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Die Wahrheit · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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'.Ui\ 15 Die Wahriiell Leite 9. von ihm die Auskunft erhalten, daß er wohl zur Versammlung -erschienen war, er dieselbe jedoch, nachdem sie über eine Stunde , lang nicht beschlußfähig war, wieder verließ; offenbar sei die j Beschlußfähigkeit erst nach seinem Weggehen eingetreten. Aus dem Berichte war dies nicht ersichtlich und es konnte unberechtigter Weise daraus geschlossen werden, daß die vorgebrachten Anwürfe von dem Delegierten des Kültusvorstandes widerspruchslos angehört wurden. In der Einleitung bemerkte der Berichterstatter, daß er es vorziehe, seine Reden aus dem Manuskripte vorzulesen, weil er den Wortlaut seiner Ausführungen von dieser Stelle festlegen wolle. — In dem Bericht wird bemerkt, daß der Verein sofort nach Bekanntwerduug der fraglichen Kanzelrede durch Inter-; vention seines Obmannes die Initiative ergriffen und bei dem Präsidenten der Kultusgemeinde Protest eingelegt habe. — Es ist damals kein Protest bei mir eingelegt worden, sondern mit meiner Zustimmung von den Kollegen Salo Landau und Oskar M a r m o r e k in der Plenarsitzung eine Interpellation eingebracht worden, welche von mir sofort und zwar in einer solchen Weise beantwortet wurde, daß mir hierüber von der betreffenden Seite die vollste Befriedigung ausgesprochen worden ist. Es ist weiters nicht richtig, daß ich den Kauzelredner gebeten habe, feinen Ausdrücken eine andere Deutung zu geben, ich traf vielmehr nur Veranlassung, daß die obwaltenden Mißverständnisse aufgeklärt werden. Es ist ein großer Unterschied zwischen der mir insinuierten Zumutung an einen Kanzelredner, seinen .Worten eine andere Deutung zu geben, einer Zumutung, welche ich gewiß niemals gestellt hätte und dem Bestreben ein Mißverständnis anszuklären. Ich halte mich überzeugt, daß der Berichterstatter nicht mala Me gehandelt und nicht mit Absicht Unrichtiges vorgebracht hat; wenn jedoch ein Bericht, der den Tatsachen nicht entsprechende Mitteilungen enthält, veröffentlicht wird, so ist gewiß eine Richtigstellung desselben erforderlich. Nicht unerwähnt möchte ich es aber lassen, daß mich in diesem Berichte besonders unangenehm die Erwähnung der im Reichsrate eingebrachten Interpellation berührte, welche gegen den Kultusvorstand gerichtet war und die Aufforderung an den Minister enthielt, den Kultusvorstand zur Erfüllung einer Pflicht zu verhalten. Eine solche Aufforderung war, wie die Tatsachen zeigten, ganz überflüssig, und wenn nun der Bericht, der sonst so vielerlei bei den damaligen Vorgängen zu bemängeln fand, in einer so harmlosen Weise der Interpellation im Reichsrate erwähnt, so als ob er dieselbe vollständig billige, so muß ich bemerken, daß mich dieses Verhalten von jüdischer Seite sehrpeinlich berührt hatte, und daß dies auch für mich bestimmend war, jenem Berichte des Obmannstellvertreters Herrn Rosen bäum entgegenzutreten. Nachdem der Interpellant sich mit dieser Aufklärung einverstanden erklärt hat, gelangt eine Entscheidung der niederösterr, Statthalterei zur Verlesung, laut welcher die vom ehemaligen Religionsschulprofessor Dr. D. Fink gegen den Kultusvorstand erhobene Beschwerde abgewiesen wurde. Die Entscheidung der Statthalterei ist aus dem Grunde von besonderer Bedeutung, weil sie auch bei den Religionslehrern der Mittelschulen, die vom Staate besoldet sind, das Ablehnungrecht des Kultusvorstandes anerkennt. Hierauf wird die öffentliche Sitzung geschlossen. In der hieraus folgenden vertraulichen Sitzung wird der von Dr. Steiner und Genossen gestellte Antrag aus Einsetzung einer Kommission zur Vorberatung von Wohltätigkeits- Angelegenheiten dem Vertreterkollegium zur Antragstellung an das Plenum zugewiesen. Die vom Vorstande der Chewra Kadischa beantragte Aenderung des Vereins-Statutes wird mit einigen Modifikationen genehmigt. Zum Mitgliede des Bethausvorstandes für den XVI. und XVII. Bezirk wird Herr Alois W i n t e r st e i n berufen. