Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 13. Pharisäer, wie Hillel und Akiba, genau so wie das Christentum, Die Nächstenliebe als den Mittelpunkt der Thora bezeichnet haben. -Endlich ist außer dem auch noch heute nicht geschlichteten Streit über die Pharisäer und ihre Traditionen die Entfernung vom Judentum um so größer geworden, als man ohne die Kenntnis des jüdischen Lebens jener Ueberlieferungen, die sich vom Vater auf den Sohn mündlich fortgeerbt haben, nicht eingegangen ist. Daß die Thora nicht nur Gesetz ist, sondern die Grundlehre der Ethik, das haben alle Propheten und auch die Schrift- -gelehrten des Jutentums vielfach bewiesen und selbst das Neue Testament erkennt als das Hauptgebot des sogenannten Gesetzes die Gottesliebe und Menschenliebe an. Eine Versöhnung zwischen Mutter und Tochter kann nur der Herold der Wissenschaft, und zwar der voraussetznngslosen Wissenschaft, herbeiführen, und der Beginn einer solchen Versöhnung erfolgte im Zeitalter der Reformation, indem weise Gelehrte Deutschlands zu jüdischen Lehrern in Italien nach Venedig, Padua und Rom gezogen sind, um die alte hebräische Muttersprache wieder zu erlernen. Der erste deutsche Christ, der eine hebräische Grammatik schrieb, war R e u ch l i n. Ihm verdanken wir, daß die Verleumdung des abtrünnigen Juden Pfefferkorn gegen den Talmud zunichte gemacht wurde und daß der Papst selbst, anstatt neue Scheiterhaufen für den Talmud anznfachen, den Talmud neu zu drucken befahl. Die hebräischen Kenntnisse Luthers, die er Nikolaus D e l y r a zn verdanken hatte, haben für die Kenntnis des Judentums Bedeutendes geschaffen, aber noch nicht genug. Die Verständigung muß tiefer greifen, nämlich zu den Quellen der mündlichen Ueberlieferung führen. Auf den Universitäten soll nicht nur das Philologische, sondern auch das Ethnologische Der Hebraica und Semitica vorwalten und die Kenntnis auch der nachbiblischen Schriftwerke eine Lehrkanzel finden. Bor einigen Tagen hat in Hamburg Professor Delitzsch einen Vortrag gehalten über die Einflüsse der babylonischen Ausgrabungen. Er sagte, der himmelschreiende Aberglaube, welcher die Hexenprozesse bis ins XVIII. Jahrhundert zeugte, ist ein Produkt der Einflüsse Babels aus das katholische und protestantische Christentum und auch auf das spätere Judentum zur Zeit des Exils, wo Juda mit Babel in nahe Berührung gekommen war. Es sei ein Ruhm der altisraelitischen Religionslehre, daß sie den Aberglauben streng verpönt hat. Der Grund dieser Verpönung ist aber der reine und ethische Monotheismus. Wird die Muttersprache und auch die Mutterseele mehr Würdigung auch in unserer Zeit erlangen, so wird die Feindseligkeit allmählich aufhören. — Das sehr zahlreich erschienene Publikum dankte dem beliebten Redner für seine interessanten Ausführungen mit lebhaftem Beifalle. _ Israel Weiß s. A. Donnerstag, den 21. d. M., verschied im 88. Lebensjahre Der emer. Rabbiner und Religionslehrer Israel Weiß zu Komotau in Böhmen. Gott hatte ihn mit einem langen, der Thora und Jugenderziehung gewidmeten Lebenbeglückt, und tu geistiger Frische, wie selten einer, oblag er bis an fein Ende dem Studium der Thora, die ihm Kraft und Stärke, Erhebung und Trost gewährte. Mehr als fünfzig Jahre wirkte der Gottesmann zu Eidlitz-Komotan und bildete eine Unzahl von Schülern aus. Die ehedem so große, heute allerdings zerfallene Gemeinde Eidlitz leitete er segensreich und zugleich die heute große Gemeinde Komotau in nächster Nähe von Eidlitz. Weiß, der ans Dobruska in Böhmen stammte, war ein von aufrichtiger Liebe zu Gott und seinen Geschöpfen erfüllter Gelehrter, dessen Pflichttreue und Strebsamkeit allen zum Muster dienen können. So oft ich ihn in seinem freundlichen Heime zu Eidlitz aufsnchte, hatte ich eine innige Freude, denn durch seine gediegenen Erklärungen der heiligen Schrift, durch seine scharfsinnige Auffassung talmudischer Stellen, wie durch seine einzig dastehende Auffassung der Ereignisse machte er den Eindruck eines vollendeten Weisen. Seine Gattin Charlotte wußte durch ihre Herzensgüte, Gastfreundschaft und Klugheit die zahlreichen Gäste zu gewinnen; sie war, gleich seiner ersten Gattin, eine treue Beraterin und Helferin an seiner Seite, ein Biederweib in des Wortes tiefster Bedeutung, die ihn bis an sein Lebensende mit Liebe und