Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 14 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14. Die Wahrheit. Seite 6. mit Spinoza, so der Herausgeber seines philosophischen Werkes: „Choker umekubbal" — Dr. Freystadt. Graetz nennt ihn im 10. Bande seiner Geschichte einen wiedererstan- , denen Jehudah Halevi, nur sei Luzzato ..zarter, reifer,! vollendeter, von feinerem Sinne für den Wohlklang der Sprache gewesen." Auch der Vergleich mit dem alexandrinischen Denker und Meister der Sprache Philo drängt sich auf. Bei näherer Betrachtung aber erweist sich Luzzatto als ein erratischer Block auf dem Felde der jüdischen Literatur, als singuläre Persönlichkeit, die nur durch sich selbst zu beurteilen ist. Der Hintergrund, von welchem Luzzatto sich abhebt, ist ein bedeutsamer! In Norditalien stand seine Wiege. Dort vermochte das Judentum des 17. und 18. Jahrhunderts einer gewissen Freiheit und in deren Folge auch eines höheren Kulturniveaus sich zu erfreuen. Wir finden hier jüdische Renaissancegestalten, so den Polyhystor Leo de Modena und den Abenteurer Josef Delmedigo. Hier wuchsen jüdische Dichter und Dichterinnen auf, welche die hebräische und italienische Sprache in gleicher Weise meisterhaft beherrschten, unter letzteren ragten hervor Deborah Ascarelli und Sarah Copia Sü ll am, beide in Venedig. — Tief bewegt war das Judentum im Zeitalter Luzzatto's. Die vom falschen Messias Sabbatai Zewi inaugurierte Bewegung hatte man wohl schon überwunden, allein ihr Wellenschlag war noch in den Geistern und Gemütern zu spüren. In einem solchen Milieu wurde Moses Chaim Luzzatto im Jahre 1707*) zu Padua geboren. Sein Vater Jakob, ein wohlhabender Kaufmann, ließ ihm eine sorgfältige Erziehung angedeihen, so daß der Knabe außer der hebräischen noch die lateinische, französische und italienische Sprache beherrschen konnte. Eine besondere Geistesschärfe und eine üppig blühende Phantasie — zumeist Gegensätze — vereinigten sich frühzeitig im Knaben und fanden in einer meisterhaften Sprache ihren Ausdruck. Gar bald erregte Luzzatto die Aufmerksamkeit der Gelehrten Paduas. Der Dichter Jsak Chaim Kantarini und der Rabbiner Jesaja Bassani wurden seine Lehrer. Noch nicht 17 Jahre alt, verfaßte der junge Luzzatto eine Poetik und Rhetorik der hebräischen Sprache D’-na1? genannt, und bearbeitete dramatisch die Lebensgeschichte Simfon's. Die einzelnen Bruchstücke, die von dieser Erstlingsarbeit veröffentlicht vorliegen, verraten bereits seinen, von dem bis dahin herrschenden abweichenden Stil. Ein gewaltiger Periodenbau an Stelle des sonst gebräuchlichen Parallelismus, eine freie Formung der Ausdrücke statt der Herrschaft der Phrase und vor allem eine Hebraisierung der mythologischen Figuren gelangen schon hier zur Geltung. Im zweiten Drama, das uns vollständig erhalten geblieben ist, n$ vnD — der hohe Turm — wurde seine Sprache noch kraftvoller und feuriger. Als er 20 Jahre zählte, da wagte er sich an die Abfassung von 160 Psalmen nach davidischem Muster. Luzzatto's Ruhm wuchs von Tag zu Tag; was Wunder nun, daß der vielgefeierte Jüngling sich auch mit den Reizen jener Wissenschaft vertraut machen wollte, die damals trotz Sabbatai's Katastrophe als die moderne, als die einzige eines großen Geistes würdige galt? -Die Kabbalah, die im Mittelter und in der beginnenden Neuzeit nicht bloß bei den jüdischen, sondern auch bei christlichen Gelehrten — so bei Reu chlin und später bei Leibnitz — in hohen Ehren stand, wurde nunmehr L u z z a t t o's Liebe und — Verhängnis. Sein Lehrer Bassani hatte ihn in die Geheimgänge eingeführt, allein gar bald übertraf der Jüngling seinen Meister, so daß dieser zuletzt zu ihm bewundernd aufschaute und ein Kreis von Verehrern um ihn sich scharte. In kürzester Zeit verfaßte Luzzatto einen Sohar Tinjana — einen zw eitert Sohar — mit Tickunim — Bemerkungen. Die allgemeine Bewunderung, das berauschende Bewußtsein, die Umgebung weit zu überragen, sowie der Ueberschwang der eigenen Gefühle zeitigten in dem Jüngling langsam, aber stetig den Gedanken, daß