Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063380--04777-3071645
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13. Die Wahrheu. Seite H, der Patriaxcheu treu, infolgedessen haben sie sich, wie unsere Weisen 'bemerken, solch hohe Verdienste erworben, daß Gott, der Herr, sie aus dem Drucke durch ungewöhnliche, welterschütternde Ereignisse befreit und erlöst hat. Sch elau schirm es schemom. Sie haben ihren Namen, den Namen „Israel-, d. h. Kämpfer für die erhabene Gottesidee, Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit, nicht verleugnet, nicht entweiht und nicht befleckt. Der Name „Israel" war ihnen heilig, und daher zeichneten sie sich durch Wahrheitsliebe, Charakterfestigkeit und Selbstbewußtsein aus. Sche'lau schirm es leschaunom. Sie haben ihre Sprache, die Sprache der Stammväter Abraham, Jsak und Jakob, nicht verleugnet. Wie gern redeten auch sie in der heiligen Sprache, suchten sie nicht zu beseitigen, sondern zu bewahren, ebenso wie die altehrwürdigen hebräischen Namen. Auch redeten sie, wie die Patriarchen, die Sprache der Bescheidenheit, der Demut und Sanftmut. Frivole Redensarten, banale Ausdrücke entfuhren nicht ihren Lippen. Unbescheidenheit, Anmaßung, Aufdringlichkeit waren ihnen, wie den Patriarchen, in der Seele verhaßt. Schelau schirm es dosom. Sie blieben dem Glauben, den religiösen Grundsätzen der Patriarchen treu. Wie Abraham, waren auch sie friedliebend und riefen sich gegenseitig zu: Xi arroschirrr achim anachnu. Wir sind ja doch Brüder, warum sollen wir uns bekämpfen und befehden? Gleich jenem großen edlen Stammvater hegten auch sie keinen Groll uno keinen Haß gegen Andersgläubige und Andersdenkende, lebten selbst mit den Egyptern auf freundschaftlichen Fuße, was wohl aus den Worten: Isch mees re eh 0 weischo mees r e u s o h (II. B. M. 11, 2) zur Genüge erhellt. Religiosität und Humanität bildeten den Grundzug ihres Charakters. Das Wort des Patriarchen Jakob: „Von allem, was Du mir geben wirst, will ich den zehnten Teil wohltätigen Zwecken widmen , stand mit feurigen Zügen vor ihrer Seele. Ihr Wahlspruch lautete nicht: „Jeder für die Seinen", sondern ..Einer für Alle, Alle für Einen", j Es konnte daher in Egypten die Not nicht um sich greifen; die Bestbegüterten unterstützten kräftigst die Minderbegüterten, mit einein Worte, sie hielten f e st und brüderlich zusammen. Außer Datan und Abiram hat es, wie der Talmud bemerkt, keine Delatoren, keine Verräter unter ihnen gegeben. Gottähnlichkeit, Humanität, Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit waren die schönsten und herrlichsten Blnmerr in dem Kranze der Tugenden, der sie zierte und schmückte. 6.ud infolge dieser Tugenden haben sie sich solch hohe Verdienste erworben, das Gott der Herr sie rechtzeitig aus ihrer traurigen Lage befreit hatte. Wenn Dich also einst, so ruft die Thora dem Israeliten zu, Dein Sohn fragen wird: Was bedeuten diese auf das Peßachfest bezughabenden Satzungen, Vorschriften und Rechte, wozu überhaupt ein Freiheitsfest feiern, in einer Zeit der Bedrückung und Verfolgung? so antworte Deinem Sohne: Wir werden ja jetzt nicht zum erstenmale verfolgt, awodim hojinu, schon vor Jahrtausenden wurden unsere Väter in Egypten von . den dortigen Antihebräern, welche ausriefen: „howo nischakmo lau, wir wollen diesem Volke durch List, Schlauheit und Jntriguen beizukommen trachten", auf die grausamste Weise verfolgt; allein je mehr man sie bedrückte — kaascher janu ausan — desto glaubensstärker wurden sie, und infolge dieser an ungewöhnlichem Heldenmut grenzenden Glaubenstreue gelang es ihnen mit der göttlichen Hilfe, aus dem egyptischen Drucke befreit und erlöst zu werden und alle ihre Peiniger und Folterer zu überdauern. Wir feiern daher zu allen Zeiten das Peßachfest, damit wir uns der Mittel erinnern, die unsere Väter in Egypten angewandt, um aus der Gewalt der Barbaren erlöst zu werden. Gleich unseren Vätern, sollen auch wir uns durch Glaubenstreue, durch Charakterfestigkeit und Selbstbewußtsein auszeichnen, wir sollen als Träger der erhabenen Gottesidee den Namen „Israel" in Ehren halten und alles sorgfältig vermeiden, was geeignet wäre, ihn zu beflecken und zu entweihen. Wir dürfen unsere