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Die Wahrheit · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 15. bewohnte Wahlkreis auch von einem Juden im Reichsrate vertreten ist, aus Herz, daß sie der Einigung der jüdischen Stimmen, die nur mit Dr. Gustav K o h n möglich ist, keine weiteren Hindernisse bereiten, und, wenn dies auch mancher mit schwerem Herzen tut, im Interesse der Erhaltung des Mandates von der aussichtslosen Kandidatur Dr. Ofners abstehen. Daß Landesschulrat Dr. Gustav Kohn auch Vizepräsident der Knltusgemeinde ist, worauf manche seiner Gegner hämisch Hinweisen, das wird wohl für jüdische Wähler kein Grund sein, seine Wahl nicht zu unterstützen. * * * Dem von den deutschen Antisemiten betriebenen Fremden- und Rassenhaß, der nur geeignet ist, das kulturell so hochstehende deutsche Volk herabzusetzen, ist erfreulicherweise vom Regierungstische eines Bundesstaates aus wieder einmal ein kleiner Dämpfer aufgesetzt worden. Im Weimarischen Landtage schnitt am 23. März der antisemitische Vertreter von Jena- Land, Oberlandesgerichtsrat Freiherr v. R i ch t h o f e n, die Frage der Zulassung von Ausländern an den Hochschulen an, indem er besonders ans die russischen Studenten an der Universität Jena hinwies. In den Kreisen der Studierenden habe diese Frage ziemliche Erregung verursacht und auch die Profefforenschaft mitbetrossen. Mau solle die Anforj derungen an die Ausländer in Bezug auf die Vorbildung genau! so hoch stellen, wie bei den deutschen Studenten; auch in! finanzieller Beziehung ließe sich etwas machen. In politischer Beziehung seien gewisse Elemente besonders russisch-jüdischer Abkunst schärfer ins Auge zu fassen. Der sozialdemokratische Abgeordnete Bändert wünschte im Interesse des Ansehens der deutschen Universitäten, daß diese in keiner Weise für die Ausländer abgeschlossen würden. Es habe auch in Deutschland einmal eine Zeit gegeben, wo Männer außer Landes verwiesen wurden, die heute in hoher Achtung stehen; auch im Großherzogtum Sachsen fanden einmal Männer Zuflucht, die aus anderen deutschen Bundesstaaten ausgewiesen waren. Der nationalliberale Abgeordnete Netz-Jena bedauerte die Ausführungen des Abgeordneten v. Richthofen. Er könne es nicht verstehen, wie ein Abgeordneter ans Jena im Landtage gegen die Gastfreundschaft auftrete, die die Universität von altersher geübt habe. Man sei in Jena stolz darauf, daß viele Ausländer die Hochschule besuchten. Stellen sich Mißstände heraus, so könne sie die Universität aus eigener Kraft beseitigen Staatsminister Dr. N o t h e bemerkte, daß die Verhältnisse in Jena der Regierung bekannt und geregelt find. Von Mißständen. durch ausländische Studierende hervorgerufen, könne keine Rede sein. Der Staatsminister schloß seine Rede unter lebhaftem Beifalle mit den Worten: ..Die ernestinischen Regierungen betrachten es als ihre Aufgabe, die Universität hochzuhalten und das Kleinod zu bewahren, das ihnen von der Vergangenheit überliefert wurde." Der antisemitische Vorstoß war völlig mißlungen. 4? -i- Wie wenig übrigens in vornehmen deutschen Universitäts-! kreisen die Abneigung der Antisemiten gegen die russischen Juden Anklang findet, dafür ist der jüngst verstorbene berühmte Chirurg, Geheimrai Professor B e r g m a n n, ein klassischer Zeuge. Auf das Gratulationsschreiben des Hilfsvereines der deutschen Juden, der ihn anläßlich seines 70. Geburtstages beglückwünschte, gab der hervorragende Gelehrte folgende Antwort: Gestatten Sie mir, meinen tief empfundenen Dank für Ihre freundlichen Geburtstagswünsche auszusprechen. Wer, wie ich, in Rußland geboren und erwachsen bin, weiß, welche Verdienste sich gerade Rußlands jüdische Bevölkern n g uni die Verb r eitun g w e st l i ch er Kultur im Zarenreiche erworben hat. Ist sie doch bis heute der deutschen, wenn auch im Laufe der Zeit verstümmelten, Sprache treu geblieben. Um so qualvoller habe auch ich die Greuel mitempfunden, die man an Ihren Glaubensgenossen! von den Revolutionären, wie von der Regierung geübt hat. Fallen sie doch zusammen mit