Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 14 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 14. Die Wahrheit Seite 7. Koterie, die wiederum außerhalb der Regierung steht, die hungrig den Augenblick erwartet, die Herrschaft zu ergreift», sie muß sich nach populären Mitteln umsehen, um die am Ruder befindlichen Elemente zu diskreditieren. So ergibt sich denn im allgemeinen folgendes Spiel: Die Interessen der Großgrundbesitzer sind die Basis der Macht für die Konservativen wie für die Liberalen, und es blieb daher, ob konservativ, ob liberal regiert wurde, die Lage der Bauern schlimm und entsetzlich; ja sie wird immer schlimmer, da infolge der tatsächlichen Rechtlosigkeit des Bauers seine Abhängigkeit vom Großgrundbesitzer immer größer wurde; sein Besitz an Land wird entsprechend kleiner, und jede neue Generatiousfolge, die die Zahl der Mäuler, die essen wollen, vermehrt, steigert die Armut. Dieser Entwicklung sahen Konservative wie Liberale tatenlos zu. Zum Zwecke, sich gegenseitig zu diskreditieren, aber dient den einen wie den anderen die Judenfrage. Die Demagogie hat es glücklich dahin gebracht, daß der als der beste Rumäne betrachtet wird, der sich zu rücksichtslosestem Fremdenhasse bekennt. Fremde sind aber nach rumänischer Anschauung bekanntlich die Juden, auch wenn sie Soldaten waren und wenn ihre Vorfahren sich seit Generationen im Lande befanden. Freilich, es beschränkt sich der chauvinistische Fremdenhaß nicht auf die Juden; alle Ausländer haben unter ihm zu leiden; der Durchschnittsrumäne hält noch den Fremden, der Kapital und Intelligenz in das Land bringt, für einen Ausbeuter, der sich Werte aneignet, die allein dem Rumänen gehören sollten. Und nun lassen Sie mich Ihnen zeigen, wie die letzten Ereignisse sich mit diesen kurz angedeuteten Voraussetzungen verknüpfen. Die Hetze gegen die bedrückten, verelendeten Juden war seit jeher ein Nationalvergnügen, das den Nutzen brachte, die Volksmassen von ernster politischer Tätigkeit abzuhalten. Diese Hetze bedeutet einen chronischen Zustand; sie steigert sich zu Zeiten und sie wird vor allem benützt, wenn die außerhalb der Regierung befindliche Koterie der herrschenden Koterie Schwierigkeiten bereiten will, wenn, womöglich, ein Wechsel im Regiment herbeigeführt werden soll. Eine echte und rechte Judenhetze bietet für jede rumänische Regierung eine gewisse Kalamität. Schließlich kann doch kein Ministerium Raub und Totschlag längere Zeit dulden. Duldet es diese Zustände, so fällt es. weil man für die herrschende Anarchie die Regierung verantwortlich macht; und duldet die Regierung sie nicht, so ruft in Rumänien die Opposition: „Ah, seht diese fremdenfreundliche, diese judenfreundliche' Regierung; alle wahren Rumänen müssen sich gegen dies verjudete Regiment erheben." Daß es sich diesmal im Bezirke des Präfekten Vasescu um ein derartiges abgekartetes Spiel der Opposition gehandelt hat, dafür fehlen mir die Beweise; aber dafür liegen die Beweise in der offiziösen liberalen Presse Rumäniens vordaß in dem Augenblick, als die ersten Exzesse gegen Juden in der Moldau vorgefallen waren, die Oppositionsblätter die Regierung mit dem nationalen Zorne bedrohten, wenn man wagen würde, den Plünderern in der Moldau das Handwerk zu legen; also die Demagogie bemächtigte sich sofort der Gelegenheit, um einen parteipolitischen Vorteil einzuheimsen. Und nun kam die entscheidende Wendung. Man hatte den Bauern oft genug gesagt, daß der Jude ihn ausplündere — der arme Jude, der meist selbst ausgeplündert wird und nichts zu beißen und nichts zu brechen hat — und daß der Auspftinderer vogelfrei sei. So stürzte sich denn der Bauer freilich wieder einmal auf den Juden, aber er fand, daß der Bojare ihn doch vor allem in der furchtbarsten Misere hinsiechen lasse. Und so stürzte er sich auch auf den Großgrundbesitzer, und das nahm man übel, und der Bauer wurde nunmehr mit Kartätschen und Flintenkugeln empfangen. Die Lage war am Rande der Anarchie; die Rettung kam vom Militär; die Disziplin bewährte sich, und die Armee bewahrte das Land vor einer Katastrophe. Für wie lange? Einsichtige Politiker in a l l e n Lagern sind sich klar darüber, Laß ohne durchgreifende Reformen und ohne daß der Koteriegeist und der Geist der Demagogie im öffentlichen Leben zurückgedrängt und das Rechtsgefühl gehoben wird, das Geschehene in gegebener Zeit seine Wiederholung finden muß. Aber ob die soeben erhaltene Lehre ausreicht, um die Schar der Parteigänger — konservativer wie liberaler — solcher Einsicht geneigt und zu Opfern bereit zu machen? Der feste Wille des Königs könnte in dieser Beziehung