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Die Wahrheit · 1907-04-12 · Heft 14 (12.4.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 14 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 14. Im heiligen Lande, so hieß es 'damals, dürfe man ungestört und ungestraft Kabbalah treiben. Luzzatto zieht hin und widmet sich mit der ganzen Glut seiner traumtrunkenen Seele der Lieblingswiffenfchaft. Allein drei Jahre bloß konnte er sein stilles Glück genießen. Die Pest zog damals verheerend durch Palästina und fällte den noch nicht ganz Vierzigjährigen samt seiner Familie*) (1747). Ob hiedurch der Tod dem Judentum einen falschen Messias erspart hat, ist unbestimmtsicherlich aber hat er ihm einen echten, großen Dichter frühzeitig entrissen! Hilfsaktion der „Israelitischen AUm»;" für Rumänien. Nachdem in der Moldau die Ruhe vollständig wiederhergestellt wurde, kehrten kurz vor den Feiertagen etwa 350 Familien von den in Jtzkany und Suczawa angesammelten Flüchtlingen in ihre Heimalsorle Burdujeui. Buceca und andere Städte zurück. Durch das von der „Israelitischen Allianz" eingesetzte und von Herrn Oberrabbiner Dr. Rosenfeld in Czernvwitz im Verein mit Herrn Kultusvorsteher Dr. Finkler in Suczawa und Herrn Sam. H e l l m a n n in Jtzkany geleitete Hilfskomitee wurden den ärmsten dieser Familien zunächst für die Feiertage Unterstützungen in der Höhe von zusammen K 8000 gewährt. Diejenigen, welche noch etwas von ihrer Habe gerettet hatten, verzichteten auf die momentane Unterstützung, da sie der Hilfe nur zur Wiederherstellung ihrer Existenz bedürfen werden. Nach den Feiertagen wird eine von der Czernowitzer Filiale der „Israelitischen Allianz" ernannte verläßliche Kommission sich nach den rumänischen Orten begeben, um den Schaden genau zu erheben und für die notwendige Hilfe Vorschläge zu machen. Im ganzen hatten nach den Berichten des Lokalkomitees der „Allianz" in Jtzkany während 10 Tage zirka 2600 jüdische Flüchtlinge auf österreichischem Boden geweilt und für Rechnung der „Allianz" Unterkunft und Verpflegung gefunden. Mit vieler Aufopferung und Hingebung haben die ganze Zeit sich dort der Unglücklichen angenommen die Herren Samuel und Max Hellmann, Marcus Grünberg, Leiser Peretz, Adolf G o l d b e r g und Max D i s ch e, ferner das Komitee des „Zion"-Vereines: Hermann Peretz, Adolf G r ü n b e r g, Adolf H e l l m a ii n u. a., sowie die Damen: Frl. Regina Weinberg, Jda P o l l a t s ch e k, Sofie und Karoline Klein. Unabhängig von dieser Aktion für die dem österreichischen Gebiet benachbarten Orte wird von Bukarest aus seitens der Wiener „Allianz" im Einvernehmen mit den anderen Organisationen eine Hilfsaktion für die inneren Orte Rumäniens geleitet, die durch die Exzesse geschädigt wurden. Zur Linderung der momentanen Not hat die „Allianz" dem Bukarester Komitee zunächst einen Beitrag von Frcs. 5000 überwiesen. Die weitere Hilfe wird nach zuverlässiger Feststellung des Schadens an den einzelnen Orten gewährt werden. Spendeneingänge. Die Hochherzigkeit unserer Glaubensgenosse» hat sich auch bei diesem traurigen Anlasse bewährt. Obwohl die „Allianz" einen formellen Aufruf noch nicht veröffentlicht hat, sind bis zum 3. d. M. aus Oesterreich zugunsten der Opfer der rumänischen Exzesse bereits Spenden in der Höhe von ca. K 48.000 eingegangen, darunter Albert Landau L 2000, A. Stern & Sohn K 1000, Israelitischer Humanitatsverein „Eintracht" B'nai B'rith L 1000, Israel. Humanitätsverein -„B'nai B'rith Wien" K 2000, kais. Rat Alois Lemberger K 1000, M. LJ. MandlL 1000, Leopold, Adolf und Richard Lieben K 2000, S. Katzau K 1000, S- Trebitsch & Sohn K 1000, I. Stein Frcs. 1000; von den auswärtigen österreichischen Gemeinden eine Sammlung des Borstandes der isr. Kultusgemeinde Krakau im *) Daß Luzzatto, wie dies die Historiographen behaupten, so zuletzt Bernfeld im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1907 p. 201, in der Hafenstadt Akko gestorben sei, ist sehr zu bezweifeln. In dem Schreiben, in welchem die Gelehrten der Stadt Liberias von Luzz a t t o's Tod Mitteilung machten, wird als Sterbeort K'nntob “pttDfi KpK angegeben (Kerem Chemed II., p. 61). Die Hafenstadt Akko ist nun nicht nur ziemlich entfernt von Liberias, sie wird auch hebräisch anders geschrieben, nämlich -op. Luzzatto dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach in einem bei Liberias gelegenen Flecken A k a (am 6. Mai 1747) gestorben