Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 15 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheit Seite 7 Oeschmack dieser Herrschaften entsprechend ein vollständiges sein, wenn auf Juden losgeschlagen wird. Der Nutzen ist dagegen sehr fraglich. Denn es bleibt immer wahr, wie wenig auch kurzsichtige Antisemiten es glauben, die zu Raub und Mord der Juden aufgestachelte Menge bleibt niemals bei den Juden stehen, und es ist höchst wahrscheinlich, daß auch jetzt in Rumänien die Hetzer und das Land und Volk weit mehr Schaden erlitten haben, als die Juden, die man schlagen zu können glaubte, ohne selbst auch geschlagen zu werden. Die ersten Nachrichten über die rumänischen Bauernunruhen waren kaum eingetroffen, als die „Staatsbürgerzeitung" schon konstatieren zu sollen glaubte, daß die Zeitungen im Interesse der zunächst verfolgten Inden übertrieben hätten. Sie hatte förmliche Angst, die Unruhen könnten zu früh aufhören und zu wenig Inden ermordet werden. „Fabelhaft übertrieben" sollten "die Vorgänge sein, „nicht der hundertste Teil, so wollte die „Staatsbürgerzeitung" von gut unterrichteter Seite aus Wien erfahren haben, von dem wahr ist, was bisher verbreitet wurde." Nun ist es ja natürlich, daß, wenn eine Panik ausbricht und alles flieht, statistisch genaue Daten nicht gemeldet werden können. Auch soll zugegeben werden, daß man in der Aufregung eher schwarz als rosig sieht und demgemäß berichtet. Aber andererseits ist auch wahr, daß von der anderen Seite in guter wie in böser Absicht, amtlich, offiziös und aus parteipolitischen Gründen viel häufiger und gründlicher vertuscht wird. Freilich die Ansprüche der ..Staatsbürgerzeitung" an eine richtige Judenverfolgung sind nicht gering. Denn nach ihr sind selbst die Zahlen der in Hunderten von russischen Städten in den Pogroms hingemordeten, verstümmelten und beraubten Juden nur — „winzig". Die Niedertracht, mit welcher den Juden der Sturm zur Last gelegt wird, der in Rumänien ansgebrochen ist, ist um so größer, als allgemein und auch den deutschen Antisemiten die wahre Sachlage durchaus bekannt ist. Die, wie schon gesagt ist rmd wie jedermann weiß, in Rumänien ganz besonders unterdrückten Juden, die die Güter pachten, sollen die Hauptschuldigen sein. Aber von wem pachten sie denn die Güter? Von den „Edelsten der Nation", den Bojaren, die das erhaltene Pachtgeld fern von ihrem Grundbesitz, auch im Auslande verprassen. Warum verpachten sie an Juden? Ja, sagt die antisemitische Presse, die Bojaren befinden sich in einer Zwangslage, sind den Juden verschuldet und haben selbst nur wenig von ihren verpachteten Gütern, fristen, wie die ..Staatsbürgerzeitung" behauptet, ein wahres Proletarierdasein, obwohl sie stolze Namen und Titel großer Landbesitze führen, deren nominelle Besitzer sie auch in der Tat noch sind." Nehmen wir an, es verhalte sich genau so, wie das Stöckerblatt behauptet. Aber dasselbe Blatt sagt in demselben Artikel ja auch, ..daß der größte Teil der in Frage kommenden Pachtgüter überhaupt nicht Privateigentum von Bojaren ist, sondern Eigentum des Staates oder reicher K l ö st e r. Der Privatbesitz der Bojaren in der Moldau und Walachei bildet den bedeutend kleineren Teil." Auch der Staat und die reichen Klöster also verpachten an die Juden. Wer zwingt sie dazu? Sollten sie, wenn die jüdischen Pächter in der Tat Volk und Land ruinieren, nicht schon aus Patriotismus ihr Land nicht an Pächter verpachten, die als Fremde betrachtet und behandelt werden? Von den reichen Klöstern könnte man doch eher verlangen, daß sie sich nötigenfalls mil einem geringeren Pachtzins aus Christenhand begnügen, und der Staat zum mindesten sollte doch nicht den in seinem Besitz befindlichen Grund und Boden an Leute verpachten, die er nicht nur wie Fremde, sondern eher wie Feinde behandeln 31t sollen glaubt. Von Klöstern und vom Staat kann füglich eher eine etwas geringere Selbstsucht verlangt werden, als von mißhandelten jüdischen Groß- und Kleinpächtern, die ihr verauslagtes Geld mit einem Agio herausschlagen wollen und müssen. Es ist das Verhalten um so wunderlicher, als nach der ..Staatsbürgerzeitung" die