viel erreichen, und ich habe Grund, anzunehmen, daß der König sich über die Lage nicht täuscht. Die Unterredung schloß mit folgenden Worten: Oesterreich-Ungarn ist an der Entwicklung in Rumänien ganz besonders interessiert. Die agrarische Sturmflut in Rußland schäumt noch auf und ab, und nun diese agrarische Sturmflut in Rumänien. Die ostenropäische Agrarbewegung könnte auch einmal Galizien und Ungarn stark beeinflussen. Eine vorausschauende österreichisch-ungarische Regierung wird mit diesen Möglichkeiten zu rechnen haben. Eine Beschönigung der rumänischen Zustände dürste daher ein schlechter Dienst für Oesterreich-Ungarn wie für Rumänien sein; es sollte eine gesunde Kritik in der Presse Westeuropas entsetzen, und diese Kritik müßte auch die geeignete Unterstützung seitens der Regierung der westlichen Mächte erhalten, damit gegen die Koterieherrschast jene Elemente in Rumänien die Oberhand erhalten, die das Land regenerieren, und zu einem Kulturstaat machen wollen. Solche Elemente gibt es; sie sind nicht zahlreich; desto notwendiger ist eine sachliche Kritik, um ihnen die Wege zu ebnen. Hilfsverein und Itv. Dem soeben erschienenen Jahresbericht des Hilfsvereines der deutschen Inden entnehmen wir über die Kooperation zwischen der Jto und dem Hitfsverein folgenden Passus: ’ „Neue Ei nwanderungs Möglichkeiten. Wie im vorigen Jahre so waren auch im Jahre 1906 unsere Bemühungen daraus gerichtet, die Auswanderungsmöglichkeiten für jüdische Auswanderer zu vervielfältigen, denn die Länder, nach denen jetzt der Hauprstrom der jüdischen Auswanderer geht, können auf die. Dauer die Massen der Juden, die durch die Verhältnisse im Osten Europas gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen, nicht aufnehmen. Die Vorsitzenden des Hilfsvereines, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan, sind aus diesen Gründen der geographischen Kommission, welche die Jewlsh Territorial Organisation (Jto) eingesetzt hat, beigetreten. Neben ihnen gehört dieser Kommission noch an Lord Rothschild, London. Oskar Strauß, Newyork und Professor Mandel st am m. Kiew. Ferner bilden unsere Vorsitzenden, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan, mit Herrn Doktor Klee zusammen das Berliner Bureau der Jto, das die Arbeiten sür den Plan, die jüdischen Einwanderer nach den Süd- und Weststaaten der Union zu lenken, in Deutschland zu leiten und zu überwachen hat. Eine große Zahl von Siedlungsprojekten lag uns auch dieses Jahr zur Prüfung vor; nicht alle konnten wir gutheißen, aber manche verdienen die sorgfältige Beachtung, die wir ihnen haben zuteil werden lassen. Die vielen Projekte, die in den Zeitungen austauchten, die Anpreisungen von Landagenten und Schiffartsgesellschaften mußten von uns auf ihren tatsächlichen Wert geprüft werden. In einer Reihe von Fällen haben wir durch unsere Auskünfte den Auswanderungslustigen neue Wege geöffnet, viel bedeutender ist aber die Zahl derjenigen, die wir rechtzeitig davor warnen müffen, falschen Gerüchten und aus Geschäftsinteressen von interessierten Kreisen veröffentlichten Informationen zu trauen und nach Ländern sich in Bewegung zu setzen, in denen sie kein Fortkommen hätten finden können." Professor Dr. Martin Philippson über die Jto. In dem soeben erschieneneu Jahrbuch des nunmehr 209 Vereine umfassenden Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur gibt Professor Dr. Philippson wie alljährlich einen Rückblick auf das verflossene Jahr. Er schließt mit der Begründung der Jto durch Israel Z a n q w i l l und widmet der Jto folgende warme Worte: Ihren menschenfreundlichen Bestrebungen, die bei der englischen Regierung ein verständnisvolles Entgegenkommen gefunden haben, ist bestes Gelingen zu wünschen. Möchten die verfolgten Söhne Israels eine Scholle finden, die sie ihr eigen nennen dürfen. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Israelitische Kultusgemeinde.) Sonntag, den 14. Avril 10 Uhr vormittags, findet eine öffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der isr. Kultusgemeinde, I.. Seitenstettengasse 4, II. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Präsidialbericht. 2. Bericht des des Vertreterkollegiums betreffend die erfolgte Einverleibung des XXI. Gemeindebezirkes (Floridsdorf) zur Kultusgemeinde Wien. 3. Berufung von sechs Vertrauensmännern für den XXI. Bezirk. 4. Eventualia. Wien. Am 17. Oktober jedes Jahres gelangen die Zinsen des „Prediger Mannheimer-Vereines" zur Verteilung. Anspruch auf diese Unterstützung haben bedürftige Rabbinen, Prediger und Lehrer in Oesterreich-Ungarn, welche dienstunfähig geworden sind, oder deren