sein, worauf er in Liberias selber neben Rabbi A k i b a bestattet wurde. Betrage von L 1415-06. Bon nichtjüdischer Seite gingen der „Allianz" zu: Bon M e ß t 0 r f, B e h n L Co. K 1000, Graf Nikolaus von D e sfours-Walderode K 200, „TJ11 catholique“ K 50, Kanonikus und bischöflicher Vikar Wenzel WLchtler in Podersam L 10. Ferner hat Herr Hatvany-Deutsch in Budapest zu Händen der „Allianz" namens des von ihm geleiteten Unterstützungskomitees für das gemeinsame Hilfswerk einen Beitrag von K 10.000 überwiesen. Der Sekretär der „Isr. Allianz", Herr Dr. A. Kaminka, hat sich nach Bukarest begeben, um im Verein mit den Delegierten der anderen Organisationen das Hilfswerk zu regeln. * * * Herr Dr. Paul Nathan vom Berliner Hilfsverein, der sich vorige Woche auf der Rückreise von Rumänien nach Berlin einige Tage hier aufhielt, hat einem Redakteur der „N. Fr. Pr." folgende Mitteilungen gemacht: Die Aufgabe, die ich in Rumänien zu erfüllen hatte, war zunächst eine rein humanitäre. Ihre treffliche israelitische Allianz in Wien hatte an der Grenze der Bukowina zwar die nötigen zweckmäßigen Veranstaltungen getroffen, hingegen wußten wir über die Ereignisse im Innern des Landes nicht allzuviel Zitverlässiges. lieber diese Verhältnisse die nötigen Auskünfte einzuziehen, war meine Absicht. Und darüber hinaus wollte ich mich über die Gesamtlage in Rumänien informieren, denn es ist völlig klar, daß die geeigneten humanitären Heilmittel sich nur anwenden lassen, wenn eine klare Einsicht über die Besonderheiten des Uebels und über seinen voraussichtlichen Verlauf vorhanden sind. Mit anderen Worten: Da die Leiden der Juden in Rumänien die Folgen politischer Ereignisse sind, so muß auch die Diagnose eine politische sein, soll die notwendige Einsicht gewonnen werden. Ich habe mich daher keineswegs darauf beschränkt, mit Glaubensgenossen über die besondere Hilfsaktion Verabredungen zu treffen, sondern ich habe die führenden Politiker des Landes aufgesucht: den Ministerpräsidenten Sturdza, diesen europäisch gebildeten Mann, der in Bonn studiert hat, den Minister des Innern: Herrn Bratiano, der ein vortreffliches Französisch spricht, Herrn Peter Carp, den Führer der Junimisten, eine kraftvolle Persönlichkeit trotz seiner Jahre, die voll rücksichtsloser selbstbewußter Energie auf jene Ziele losgeht, deren Erreichung er als notwendig ernannt hat; Herrn Take Jonescn, eine der leitenden Persönlichkeiten des gestürzten konservativen Kabinetts, der mit diplomatischer Geschicklichkeit seine Gedanken formuliert; ich habe dann neben den Politikern auch mit politischen Journalisten gesprochen, vor allem mit Herrn Mille, dem Herausgeber des „Adeverul", der außerhalb des Verbandes der Parteien ganz weit links steht. Die Einsicht, die ich gewonnen habe, läßt sich dahin formulieren: die Judenfrage ist das Korrelat der Bauerufrage. Die Lage beider Schichten ist eine trostlose, und die Ursache liegt darin, daß eine kleine herrschende Schar, die sich um das Bojarentum gruppiert — Politiker, Beamte, Aemterjäger, intellektuelle — natürlich intellektuelle nur dem Titel nach — also intellektuelle Chauvinisten, daß sie alle wie eine erdrückende. Last die nicht privilegierten Schichten Niederhalten; sie für ihre politischen und für ihre wirtschaftlichen Zwecke ausnützen und hiebei ist die Etikette „Liberal" und „Konservativ" von ganz untergeordneter Bedeutung. Die Konservativen wie die Liberalen üben eine krasse Klassenherrschaft, und diese Klassenherrschaft haben zu erdulden: Bauern und Juden. Die wirtschaftliche Lage der Bauern ist eine verzweifelte; sie sind zwar nicht der Verfassung nach, aber tatsächlich politisch rechtlos, und sie stehen daher nicht besser da als die Juden, die, obwohl sie auf den Berliner Vertrag Hinweisen können, sowohl tatsächlich wie auf Grund der Gesetze rechtlos sind, und diese rechtlosen Massen stehen einem Beamtentum gegenüber, das mit dem Wechsel der Parteien — man sollte sagen der herrschenden Koterien — ständig erneuert wird; dessen Stellung daher völlig abhängig von der Partei ist, also von der Agitation, vom Schlagworte des Tages. Welch ein weiter Spielraum, unter diesen Umständen der politischen Demagogie gewährt ist, wird aller Welt klar sein. So ist das leitende Motiv der Verwaltung Begünstigung der Interessen der eigenen Freunde und Parteigenossen mit allen Mitteln, und diejenige

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