der Ungerechtigkeit und Rohheit, mit denen man meinen Landleuten in der alten Heimat begegnete. Herzlichen Dank und volle Teilnahme an Ihren Bestrebungen. E. v. Bergmann. * * * Im englischen Oberhaus fand eine Debatte über die Frage der Sonntagsruhe statt, die umso größeres Interesse hat, als sie sich schließlich ganz auf die die Juden betreffende Seite der Sache znspitzte. Lord Avebnry, der an der Spitze der Sonntagsruhe-Bewegung steht, hatte folgende Resolution beantragt: Das Haus spricht wiederholt die Meinung aus, daß das Sonntagsgeschäft die ernsteste Aufmerksamkeit der Regierung verdiene, und eine Gesetzesvorlage in Uebereinstimmung mit den einmütigen Beschlüssen der Kommissionen von 1905 und 1906 notwendig mache. Besonders ungünstig gegen die jüdischen Interessenten äußerte sich der Erzbischof von Canterbury. Es berührte unangenehm, daß er mit seiner Versicherung, er wolle keine Bedrückung der Juden, den Hinweis verband, die e i n g ewänderte Bevölkerung müsse sich eben den für die Einheimischen geltenden Regeln unterwerfen. Mau könne sich durch die Rücksicht auf ei:wn kleinen, noch dazu aus einen bestimmt zu begrenzenden Bezirk sich beschränkenden Bevölkernngsteil nicht von einer an und für sich notwendigen Gesetzgebung abhalten lassen. Earl B a u ch a m p' und der Earl of C r. e w e, die für die Regierung sprachen, ließen in ihren Reden erkennen, daß diese nicht gewillt sei, in absehbarer Zeit eine Aeuderung in den bestehenden Verhältnissen herbeizuführen. Der Earl B au ch a mp sah die Schwierigkeit einer gesetzlichen Regelung der Frage darin, daß eine solche sich gerade nur gegen die guten Juden und nicht gegen die schlechten Inden richten würde. Es sei zweifellos ein sehr großer Teil der jüdischen Bevölkerung, der den Sabbath heilige, und es sei möglich, einen Weg zu finden, wie diesen ein Offenhalten ihrer Geschäfte Vorbehalten werden könne. Es würde nur sehr schwer sein, zwischen den am Sabbath feiernden und den anderen jüdischen Geschäftsleuten zu unterscheiden. Der vom Chief Rabbi gemachte Vorschlag, allen Juden den Betrieb des Geschäftes am Sonntag vormittag zu gestatten, erscheine ihm als gefährlich für das gute Verhältnis zwischen der jüdischen und der christlichen Konfession. Die Schwierigkeiten würden wohl bei einer gesetzgeberischen Aktion gelöst werden können; aber zu einer solchen sei die Frage nicht reif. Sehr bemerkenswert war die Aeußerung des Earl of Crewe, ob denn alle guten Juden zur Beobachtung eines zweiten Wochenfeiertages gezwungen werden sollten, während die schlechten Juden sich nur an den bürgerlichen Feiertag halten: das heiße ja eine Prämie auf die Verletzung der religivfen Gebote setzen. Der Earl erklärte schließlich, er könne kein Versprechen abgeben, daß die Regierung sich mit der Angelegenheit in absehbarer Zeit befassen j werde. Die Resolution wurde mit einem Amendment von Lord L a n d d o w n e angenommen. Unsere Gemeinde. Unparteiische B e t r a ch tnnge n. I. „Immer strebe zum Ganzen." Wien ist eine der größten israelitischen Kultnsgemeiuden der Welt. Der größten eine nicht nur, auch eine der ältesten. Ihre Größe und ihr Alter verpflichten und berechtigen sie. Alter hat Tradition. Und an Tradition fehlt es dieser Großgemeinde nicht; an adeliger, vornehmer Tradition. Kein Wunder fürwahr, daß sich im Laufe der Zeiten Rost angesetzt hat; viel Edelrost. Unter der Patina, die Zeit und Geschichte dem Gemeindekörper angewittert haben, blinkt da und dort das Erz hervor. Dieser Gemeindekörper hat manchen Sturm erlebt; Wunden bedecken ihn; Hieb- und Brandwunden aus mittelalterlicher und neuerer Zeit. Sie sind verharrscht. um neuen Hieben Platz zn gewähren. Sie sind nicht ansgeblieben. Von der Blüte des Wiener jüdischen Gemeinwesens erzählen Nachrichten aus einer Zeil, da die großen Talmudgelehrten den Gemeinden Weltruhm verschafften; einer Zeit, in der Jsacher und Sebulnn brüderlich nebeneinander hausten, der Gelehrten- und Kaufmannstand, jener sich im Schatten und »8

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