Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063380--04778-3071646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 13 Seite 6. . Die Wahrheit, in der sittlich-religiösen Erziehung der Jugend. In der Schule > hörte das Kind, im Hause sah es. So gingen Theorie und Praxis Hand in Hand. Heutzutage jedoch fehlt es in dieser Hinsicht fast an jeglichem Kontakte. Was nützt es, wenn sich beim Lehrer zur rechten Zeit das Wort einstellt, wo beim Kinde die Begriffe fehlen? Welche Einwirkung auf das kindliche Gemüt vermag zum Beispiel eine noch so ausführliche und poesievolle Schilderung des Sederäbends seitens des Lehrers hervorzurufen, wenn dem Kinde zuhause, statt des Eies auf der Sederschüssel ein Osterei und au Stelle des Knochens mit dem gebratenen Fleisch, das an das Opferlamm erinnern soll, ein Osterhase serviert wird? Und mit Sittensprüchlein allein baut man keine Eisenbahnen, die in das Zauberland der wahren Religiosität führen. Diese das Herz eines jeden ehrlich denkenden Juden mit Betrübnis erfüllenden Zustände bedürfen einer dringenden Remedur. Heute, wo zum großen Teile Indolenz und Jndifferentismus das jüdische Haus beherrschen, müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um unsere Jugend wiederum zu begeistern für unser kostbarstes Gut und durch die Jugend auf das Haus einzuwirken. Führen wir darum doch endlich einmal den Anschauungsunterricht im Religionsunterrichte ein! Unsere Kinder wollen sehen die Geschichte ihres Volkes, wollen sehen die Stätten, an der einst unsere Vorfahren gelebt, das Land, das einst unsere Heimat gewesen, unsere Kinder wollen sehen unsere Feier- und Festtage! Bieten wir ihnen doch zumindest ein Surrogat und fordern wir unsere Lehrer auf, dem Worte auch das Bild folgen zu lassen, Religion in Wort und Bild zu lehren! Daß der solcherart zu erzielende Erfolg ein bleibender und der Eindruck auf unsere für alles Gute und Schöne leicht empfängliche Schuljugend ein geradezu überwältigender sein könne, haben die seitens des Herrn Religionslehrers Wilhelm Breuer über Auftrag und unter der tatkräftigsten Förderung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde am 6. Februar und am 20. März d. I. veranstalteten in der Toynbee-Halle (im XX. Bezirk) für die Schüler der Volks- und Bürgerschule abgehaltenen L i ch t b i l d e r v o r t r ä g t hinlänglich dargetan. Denselben wohnten feiteus des Vorstandes die Herren: Vize- Präsident Dr. Gustav K o h n, Vertreter Dr. Alfred Berger, die Kultusversteher Dr. Hermann L ö w i und Adolf Schrämet; ferner die Herren Religionsschulinspektoren Rabbiner Dr. E. David, Professor M. Kanitz, Dr. L. Langfelder, Herr Julius Braun, Herr Karl Freund. Vorstandsmitglied der Toynbee-Halle, bei. Der erste Vortrag, dem mehr als 300 Bürgerschüler ohne jede Beaufsichtigung durch eine Stunde in der größten Ruhe mit regem Interesse folgten, behandelte das Thema „Vo n H e b r o n n ach Jerusalem" (Ein geographischhistorischer Ausflug). Der Vortragende verstand es wohl in vorzüglicher Weise durch gleichzeitige Vorführung von prächtigen Lichtbildern die ungeschwächte Aufmerksamkeit und das nachhaltige Interesse der Jugend für den ihr neuartigen Gegenstand zu erwecken, begeistert lauschten die Schüler den Worten des Lehrers und ihr Enthusiasmus machte sich am Schluffe des Vortrages ganz spontan in lebhaften Beifallskundgebungen Luft, allein diesem ernsten Vortrage hafteten — für den Sachverständigen erkenntlich — trotz alledem noch mancherlei Mängel an, die teils in technischen Schwierigkeiten, teils in dem bisher ganz ungewohnten Neuen ihre Ursache haben mochten. Zu einem geradezu sensationellen Erfolge jedoch gestaltete sich der am 20. d. für Bürgerschülerinnen abgehaltene Lichtbildervortrag, der allerdings ein mehr aktuelles Thema behandelte und schon aus diesem Grunde bei geschickter Ausführung der jubelnden Zustimmung der jugendlichen Hörerinnen sicher fein konnte. ..Pessach" (Geschichte Israels in Aegypten bis inklusive Durchzug durch das Rote Meer; Sederabend, Hagadah) lautete der Titel des Vortrages. Herr Religionslehrer Breuer verstand es in ganz vorzüglicher Weise, vorerst den geschichtlichen Teil in gedrängter Kürze und ungezwungenen Einstreuungen mannigfacher Belehrungen und gleichzeitiger Vorführung sowie Erklärung wirklich meisterhafter Bilder, die