Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063382--04803-3071673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schutze dieses barg. Das war die Zeit, in der die Kultus-! gemeinde noch In de »gemein de hieß, oder aber keinerlei Titel führte, jedoch mehr Kultus besaß, als jetzt,, wo sie dafür umsoweniger Judentum besitzt. Für die Geschichte der modernen Entwicklung der - Wiener Judengemeinde kommt die Zeit vor der Austreibung im; Jahre 1670 nicht in Betracht. Wenn auch die „Weisen Wiens" bekannte und vielgenannte Größen waren, so gehört dieser Ruhm! der Literaturgeschichte an. Ebenso, wie etwa das Wirken des! R. I s a k Or 8orn3.d, des weltbekannten Wiener Rabbiners.; Die Ausweisung der Wiener Juden, so traurig und beklagenswert sie gewesen war, hatte für die Landgemeinden Oesterreichs und auch Deutschlands gute Folgen. Sie führte ihnen neue, leistungsfähige Kräfte zu und in gar manchen Städtchen war die „Wienerische Gemeinde", gebildet aus „Vertriebenen Wiens", die Quelle gesegneten Wohlstandes und reichentfalteten Gemeindelebens. Bald kehrten viele der Vertriebenen zurück und es währte nicht allzulange, bis die Wiener Judengemeinde zu neuem Leben erstand. Die „tolerierte Judenschaft", so hießen die Inden noch immer, denen eine Gemeinde zu bilden nicht gestattet war, zeichnete sich durch bewundernswerte Tatkraft, Ausdauer und Klarheit ihrer Ziele aus. Unentwegt wurde dem heißersehnten Ziele vorgearbeitet, eine wohlgefestete Gemeinde zu gründen. Die hervorragendsten Männer und Familien standen im Vordertreffen. Ihre adeligen Namen leuchten bis auf den heutigen Tag auch im Beratungssaale unserer Gemeinde, wenn auch gar mancher durch den Tod aller Nachkommen, oder — traurig genug — durch den Abfall der Deszendenten ausgelöscht ist aus dem Buche des Lebens und der Erinnerung schwergeprüfter und schwerenttäuschter Nachfolger in Amt und Würden. Bewundernswert sind und bleiben die Werke jener Männer des tolerierten Judentums in jedem Falle. Mit Rührung vernehmen mir die Berichte über die eifrigen Bestrebungen zur Gründung des ersten Bethauses und wir können noch jetzt die Freude nachempfinden, die alle erfüllte, als ihr heiliger, opfermutiger Eifer reichen Lohn empfing, das erste Bethaus sich erhob und am 4. September des Jahres 1812 eingeweiht werden konnte. Charakteristisch ist es, daß damals, wie heute, die Freidenkenden die Besorgnis hegten, es könnte in Wien eine „sogenannte Gemeinde (nbnp) entstehen". Doch muß zur höchsten Ehre und als Zeichen der Weisheit der damaligen Vertreter gesagt werden, daß sie, in weitblickender Erkenntnis der Zeitbedürfnisse, mäßiger Reform die Wege bahnten und der Ansicht huldigten, daß die gute Sache auf der Mittelstraße wandle und von Extremen entfernt sei. Der Kampf und Streit der Neuzeit zeigt sich nicht so weise. Es müßte sonst die Ueberzeugung Oberhand gewinnen, daß dem allgemeinen Zusammenbruch des Kulturslebens, hervorgerusen durch die Not der Zeit, den Gleichmut und das Dissidententum einerseits, andrerseits durch die Entfremdung einem Knlturs- und Synagogenleben gegenüber, das von Tausenden unverstanden und unempfunden bleiben muß, nur noch dadurch einigermaßen Einhalt geboten werden könnte, daß man diesen Tausenden neue und willkommene Gelegenheit bietet, sich zu der Religionsgemeinschaft zurückzufinden und zu bekennen. Das darf jedoch nicht allein auf dem Wege geschehen, daß man aus dem Kultusleben und der Kultusgemeinde — der Kultus muß um jeden Preis Kern und Stern des jüdischen Gemeindelebens sein und bleiben — einen lucns a non lucendo macht und den Schwerpunkt einzig und allein auf die Philanthropie und das Liebeswerk verlegt. Denn so jüdisch diese erhabenen Tugenden auch sind, Judentum sind sie nicht allein. Ebensowenig ist aber auch die „Historisierung" des Judentums geeignet, ein Gemeindeleben zu erfüllen, noch auch das sonderbare Bestreben, die Kraft im Judentums sich lediglich in der Betrachtung feiner Geschichte ausleben zu lassen; die Tätigkeit der Seelsorge aus der Synagoge und Schule in den Vortragssaal zu verlegen. Wir sind weit davon entfernt, die höchst anerkennenswerte Einrichtung