Regierung „milder höchst pünktlichen Zahlung des wenn auch sehr niedrigen Pachtschillings für ihre Domänen seitens der jüdischen Pachttrufte recht zufrieden ist". Also sogar mit einem „sehr niedrigen Pachtschilling" ist die Regierung „recht zufrieden"; warum denn sucht und findet sie nicht nur christliche Pächter, wenn die jüdischen so spottschlecht sind und das Volk aussaugen und sogar zur Revolution treiben? Zum mindesten muß man bei einer Spur von Gerechtigkeitssinn die Besitzer des Grund und Bodens, selbst die armen Bojaren, mehr noch die reichen und ganz gewiß die reichen Klöster und den Staat eher, viele tausend Mal eher als die Schuldigen erklären und nicht in erster Reihe die Inden. Aber der Jude wird einmal verbrannt. Nur denken die braven Antisemiten, die nicht sowohl in frommer Einfalt als vielmehr in bewußter Niedertracht Holz zum Scheiterhaufen für die Inden schleppen, nicht daran, daß sie durch solche Darstellungen sich zu Mitschuldigen an dem Elend machen, über' welches sie und ihre Schutzbefohlenen klagen. Sie denken nicht daran, daß sie sich selbst das denkbar schlechteste Zeugnis ansstellen. Die „Post" ist wenigstens klug genug, ausdrücklich und nachdrücklich zu betonen, daß die rumänischen Unruhen nichts mit dem Antisemitismus zu tun haben, und auch andere geben zu, daß die agrarischen Mißstände eine große Rolle dabei spielten. Nur das Blatt des Ex-Hofpredigers entwickelte einen ganz besonderen Eifer, das Berdammungsnrteil über die Inden ausznsprechen. Hintereinander fast brachte es drei Leitartikel über die rumänischen Baueruunruhen. Es war. als ob das böse Gewissen. das Bewußtsein, falsches Zeugnis wider den Nächsten abgelegt zu haben, es immer wieder zu demselben Thema zurücktriebe, wie der Verbrecher zurückgetriebeu wird an den Ort des Verbrechens. Oder es hoffte, durch Wiederholung ihrer Verleumdungen diesen die fehlende lleberzeuguugskraft zu verschaffen. I Kalo fnniuut. I Wieder ist ein Mitglied des Vorstandskollegiums jäh und unvermutet vom Leben abberufen worden und die Wiener Gemeinde betrauert einen edlen, braven und wackeren Mann, der nicht nur im Knltusvorstande mit großem Interesse und unermüdlichem Pflichteifer an der Fürsorge für die kultuellen und humanitären Institutionen der Gemeinde teiluahm, sondern auch als Führer eines der größten Wiener Bethausvereine, des Synagogenvereiues „B e t h Israel" im II. Bezirke in der Leopoldsgasse, dem allgemeinen Wohle uiid der Förderung des jüdischen Kultus große Opfer brachte. Sein Heimgang wird besonders von diesem Vereine als unersetzlicher Verlust tiefschmerzlich empfunden. Die außerordentliche Beliebtheit des Dahingeschiedeuen, der Sonntag, den 12. d. M. infolge eines Herzschlages plötzlich gestorben ist — am Tage vorher unterhielt sich Schreiber dieses mit ihm noch auf einem längeren Spaziergange über aktuelle Gemeindefragen — manifestierte sich'in der allgemeinen Teilnahme, die der Hinterbliebenen Familie, dem Sohne Herrn Fritz Landau und der Tochter Frau Adele Peter, bewiesen wurde, und der außerordentlichen Beteiligung am Leichenbegängnisse, das Dienstag, den 16. d. M., 3 Uhr nachmittags, stattfand. Im Trauerhause, in dem das Präsidium und der Vorstand der Kultusgemeinde, der Chewra Kadischa, des Synagogenvereines Beth-Jsrael und Vertreter zahlreicher anderer Vereine, sowie unzählige persönliche Freunde des Verblichenen anwesend waren, hielt, bevor der Sarg gehoben wurde, Rabbiner M a y e r s 0 h n folgende Trauerrede: Hochverehrte Trauerversammlung! Als Rabbiner des Vereines „Beth Israel" ist mir die heilige Pflicht auferlegt, unserem allbeliebten, teuren Obmanne einen Nachruf zu halten. Andererseits aber als Freund, denn wie bekannt, war unsere Freundschaft eine brüderliche zu nennen: seit mehreren Jahren war fast keine Woche verstrichen, ohne daß wir unsere Gefühle miteinander nicht ausgetanscht hätten. Ach! Dieses Haus, das war oftmals eine Trostquelle für mich — und jetzt — mit welcher Trauer erfüllt es mich, von diesem mir teuer gewordenen Hause für immer Abschied nehmen zu müssen. Ich finde keine anderen Worte, meinem tiefen Schmerze Ausdruck 311 verleihen, als die