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um 2 Uhr nachmittags geschlossen. Das nationale Judentum. j Bon Dr. M H. Friedländer. (Fortsetzung.) S ch l u ß b e t r a ch t u u g. Aus diesen Schilderungen erhellt also zur Genüge, daß all die sogenannten Befreier und Erlöser des Judentums früherer Jahrhunderte nur deshalb so schmählich geendet, weil sie, um ihren unbezwinglichen Ehrgeiz wie ihre unbegrenzte und unbeschränkte Herrschsucht befriedigen zu können, nicht die Religion sondern nur die „staatliche Selbständigkeit" Israels im Auge hatten. „So der Herr nicht erbaut das Haus, so mühen verj gebens dessen Erbauer sich damit." (Psalm 127.) Mit Recht sagen daher unsere Weisen: Die echten und rechten Freiheitskämpfer sind diejenigen, die für die Religion, für die Wissenschaft des Judentums begeistert, das religiöse Leben zu geben und zu fördern bestrebt sind. In seinen herrlichen vom göttlichen Geiste erfüllten Reden, die Moses vor seinem Scheiden an Israel gehalten, bat er es nicht unterlassen, auch die am Sinai verkündeten „Zebu Gebote" zu wiederholen und sie mit folgenden inhaltsreichen Worten einzuleiten: „Siehe, ich habe euch Gesetze und Rechte gelehrt, wie der Ewige mein Gott mir besohlen. Beachtet sie wohl und übet sie aus, suchet sie durch die Tat im Leben zu verwirklichen, denn dieses wird eure Weisheit und Vernunft sein bei den Völkern. Wenn diese die herrlichen Gesetze und Lehren der Thora hören, so werden sie sprechen: ,Die große Nation ist doch nur weise und verständigt" Das heißt mit anderen Worten: Wenn ihr im Geiste der Thora leben, wirken und schaffen und ihre Lehren und Vorschriften stets durch die Tat zu verwirklichen euch bestreben werdet, so werdet ihr den Völkern der Erde imponieren, ja selbst euren Gegnern werdet ihr die Achtung abgewinnen, den Judenhaß bannen und auch die Freiheit und „nationale Selbständigkeit" erringen. Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, nicht durch Schlauheit und nicht durch Roheit siegt Israel, sondern nur durch den Geist Gottes, durch den Geist der Liebe, der Humanität, durch den Geist der Thora. Und in der Tat lehrt die Geschichte, daß so oft nichtjüdische Gelehrte sich gründliche Kenntnisse der Thora angeeignet hatten, sie nicht umhin konnten, anszurufen: „Wahrlich ein weises und vernünftiges Volk ist diese große Nation." In Aragonien herrschte in der Mitte des XIII. Jahrhunderts König Jayme (Jakob I.). der gleich dem französischen fanatischen König „Ludwig dem Heiligen", mit dem er, da er in Frankreich Besitzungen hatte, öfters in Berührung kam, die Juden (samt ihren Gütern) als des Königs Eigentum oder richtiger als dessen Kammerknechte erklärte. Ueberdies ist König Jakob I. von seinem Beichtvater, dem Dominikanergeneral Raymond von Penasorte, dessen Beistand er stets seines lasterhaften Lebenswandels wegen in Anspruch nehmen mußte, sehr beeinflußt worden Der schlaue herzlose Peuaforte hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die moralische und geistige Existenz des Volkes Israel durch allerlei Ränke und Jntriguen in Frage zu stellen. Er ließ daher in den Schulen, die unter der Aegide von Dominikanern standen, auch hebräisch und arabisch unterrichten, damit es den Mlssionären durch die Kenntnis dieser Sprachen, wie überhaupt durch die Kenntnis der Bibel, eher gelinge, die Juden und Mohammedaner bekehren und für die christliche Religion gewinnen zu können. Der gute Mann aber hatte sich sehr ge- .täuscht, denn durch die Kenntnis der Bibel wlirden wohl nicht die Juden, wohl aber mancher christliche Prediger bekehrt. So z. B. hatte sich in London ein Dominikanermönch, namens Robert de Redingge, der infolge seiner glänzenden Rednergabe sein Auditorium stets begeisterte, gründliche Keirntnis der Bibel angeeignet, und infolge des fleißigen Bibelstndinms empfand er eine heiße Liebe zum Jiidentum, daß er sich in den Verband Israels aufnehmen ließ und den Namen Haggai angenommen hatte. Im Sommer 1275 heiratete er eine Jüdin. Als er wegen seiner Abtrünnigkeit zur Rede gestellt wurde, verteidigte er sich wacker, indem er auf die ewigen Wahrheiten der Thora hinwies. Was mit ihm dann weiter geschah, ist nicht bekannt. Die Dominikaner schämten sich, daß eines ihrer Mitglieder zum

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