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Die Wahrheit · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 15. Deutscher Antisemitismus und rumänische Kanerrmnrnheu. Den Antisemitismus in seiner vollen Glorie kann man in Deutschland nicht eigentlich sehen. Nicht weil die Ausklärung in Deutschland so allgemein ist — die Existenz des Antisemitismus beweist das Gegenteil —, sondern weil viele bei uns sich mit dem Antisemitismus, der im Verborgenen blüht und giftige Miasmen ausdünstet, begnügen, und weil die Regierung bei uns antisemitische Pogrome unter keinen Umständen duldet. Aber eine annähernde Vorstellung antisemitischer Herzenswünsche und eventueller antisemitischer Leistungsfähigkeit auch bei itns kann man gewinnen, wenn in Rußland oder wie jetzt in Rumänien aus die Juden gehauen wird. Da bekundet die antisemitische Presse nach einer unvermeidlichen heuchlerischen Verbeugung vorder Tugend, d. h. nach einer aus Rücksicht auf empfindliche Nicht-Antisemiten abgegebenen Erklärung, daß man die Ausschreitungen nicht billige, ihre innerliche Herzensfreude über die Geschehnisse und gibt kund und zu wissen, daß die Juden ganz selbstverständlich die Pogroms und sonstigen Ausschreitungen gegen sie mit Fug und Recht erleiden, ja sie nicht nur verschuldet, sondern sogar provoziert haben. Als die ersten Nachrichten von den Vorgängen in Rumänien eintrafen, war die „Staatsbürgerzeitung" gleich mit einem Artikel bei der Hand, in dem rund heraus erklärt wurde, daß die Juden Wind gesäet haben und darum ganz natürlich Sturm ernten, daß sie selbst schuld seien an den Ausschreitungen rc. Zwar hat der rumänische Finanzminister gleich auf den agrarischen und selbst anarchistischen Charakter der Buernunruhen hingewiesen — tut nichts, der Jude wird verbrannt. Zwar hat König Karol die Politiker für die Vorgänge verantwortlich gemacht und verlangt, daß der Judenwie der Agrar-Frage ein Ende gemacht werde — tut nichts, der Jude wird verbrannt. Auch der Umstand, daß ein neues Kabinett gebildet werden mußte und daß sofort einige Gesetze angenommen wurden, die mit Inden und Judentum nicht das Geringste zu tun haben, sondern eingewurzelte agrarische Uebel beseitigen und längst nötige Reformen einführen sollen, spricht für die Schuld speziell der Juden doch wahrlich auch nicht, zumal in Rumänien die maßgebenden Kreise bekanntermaßen gewiß nicht judenfreundlich und jedenfalls besser über die wahren Ursachen der Bauernreoolte unterrichtet sind als das Berliner Stöckerblatt. Das alles aber hindert nicht die Sprachrohre der deutschen Antisemiten, immer von neuem das alte, falsche und verderbliche, weil nach Art quacksalberischer Mittel die Heilung mindestens verschiebende, wenn nicht gar unmöglich machende Lied von der Schuld der Juden anzustimmen. Wenn die Antisemiten nicht so vernagelt wären, müßte sie schon allein die Tatsache, daß in den Ländern, die keine differentielle Gesetzgebung gegen die Juden kennen, von einer differentiellen Behandlung der Juden nichts wissen, auch keine Ausschreitungen nach russischem und rumänischen Muster Vorkommen, sie auf den Gedanken bringen, daß eben diese unterschiedliche Behandlung teils die Juden schlechter macht, teils die Ausschreitungen des Pöbels gegen sie verursacht. Die Stöckersche „Staatsbürgerzeitung" aber behauptet dreist und im biedermännischsten Tone: „Es ist also immer wieder die alte Geschichte: Jüdischer Wucher und Betrug, jüdische Gewaltmaßregeln gegen die Bauern, die Scheu vor dem Militärdienst; das alles ist nur allzu sehr dazu angetan, um den Haß, der instinktiv in den Seelen der ungebildeten Bauern gegen das Judentum schlummert, anzufachen zu hellen Flammen." So viele Worte, so viele Unwahrheiten und Torheiten. Warum scheuen in Frankreich, England, Amerika die Inden nicht den Militärdienst, melden sie sich sogar im Kriege wie im Frieden scharenweise zum Eintritt ins Heer? Warum erfüllen in Deutschland die Juden gleich allen anderen ihre Militärpflicht? Ist es ein gar so großes Wunder, daß die rumänischen Juden, die nach dem Gesetze „Fremde" sind und wie Parias und Feinde behandelt werden, als „Fremde" kein besonderes Bedürfnis fühlen, dem Lande, dem fremden Lande Kriegsdienste zu leisten? „Jüdische Gewaltmaßregeln