er etwas Höheres sei, daß seine Ideen Visionen wären, inspiriert von einem unsichtbaren Wesen, Maggid genannt, das ihn des Verkehres würdige. Dies sollte zu seinem Verderben werden! Wenn auch anfänglich nur im Vertrauen mitgeteilt, so sickerte doch Luzzatto's Selbstverherrlichung bald in die weitesten Kreise durch! — In damaliger Zeit waren trotz der schweren Verkehrsverhältnisse die Beziehungen unter den jüdischen Gemeinden überaus intensive. Hiefür spricht folgende Tatsache: Ein Studierender der Medizin, Namens Jekutiel aus Wilna, besuchte die Universität in Padua und gehörte zu den Bewunderern L uz a t t o's. Ueber dessen Visionen schrieb er an den Talmudgelehrten Mordechai I a f s e in Wien, von wo es der in Altona weilende, aus Palästina stammende Gelehrte Moses C h a g e s erfuhr. Dieser, das Austauchen eines neuen Sabbatai Zewi befürchtend, forderte nunmehr die Rabbiner V e n e t i e n s auf, gegen Luzzatto einzuschreiten. Als diese sich hierin lau zeigten, da veranlaßte C h a g e s die hervorragendsten Rabbiner Deutschlands, den Bann über alle zu verhängen, die sich mit der Abfassung kabbalistischer Schriften beschäftigten. Dies wirkte. Luzzatto, seiner Naturanlage nach wankenden und schwankenden Charakters, lieferte an seinen Lehrer Bassani alle seine kabbalistischen Schriften aus und versprach, von nun ab der Mystik ganz zu entsagen. Daraufhin erhielr er im Jahre 1730, erst 23 Jahre alt, die Autorisiation zum Rabbiner. Zur gleichen Zeit führte er die Tochter des Rabbiners Finzi als Gattin heim. Allein nicht lange vermochte Luzzatto seinen Hang zur Kabbalah zu überwinden und als schließlich Luzzatto von einer Trutzschrift Kenntnis erhielt, die Leo de Modena gegen die Kabbalah abgefaßt hatte, da griff er trotz gegebenen Versprechens zur Feder, um das bedrohte Palladium zu verteidigeu. Da brach der Sturm los! Nach einer kurzen, für Luzzatto demütigenden Unterhandlung verhängten die Rabbiner Venetiens den Bann über die Besitzer und Leser der Schriften L u z z a t t o's. Nun konnte und mochte Luzzatto nicht länger in Italien bleiben. Am 26. November 1734 verläßt er Haus und Heim, Ellern und Familie und stieht merkwürdigerweise nach jenem Lande, woher die ersten Pfeile kamen: nach Deutschland. In Frankfurt am Main erfuhr er bald, welches Schicksal seiner harre. Vom Rabbiner Jakob K o h n gedrängt, mußte er einen Bußebrief unterfertigen, in dem er seine Schuld selbst bekannte. Dieses Schreiben wurde als Flugschrift, die für den Verfasser als Steckbrief gelten mußte, an alle Gemeinden mit! der bezeichnenden Einleitung abgeschickt: nva ev "wrr n-nnrr '22 (Und dies ist das Schuldbekenntnis, das Moses vor den Söhnen Israels abgelegt.) Um so schneller suchte nun Luzzatto den ihm im vollsten Sinne des Wortes zum Bannkreis gewordenen Boden zu verlassen. Er lenkte seine Schritte nach Amsterdam, und i siehe da! eine neue Luft wehte ihm entgegen. Der Mystiker wurde in ihm vergessen und der Dichter verehrt! Die Gemeinde überhäufte den genialen Mann mit Ehren, und seine Muse lohnte reichlich diese Gastlichkeit. Hier in Amsterdam reiste L u z z a t t o's Meisterwerk, das Drama: r6nn an©'1? (der Ruhm der Tugendhaften), eine Arbeit, die aus die Entwicklung der neuhebräischen Literatur des XVIII. und XIX. Jahrhunderts von epochaler Bedeutung gewesen. Hier entstand auch sein von stillsanftem Geiste durchwehtes Moralbuch an®' nbao, das zum Erbauungsbuch des jüdischen Hauses geworden und von dem der Gaon von Wilna einst sagte: Lebte Luzzatto noch, ich würde zu Fuß zu ihm wandern, um von ihm Morallehre zu vernehmen.**) — Glücklich lebte Luzzatto, umfriedet von allen guten Geistern seiner Muse und seiner Gläubigkeit. Den Lebensunterhalt für sich und seine Familie, die ihm nachgezogen, fand er gleich seinem großen Stammesgenossen Spinoza in dem Gewerbe des Schleifens. L u z z a t t o's , Natur aber war nicht für die Ruhe geschaffen und seine Sehnsucht nach der Kabbalah eine unstillbare. *) Das Tagesdatum ist unbekannt. **) Bgl. hierüber I. Wohlgemuth: Der Weg der Frommenp. XV