Hingebung pflegte, ein Frau, der man das rühmende Zeugnis geben darf, bssso su ischto, daß sie feines Hauses Zier und Stütze ist. Auch seine Kinder erzog er aufs beste und zu seiner Freude konnte er diese zumeist in guter Stellung und erfolggekrönter Tätigkeit sehen. Seine auch in Wien in großer Zahl lebenden Schüler werden gewiß mit Wehmut des Heimgegangenen Lehrers und Beraters gedenken, der ihnen nicht bloß Lehrer, sondern auch Freund und Förderer gewesen ist. Sehr viele bekleiden heute angesehene Stellungen und danken seiner gewissenhaftett Erziehung, nicht zum wenigsten seiner sanften, freurtdlichen Art, ihr dauerndes Interesse am Judentum. Wie gern sprach der Teure von der Schule, der Methode erfolgreichen Unterrichtes und seinen pädagogischen Grundsätzen! Auch seine große Gelehrsamkeit wie seine schulmännischen Erfahrungen erleichterten ihm wesentlich die schwere Arbeit des Unterrichtes. Seine Erfolge wurden auch seitens der Schulbehörden wie seiner Gemeinde vollauf geschützt. Wie er ein treusorgender Familienvater und ein aufopfernder Lehrer und Förderer der Jugend war, so war er auch seiner Gemeinde Eidlitz-Komotan ein aufrichtiger, hingebungsvoller Leiter und Berater. Sein bescheidenes Wesen gewann ihm rasch die Herzen der Gemeindemitglieder und allgemeine Wertschätzung itnd Hochachtung überall war die Frucht seines echt priesterlichen Wirkens: durch Geduld und Sanftmut die Thora zu verbreiten und Duldsamkeit und Freundlichkeit gegen jeden zu bekunden. Sein Wort war so gediegen, wie sein Geist und Gemüt und er wirkte durch die Logik der Gedanken wie durch Klarheit der Darstellung. Er war einer der ältesten Rabbinen und Religionslehrer Böhmens. Seit einigen Jahren lebte er im Ruhestand in Komotau, wo er auch fein goltgeweihtes Leben beschloß. Er hatte die Freude, daß einer seiner Söhne sich dem Gottesstudium widmete und im Sinne seines großen Vaters zn wirken, gewiß als Pflicht ansehen wird. Weiß war ein Meister der heiligen Sprache und entwarf spielend die schönsten Grabschriften. Seine hohe Begabung und sein Gedächtnis begleiteten ihn bis ans Ende, eine Gnade des Ewigen, die nur wenigen zuteil wird. Prüfungen und Leiden waren ihm wie jedem Sterblichen auferlegt, doch mit größter Geduld und Ergebung ertrug er selbst im hohen Alter alle Schlüge des Schicksals, das ihn stählte. Vor einigen Jahren sank ihm eine Tochter ins kühle Grab, und seine Antwort auf die Kundgebung des innigen Beileides ob solchen Unglückes verriet ein so erhebendes Gottesvertrauen, daß daraus wieder nur die Größe seiner edlen Seele und die Unerschütterlichkeit seines Glaubens erhellen. Sein Hingang hat denn auch alle, alle, die ihn kennen und schätzen zu lernen das Glück hatten, tief erschüttert und die Teilnahme an seinem Leichenbegängnis war allgemein. Wer nur konnte, aus nah und fern, gab dem edlen Lehrer und Menschenfreunde das letzte Geleite. Die Trauerfeier im Tempel vereinte eine große Trauergemeinde und erschütterte alle attfs tiefste. Nun ruht er sanft, der stille Dulder und rastlose Arbeiter, und wartet des Gotteslohnes der Gerechten. Seine Freunde und Anhänger aber mögen in seinem Sinne wirken für Gottesglauben und Wahrheit. Gerechtigkeit und Recht! K r u m a u, 25. Mürz 1907. Dr. L. H i r s ch. Gallischer Hilssverei». Sonntag, den 34. d. M., fand die Generalversammlung des Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien in den < Räumen der B'nai B'rith-Bereinigungen. IX.. Universitätsstraße 4. statt. Nachdem der Bizepräsident, Herr Lederer, in Vertretung des Präsidenten, Herrn Sigmund Mayer, die Versammlung eröffnet und die Anwesenden, insbesondere aber die Delegierten der Ortsgruppen und Gäste begrüßt hatte, teilte er mit, daß Begrüßungsschreiben. Telegramme und Entschuldigungsschreiben einlangten: Vom Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M., von der Jewish Colonization Association in Paris, vom Verband der österreichischen B'nai B'rith-Bereinigungen, von den Kultusqemeinden Wien und Mähr.-Ostrau, von den Ortsgruppen.Jungbnnzlau, Linz, Mähr.-Ostrau und Reichenberg und von einer größeren Anzahl Mitglieder der Vereinsleitung, des Schiedsgerichtes und der Ortsgruppen. Der Vorsitzende hielt sodann dem im letztverfloffenen Jahre verstorbenen Mitgliede der Bereinsleitung. Herrn Dr. Emil Byk, Präsidenten