern es solche gab, vermöge seines Wissens nicht nur verstand, sondern and) mitberaten und mitbeschlossen hat. Die Stellung desRabbitters undPredigers in unserer Gemeinde ist eigentümlich, wenn man überhaupt von einer wirklichen Stellung sprechen kann. Ein Rabbiner, der sich selbst in die Knechtschaft der Liebedienerei begibt, verdient sein Schicksal. Der ab s ch eu l i ch e> A u sd ru ck „Funktionär" ist eine Erniedrigung und spiegelt ganz die Auffassung der Herren wieder, die ihn so gerne gebrauchen. Und wer die Rabbiner so nennt, behandelt sie auch so, und hat nie eine Ahnung davon gehabt, was ein Rabbiner ist oder sein soll. Ganz natürlich. Der wahrhaftige Rabbiner — nnwahrhaftige verdienen diesen höchsten Ehrentitel nicht — steht im Dienste der erhabensten Angelegenheit, die fühlende, denkende, wissende Menschen beschäftigt, der Religion. Religion sollte nur Sache von Adelsmenschen sein. Wie soll der Rabbiner, und sei er der edelste und beste, gewertet werden, wo die Religion geduldet ist. Religion ist, nach der Auffassung des größten Teiles der- Großstadtjnden, für die Dummköpfe und Bettler. Diese Leute sind schlechterdings nicht imstande, zu glauben, daß nur eine tiefe, große Natur wahrhaft religiös zu sein vermag,