gegen die Bauern! " das ist die alte Geschrchte vom Lamm, das dem Wolf däs Wasser trübt. Man denke: in einem Lande, das den Juden neun Zehntel der natürlichsten Menschenrechte nimmt, ihnen die geistige Nahrung selbst entzieht oder fast unmöglich macht, sie in ihren Wohnsitzen beschränkt und ihnen die Hälfte aller Möglichkeiten, sich schlecht und recht durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren, entzieht, wo alles, was etwas ist, in der Verwaltung, in der Justiz, in den Schulen und Universitäten rc., jndenfeindlich ist, werden fast rechtlose Juden sich Gewaltmaßregeln gegen die Bauern herausnehmen! Das sollte selbst antisemitischen Lesern als des Unsinns gar zu viel nicht geboten werden. Das allerhöchste dürfte wohl sein, daß Juden, im Notfälle diejenigen Rechte durchsetzen, die ihnen selbst in Rumänien unmöglich genommen werden können, und auch das, wie gesagt, im Notfälle, wahrscheinlich sogar im äußersten nur. Alls für alle, nur nicht Antisemiten dümmster Sorte, auf der Hand liegenden Gründen. Und natürlich der jüdische Wucher! Als wenn andere Leute gar nicht wucherten. Wir haben unlängst in diesen Blättern nachgewiesen, daß in den russischen Hungersnotdistrikten, in welchen Jliden nicht wohnen, reiche Bauern, ja Amtsbrüder des Herrn Stöcker die verhungernden Bauern auf das schamloseste bewucherten. Und der Chefredakteur der antisemitischen „Nowoje Wremja" hat ausdrücklich erklärt, der russische Wucherer sei viel schlimmer als der jüdische. Und in Rumänieir? Nun! Vor etwa drei Jahren veröffentlichte der Vizepräsident der rumänischen Kammer, Subdirektor des „Creditul Rural" und hervorragendes Mitglied der liberalen .Regierungspartei, Herr Dr. Protopopescn, eine Reihe von Aufsätzen in dem liberalen Blatte „Vointza Nationaler" über den Wucher auf dem Lande. Nun, Herr Protopopescu hält es für seine Pflicht festzustellen, daß die Wucherer, die bis 500 Prozent den Bauern a b n e h m e n, dort wo er seine Feststellungen gemacht hat, Christen sind, manche sogar sehr fromme Christen, die nie versäumen in die Kirche zu gehen, die Heiligenbilder zu schmücken, sich durch Stiftungen für Kircheilzwecke Heil zu erkaufen. Nie h a t d o r t ein Jude gewohnt, nie hat ein Jude den Boden jener Dörfer betreten. Wenn aber selbst hier und da Juden in Rumänien Wucher treiben, ist das gar so wunderbar, wenn man bedenkt, daß ihnen aus Schritt und Tritt Hindernisse in den Weg gelegt werden, sobald sie ehrlich ihren Unterhalt verdienen wollen? Nichts aber ist für die deutschen Antisemiten charakteristischer als daß sie, die in Deutschland immer den Juden den obendrein unberechtigten Vorwurf machen, daß sie kein Handwerk treiben, den Juden in Rumänien — wie dies beispielsweise in der „Deutschen Zeitung" geschieht — umgekehrt es verübeln, daß sie Handwerker sind. Das genannte Blatt schreibt: „Eine ganze Reihe von bürgerlichen Berufszweigen wird von den Juden geradezu monopolisiert. Als die antisemitische Stadtverwaltung von Galatz ihr neues Theater decken lassen wollte, fand sie n i ch t e i n e n christlichen Dachdecker, obwohl auf das eifrigste gesucht wurde, sodaß das Theater sechs Monate ohne Dach blieb. Der Entwicklung eines nationalen Mittelstandes bietet dieses Ueberwuchern des Judentums das größte Hindernis." * Also immer wieder wird der Jude verbrannt, gleichviel wie er ist und wie er handelt. Wenn die Juden in Rumänien, wie die antisemitische ..Deutsche Zeitung" selbst zugibt, unentbehrlich sind, warum macht man ihnen dort das Leben zur Hölle, warum nimmt man ihnen die Gelegenheit, sich fortzubilden und noch mehr im Interesse des Landes und des Volkes lmd natürlich auch im eigenenen Interesse zu wirken? Es ist auch eine Verleumdung der rumänischen ebenso wie der russischen Bauern, sie als instinktive Antisemiten hinzustellen. Das sind sie ganz und gar nicht. Dafür liegen zahlreiche Zeugnisse vor. Die Bojaren, die Bureankraten und die in ihrem Dienst stehenden Popen sind es, die die abergläubischen und abhängigen Bauern auf die Juden hetzen. Religion und Patriotismus werden schnöde mißbraucht zum Nutzen und Vergnügen der wenigen interessierten Judenfeinde. Das Vergnügen mag den rohen und vertierten

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