unseres arbeitsamen Vorstandes, historische Vorträge abhalten zu lassen, abfällig zu beurteilen; entfernt, das Verdienst derjenigen zu schmälern, die sich mit großem Erfolge in den Dienst dieser Veranstaltung gestellt haben; es darf aber unter keiner Bedingung geduldet werden, daß das synagogale Leben darunter leide und die Hauptaufgabe der Rabbiner verkannt werde. Jeder moderne Rabbiner muß gewiß imstande sein, über jede Periode der jüdischen Geschichte, in angemessener Form öffentlich sprechen zu können. Kann er es nicht, dann fehlt ihm ohne Zweifel ein wichtiges Moment der erforderlichen Fähigkeiten. In allererster Linie muß er jedoch die ausgesprochene Begabung besitzen, auf der Kanzel in formvollendeter, hinreißender Weise die Wahrheiten der Religion zu verkünden, erfüllt von der Kenntnis unserer nationalen, klassischen und nachklassischen Literatur, getragen von dem Bewußtsein, daß er ein väterlicher Berater und Führer der Gemeinde zu sein hat. Jene alten Vertreter, von denen die Rede war, haben deshalb die sofortige Berufung eines Seelsorgers durchgesetzt, nachdem im Jahre 1826 die Synagoge in der Seitenstettengasse erbaut worden mar. Jsak Noa Mannheimer war der Äuserwählte. Sein Andenken ist gesegnet und unvergessen in der Gemeinde. Ob er das Ideal eines Predigers und Seelsorgers gewesen war, lassen wir dahingestellt. Die Mit- und Nachwelt preist ihn als solchen. Den Glanzpunkt der Gemeinde bildete das Gotteshaus, der einzige Sammelplatz — Synagoge — aller Gläubigen und — Ungläubigen. Ja, auch der Ungläubige. Denn auch sie erachteten es als Pflicht, dem gottbegeisterten Priester zuzuhören. So blieb es auch nach Mannheimers Tode. Jellineks Ruhm verkünden, hieße Eulen nach Athen tragen. Aber weder er, noch sein würdiger Genosse, der ernste und gelehrte G ü d emann, hatten jemals den Versuch gemacht, die Religion zu entthronen und andere Begriffe an deren Stelle zu setzen. Aus all ihren Reden geht und ging dies deutlich hervor, wenn auch sie die rein humane, die historische und nationale Seite des Judentums keineswegs vergaßen und durch ihre gelehrten und populären Veröffentlichungen mehr als hinreichend pflegten und verherrlichten. Um und Auf blieb die Religion, blieb Gott und Gottesdienst. Ohne sie war und ist Judentum eine Schale ohne Kern. Gerade aber zur Erhaltung und Rettung dieser hart bedrohten, kostbarsten Güter ist die Kultusgemeinde, sind deren Repräsentanten berufen und verpflichtet. Mit allen ehrlichen Waffen müssen sie verteidigt, mit allen bewährten Mitteln geschützt werden. Zu diesen Waffen und Mitteln gehören in erster Reihe Gottesdienst und Jugendunterricht. Wenn auch mit schwerem Herzen und tiefem Bedauern darüber, daß es so weit gekommen ist, müssen sich Männer von einwandfreier Gläubigkeit und tiefgewurzelter jüdischer Ueberzeugung entschließen, sobald als möglich einen, wenigstens einen Gottesdienst zu schaffen, der die geringsten Kenntnisse der hebräischen Sprache voraussetzt und doch jüdisch ist. Unangetastet bleibe die alte Ordnung in den bestehenden Synagogen. Den Tausenden aber, die an den gewöhnlichen Sabbathen des Jahres nun einmal unmöglich ein Gotteshaus besuchen können, aber doch vielleicht das Bedürfnis fühlen, sich ihrem Gotte zu nähern, diesen gewiß vorhandenen Tausenden öffne man die Synagogen an einem Tage der Woche zu feierlich-andächtiger Versammlung, in der Kanzelredner von aller Eitelkeit ferner, aber durch Religionstiefe hinreißendbegeisternder Gewalt, Lehre und Geschichte des Judentums verkünden und kurzes, schlichtes Gebet vereint mit ebenso einfachfrommen Liedern und Gesängen, Alle erheben, stärken und begeistern sollen. Denn — noch einmal sei es gesagt — der ewige Wert des Judentums ist und war nie und nimmer seine Geschichte allein; sein ewiger Wert ist sein Glaube an den einzigen Gott. Die ewig-junge Kraft des Judentums war und ist — und das muß gerade der ehrliche Kenner und Beurteiler feiner Geschichte einsehen und bekennen — nicht die nüchterne Wissenschaft — sondern immerdar nur der tiefe und große Glaube, das unerschütterte Gottvertrauen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.