ausgezeichnet projiziert waren, zu erzählen. Die Kinder — 400 an der Zahl — lauschten förmlich mit Andacht den Worten des Vortragenden, der die seltene Gabe besitzt ein Thema interessant zu gestalten und der es auch — abseits von den ausgefahrenen pädagogischen Geleisen — nicht verschmäht, seinen Vortrag mit köstlichen Aperkus zu würzen. Die hellste Freude erregte "indes bei den Schülerinnen der in Wort und Bild vorgeführte S e d e r. Herr Breuer zeigte vorerst die „Bereitung des Mazzoth" in Vergangenheit und Gegenwart, sodann das köstliche Bild Picarts „Bedikat chamez" eine silberne Sederschüssel, „Sederabend", „Kidusch", „Maasse biwne B'rak", „die 4 typischen Gestalten der Hagada", „Lefikoch anachnu", ferner Titelblätter und Illustrationen auf den Hagadas von Mantua, Serajevo, Amsterdam rc. Es war ein Vergnügen zu beobachten, mit welch regem Interesse und gespannter Aufmerksamkeit die Kinder dem Vortrage folgten, wie stets ungekünstelte, hundertfache Ausrufe der Bewunderung und des Entzückens hörbar wurden, so oft ein schönes Bild an der Wand erschien. Der Kontakt zwischen dem Lehrer, der eine volle Stunde frei sprach und demonstrierte, und der Schuljugend war gleich zu Beginn hergestellt und darum der volle, durch nichts geschmälerte Erfolg. Wir beglückwünschen den Vorstand unserer Kultusgemeinde, der in richtiger Erkenntnis von der Vortrefflichkeit und Nützlichkeit dieser vom Herrn Religionslehrer Breuer angeregten Idee diesem die Mittel zur Ausführung derselben in hochherziger Art zur Verfügung gestellt hat, wir beglückwünschen unsere Schuljugend, der nunmehr hoffentlich baldigst in allen Bezirken Gelegenheit geboten werden wird, mehr Licht beim Religionsunterricht zu empfangen; wir sprechen schließlich Herrn Religionslehrer W. Breuer, der sich so außerordentlich um die gute Sache bemüht und derselben große Opfer an Zeit gewidmet hat, unsere wärmsten Glückwünsche zu dem vollen Erfolg aus, den er mit feiner orginellen Idee bereits errungen und rufen ihm zu: „Beim Wochenfeste sehen wir uns hoffentlich wieder!" Bei diesem Anlasse darf es nicht unerwähnt bleiben, daß die Leitung der Toynbee-Halle in überaus liebenswürdiger Weise den Saal für die Vorträge zur Verfügung gestellt hat. Judentum und Christentum. So lautete das Thema des letzten Vortragsabendes dieser Saison in der Hamburger Gabriel Rießer-Vereinigung. Herr Prediger Dr. L e imd ö r fe r behandelte in seinem Vortrage den Werdegang der Mntterreligion, des Judentums, und ihr Verhältnis zur Tochterreligion, dem Christentum. Nach einer poetischen Einleitung ward der Entstehung der Tochterreligion gedacht. Diese trägt den Stempel von vier Parteirichtungen, nämlich dem Essäertnm mit seiner Mystik, dem Hellenismus mit der griechischen Philosophie und dem Streben nach Aesthetik, dem Sadducäismus mit seiner Buchstabengläubigkeit und dem Geiste der Herrschaft der Polemik im Synhedrium, und endlich dem Pharisäertum, das neben der Heilighaltung der Tradition den Geist über den Buchstaben gestellt hatte. Dazu kam die Symbolik der Alexandriner. Aus der Vereinigung des Judentums mit dieser hellenistisch-alexandrinischen Symbolik ist die neue Tochterreligion entstanden. Sie war lange uur eine Partei, die ganz und gar die Züge der Mutter bis auf wenige Abweichungen trug. Erst allmählich lockerten sich die Bande und als aus dem Saulus ein Paulus geworden, gelang es der Tochter, etwas ganz anderes zu sein. Aber lange noch behielt die neue Religion ihre Gemeinsamkeit mit der alten aufrecht, bis auf dem Konzilium zu Nizäa der Sonntag an Stelle des Sabbats getreten, Trinität an Stelle des reinen Monotheismus und die Dogmen, wie sie bekannt sind, die Aufhebung des mosaischen Gesetzes zur Folge hatten. Die Frage nach der Versöhnung von Mutter und Tochter kann nur gelöst werden, wenn die Gründe der Trennung streng wissenschaftlich, ohne Voreingenommenheit, erörtert werden. Als Grund der Trennung ist vor allen Dingen der Verlust der hebräischen Sprache zu bezeichnen. Ein weiterer Grund für die Trennung war die Polemik gegen die Pharisäer, die man als Heuchler und Scheinheilige behandelt hat. Aber während der Talmud sieben Arten solcher Frömmler innerhalb der großen Pharisäermasse nannte, hat die Tochterreligion alle Pharisäer zu Frömmlern gemacht und dabei vergessen, daß die Führer der