Namen, unsere heilige Sprache, unsere Religionsgesetze weder beseitigen, noch fälschen, sondern wir sollen sie rein und heilig halten. Nur auf diese Weise werden wir imstande sein, unsere erbittertsten Feinde zu ent? waffnen, ihre gefährlichsten Pläne zu vereiteln; denn Israels Kraft und Macht ist die Thora, die Haß und Groll verpönt und nur Menschenliebe, Menschenverbrüderung lehrt und predigt. Gottähnlichkeit und Humanität sind die Hauptgedanken, die der Einsetzung des Peßachfestes zugrunde gelegt wurden. Den Chacham, den weisen Sohn, der es wünscht, daß man ihn mit der hohen Bedeutung des Peßachfestes vertraut mache, sagt der Rabbi in der Hagada, soll man belehren und ihm sagen: en maftirin achar hapesach Afikomon*), daß die Festfreude der Israeliten nicht in der Genußsucht gipfelt. Der Jude feiert nicht seine Feste in den der Lust rmd Freude gewidmeten öffentlichen Lokalen, sondern im Kreise seiner Iamilie und sorgt gleichzeitig dafür, daß die Armen und Dürftigen in die angenehme Lage versetzt werden, die Festfreude mitgenießen zu können. Kol dichfrn jese wejechau], ruft er am Sederabende aus, denn die wahre Humanität, die echte Nächstenliebe, bildet ja das Grundprinzip unserer heiligen Religion — su klall godaul betauro — wer sich aber von der'Gesamtheit ausschließt, wer für Andere kein Herz und keinen Sinn hat, wer Anderen mit bitterer Ironie zuruft: mo hoawaudo hosaus lochem, wozu soll Euch überhaupt dieser mit so vielen materiellen Opfern verbundene Kultus, der ist ein Koter beikor, der leugnet die Grundlehre der Religion, .welche lautet: n^eoharvto lereacho komaucho, liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Der jüdische Religionsunterricht in neuem Lichte. Wenn unser moderner Unterricht sich in des Wortes wahrster Bedeutung zu einer Kunst entwickelt hat, so verdanken wir diese erfreuliche Tatfache, neben anderen, sicherlich nicht zu unterschätzenden Faktoren, zweifellos, der Ausdehnung des i Prinzipes der Anschaulichkeit. Diese bildet unleugbar eine der Grundsäulen der modernen Pädagogik, welche mit vollem Rechte an den Jugendbildner mit der Anforderung herantrttt, den Unterricht soviel als möglich auf sinnliche Anschauungen zu stiitzen. Ohr und Auge des Kindes sollen in gleicher Weise zur Vertiefung der Anschauung herangezogen werden. Die Schaulust, dieser mächtige Ast des in jeder Menschenseele ruhenden Wisfenstriebes, ist gerade beim Kinde besonders stark ausgeprägt. Sie kann, vom Lehrer herangezogen, von großem Nutzen werden, aber nur dann, wenn sie richtig geleitet und in den Rahmen des zielbewußten Unterrichtes gefügt wird. Als vortreffliche Mittel zur Unterstützung des Unterrichtes, zur Weckung des Jnteresfes der Schuljugend an demselben, dienen nun unstreitig die Darbietungen durch das S k i o p t i k o n. Die Aufmerksamkeit des Trägsten wird aus ihrem Schlafe geweckt und Kinder, die sonst den Unterricht mit ergebener Ruhe — oftmals ist auch das Gegenteil der Fall — als unabänderliches Uebel über sich ergehen lassen, erwachen urplötzlich aus ihrem Geistesschlafe. Ihre Seele beginnt mitzuschwingen und welcher Lehrer wollte das nicht als einen ersten Schritt zum Besseren ebenso freudig begrüßen, wie der Vater den ersten Schritt seines Kindes! Der Schüler beginnt milzuarbeiten; der Stumpfsinn, dieser Todfeind des Unterrichtes, ist besiegt. Zu den Unterrichtsfächern nun, welche aus der Verwendung der Projekten bedeutenden Nutzen ziehen und durch dieselbe ein regeres Interesse der Schuljugend auf sich lenken könnten, zählt wohl nicht in letzter Reihe der geschichtliche Teil des Religionsunterrichtes. Das Interesse der israelitischen Schuljugend für diese Disziplin hat unter den leider heutzutage namentlich in der Großstadt herrschenden Verhältnissen — dieselben bedürfen wohl keiner näheren Erörterung — beträchtliche Einbuße erlitten und ist fast bis auf den Geftierpunkt gesunken. Es fehlt eben auch hier an der so dringend notwendigen Anschaulichkeit, die in früheren Zeiten im jüdischen Hause selbst doziert wurde. Schule und Haus teilten sich in gleicher Weife *) Das Afikomon bedeutet ein mit Musik und Tanz verbundenes Festgelage.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.