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Die Wahrheit · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Nkdaktiou ». Sldminislraiioii: Wien, II/, Novaiagasse 27. TelkvV»» Nr. der Druckerei 1530L. Inl'evalr j Die viermal gejpallene! Nonvareille-Zeile 25 Heller. AboiiiicmenlS- U. Jnjerliousbetrage nnd iil Wien zahlbar und klagbar. vakhängige Aeitschrift für jüöische Erscheint jeden Kreitng. Uotto: „Das LlvAvI (lottes ist Wahrheit!“ j| Serngspyeis: jj Oniijjährig . . . K 14.— j!l Halbjährig . st 7.— i Für CultnSbeuiiite: |i li>i»»zjäürig . K in. - Für Ausland: J j lÄnnziährig . . . 8 Mark s i> Rubel oder 16 Acr I 11 Ur. 15 Wie». 19. April 1997 Inhalt: Aus der Woche. — Unsere Gemeinde. — Deutscher Antisemitismus und rumänische Bauernunruhen. — Salo Landau. — Ans der Wiener Kultusgemeinde. — Das nationale Judentum. — Verschiedene Nachrichten. — Neue Synagogengesangswerke. Ans der Woche. Im Vordergrund des politischen Interesses stehen die Vorbereitungen für die Reichsratswahlen und wir können hier mit Genugtuung konstatieren, daß die in unserem Blatte zuerst gegebene Anregung, für das Wiener Kaiviertel und den I. Wahlkreis der Leopoldstadt, wo die Juden durch ihr numerisches Uebergewicht auf die Wahl entscheidenden Einfluß zu nehmen im Stande sind, an Stelle der vielen Kandidaten, die sich gegenseitig bekämpfen nnd das Mandat gefährden, nach zwei neuen Kandidaten Ausschau zu halten, die vermöge ihrer Fähigkeiten und ihrer Popularität die Gewähr einer Einigung der einzelnen Gruppen innerhalb der freisinnigen Partei bieten könnten, zu einem erfreulichen und befriedigenden Resultate gediehen ist. Das fortschrittliche Zentral-Wahlkomitee hat die von.uns für die beiden erwähnten Wahlkreise in voriger Nummer genannten Kandidaten, Hofrat Kamillo Kuranda und Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, als offizielle Kandidaten nominiert, und erfterer hat sich bereits in der von der fortschrittlichen Partei für Mittwoch, den 17. d. M. im großen Musikvereinssaale einberufenen Wählerversammlung den Wählern vorgestellt. Bei der Entwicklung seines Programmes zeigte Hofrat K u r a n d a ein klares Urteil über alle derzeit aktuellen politischen Fragen, und es mußte sich Allen die Ueberzeugung aufdrängen, daß ein Mann, der die schwierigen finanz- und handelspolitischen Materien so spielend beherrscht, ganz besonders geeignet ist, einen Wahlkreis, der vorwiegend kaufmännische Wähler hat, im Reichsrate zu vertreten. Mancher wird vielleicht eine stärkere Betonung des jüdischen Standpunktes vermißt haben, aber ein Mann, der den Namen Kuranda trägt, ein Mann, der trotzdem er Jude ist, sich als Beamter durchgesetzt und es zu einer hohen und geachteten Stellung gebracht hat. ein Mann, der dem Judentum trotz aller Schwierigkeiten und Verlockungen treu geblieben ist, verkörpert in sich schon genügend seinen jüdischen Standpunkt und fein jüdisches Programm und er durfte sich darum der üblichen Phrasen, die anderen, vielleicht mit mehr Suada aber mit geringerer innerer Ueberzeugung. geläufig sind, enthoben glauben. Der einmütigen Annahme dieser Kandidatur steht das Festhalten des Bezirkswahlkomitees an der Kandidatur des Gemeinderates Dr. Hein entgegen, aber schließlich wird es doch zur Einigung kommen, besonders wenn die Ueberzeugung zum Durchbruch gelangt, daß die Person sich der Sache unterordnen muß. * * * Etwas langsamere Fortschritte macht der wohl von Allen als notwendig anerkannte, aber nur von Wenigen zur Richtschnur ihres Handelns genommene Einigungsgedanke im I. Wahlkreis in der Leopoldstadt, wo sowohl vom Bezirksals vom Zentralwahlkomitee Landesschulrat Dr. Gustav K o h n als Kandidat proklamiert wurde, der, was nicht genug nachdrücklich betont werden kann, sich nicht um das Mandat beworben hat, sondern nur auf den vielseitig von Juden und Christen des zweiten Bezirkes an ihn gerichteten Appell hin, daß er sich einer Pflicht nicht entziehen dürfe, sich zur Annahme der Kandidatur entschlossen hat. Wiewohl nun Gemeinderat K l e b i n d e r seine Kandidatu r bereits zurückgezogen hat, ein gleiches wahrscheinlich auch von Dr. Bloch zu erwarten ist, der, was immerhin Anerkennun g verdient, gewiß keinen Moment zögern wird, im gegebenen Augenblicke der Sache zu Liebe seine persönlichen Aspirationen in den Hintergrund zu stellen, und sicherlich auch die Zionisten, wenn nur ein jüdischer Kandidat dem antisemitischen Gegner im Wahlkampf gegenübersteht, wissen werden, wo ihr Platz ist, hält Dr. Ofne r mit zäher Hartnäckigkeit seine Kandidatur aufrecht. Wenn er nur einigermaßen Aussicht auf Erfolg hätte, würden wir gewiß seine Kandidatur nicht bekämpfen, und auch Landesschulrat Dr. Gustav K o h n wäre der letzte, der in diesem Falle als Gegenkandidat gegen ihn aufträte. Aber seine Chancen, die schon gegen Dr. Bloch ziemlich geringe waren, haben sich durch Proklamierung Dr. K o h n s als Kandidaten des fortschrittlichen Zentral- und Bezirkswahlkomitees, die nicht aus persönlichen Rücksichten, sondern nur behufs Einigung der jüdischen und freisinnigen christlichen Stimmen auf eine Person erfolgt ist, noch erheblich verschlechtert, und unter solchen Verhältnissen an der Kandidatur noch festzuhalten, zeigt nicht nur von politischer Kurzsichtigkeit, sondern heißt geradezu das Wasser auf die Mühlen der Gegner treiben. Daß die Sozialdemokraten den Zwiespalt im jüdischen und freisinnigen Lager nähren und daß die „Arbeiter-Zeitung" und ihr gesinnungsverwandte Organe die Kandidatur Dr. K o h u s dadurch herabzufetzen suchen, daß sie Dr. Gustav Ko hu als „Klerikalen" und „politischen Neuling" verschreien, darf niemanden Wunder nehmen. Dies geschieht weniger dem Dr. Ofner, als der eigenen Partei zuliebe; denn sie kalkulieren ganz richtig, daß wenn die jüdischen Stimmen sich zersplittern, nicht ein jüdischer, sondern der sozialdemokratische Kandidat in die Stichwahl mit dem Antisemiten kommt, und da die Juden daun sicherlich den Sozialdemokraten vorziehen würden, dann fiele ihnen das Mandat mühelos in den Schoß. Dieses Wahlmanöver zu durchschauen. dazu gehört wohl kein allzugroßer politischer Scharfsinn, und darum legen wir allen unseren Glaubensgenossen, denen daran gelegen ist, daß der in der Mehrzahl von Juden

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