Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 13. Staate zu einer solchen Maßregel entschließt. Aber Preußen läßt, woraus in einem jüdischen Blatt mit Recht hingewiesen wird, lieber Hunderte und Tausende von Kindern ohne Unterricht, oder doch ohne genügenden Unterricht, als daß es den Unterricht christlicher Kinder einem, jüdischen Lehrer überträgt. Mag auch die Volksbildung und Volkswohlfahrt darunter leiden, wenn uur das engherzige konfessionelle Prinzip gewahrt bleibt. * * Wo das Volk getreten und mißhandelt wird, sind die Juden zu allen Zeiten die bedauernswerten Opfer der Unterdrückung gewesen. Die alte böswillige Maxime, man könne der Unzufriedenheit des Volkes ein Ventil öffnen, indem man ihm gestaltet, seine glühende Erbitterung an noch unglücklicheren, noch wehrloseren Elementen zu kühlen, hat wieder einmal in Rumänien besondere Trinmpfe gefeiert. Von russischen Hetzern geschürt und von gewissenlosen Beamten patronisiert, wandten sich rumänische Bauern plündernd, sengend und mordend gegen jüdisches Leben und Eigentum. Neu ist das Manöver nicht, die Unzufriedenen auf die Inden zu hetzen, aber so bitter die Juden schon oft darunter zu leiden hatten, erfolgreich auf die Dauer hat es sich niemals erwiesen. Zuletzt büßten doch jene, die mit solchen Mitteln der infamsten Gewissenlosigkeit operierten. So geht es auch jetzt den rumänischen Bojaren, die den Haß der Bauern auf die Juden abznlenken suchten. Die wilde Rotte hat Blut geleckt, Anarchie und Aufruhr ziehen durchs ganze Land und selbst die königlichen Güter werden von revoltierenden Bauern bedroht. Die alte Regierung, die dem Auflodern der Flammen teilnahmslos zusah, mußte abtreten und einer neuen Platz machen und der König hat ein Manifest erlassen, das zur Linderung der offenbaren Notlage der Bauern eine neue Agrarverfassung enthält. Hoffen wir nun, daß die Ueberwindung der schweren. Krise, in der sich Rumänien jetzt befindet, nicht nur den Bauern, sondern auch den Juden eine freundlichere, menschenwürdigere Zukunft bringen wird. Ist pestach ein Freiheitsfest? Von Dr. M. H. Friedländer. „Wenn einst Dein Sohn an Dich die Frage richten wird: Was für Bewandtnis hat es mit den Satzungen, Vorschriften und Rechten, die zu beobachten der Ewige, unser Gott, Euch geboten hat? so antworte Deinem Sohne: Wir waren einst in Mizrajim Sklaven dem Pharao, wurden dort hart bedrückt und, verfolgt, geachtet und geknechtet, der Ewige aber hat uns durch ungewöhnliche Ereignisse und wunderbare Begebenheiten aus dem jener Tyrannen befreit und erlöst." (5. M. 6—21.) Diese Antwort wird seit undenklichen Zeiten am Sederabende in jedem religiösen jüdischen Hause dem Kinde auf dessen verschiedenartige Fragen, die es an den Vater richtet, erteilt. Wir waren einst Sklaven, bildeten den Gegenstand des Hasses und der Verachtung, wurden von der Gesellschaft ausgeschlossen, überall zurückgesetzt und zurückgedrängt, mußten ein erbärmliches, menschenunwürdiges Dasein fristen, Gott der Herr aber erhörte unser Flehen und befreite uns aus der Gewalt der Barbaren. Ist aber diese Antwort geeignet, unsere Jugend zu befriedigen? Hören wir sie nicht vielmehr verwunderungsvoll ausrufen: Wie, wir waren einst Sklaven, und sind wir es denn jetzt nicht mehr? Sind wir jetzt wirklich freie Menschen, erfreuen wir uns nunmehr der vollständigsten Freiheit und Gleichberechtigung? Werden wir von unseren nichtjüdischen Mitbrüdern als gleichwertige, ebenbürtige Bürger betrachtet und gerecht behandelt? Bilden wir denn nicht jetzt auch noch den Gegenstand des Hasses, des Spottes und der Verachtung? Ihr rufet uns zu: „Hätte Gott der Herr unsere Väter nicht aus Egypten befreit, so wären wir noch heute Sklaven des Pharao." Nun, wäre dann das Unglück größer gewesen? Was liegt dem Verfolgten und Bedrückten daran, ob er im Osten oder im Westen, im Süden oder im Norden bedrückt und seiner persönlichen Freiheit beraubt wird? Was liegt dem Verbannten, dem von der menschlichen Gesellschaft Ausgeschlossenen daran, ob er in der schönsten, blühendsten, prachtvollsten Gegend Europas, oder in Sibirien, oder gar auf der sogenannten „Teufelsinsel" ein erbärmliches Dasein fristen muß? Wozu also dieses Fest feiern, das uns an jene Verfolgungen erinnern soll, denen unsere Väter vor Jahrtausenden preisgegeben, wenn wir uns heute noch in einer ähnlichen, vielleicht noch schlimmeren Lage befinden? Nicht Freiheits-, sondern Klagelieder sollen wir anstimmen, und nicht Awodim hojinu, wir wäre n einst Sklaven, sondern Awodim anaclmu, wir werden noch immer geknechtet, ausrufen! Und wahrlich,' diese Entgegnung der Modernen Jugend scheint nicht ganz ungerechtfertigt zu sein; sie findet vielmehr in einem talmudischen Gleichnisse ihre Begründung. Ein Kaufmann unternahm eine weite Reise, um in verschiedenen Gegenden und Städten seine Geschäfte abzuwickeln. Bald nach seiner Abreise überfiel ihn im Walde ein Wolf, der sein Leben bedrohte. Schon glaubte er seine Rechnung mit dem Himmel abschließen zu müssen, als plötzlich das raubgierige Tier von.ihm abließ, und er sah sich durch ein göttliches Wunder gerettet. Ueberall, wohin er kam, erzählte er unter Tränen der Dankbarkeit von seiner wilnderbaren Rettung. Einige Zeit hernach wurde er wieder unterwegs in ähnlicher Weise bedroht; diesmal war es ein blutgieriger Löwe. Nun dachte er, jetzt sei er gewiß verloren, aber auch der Löwe wich plötzlich von ihm, und er war gerettet. Wohin er kam, erzählte er, wie er auf wunderbare Weise aus dem Rachen eines Löwen gerettet worden sei, ohne jedoch des früheren Wunders eingedenk zu sein. Es dauerte aber nicht lange und diese Szene wiederholte sich abermals, aber diesmal war es eine giftige Schlange, die ihn umklammert hatte: ..Woher kann mir jetzt Hilfe kommen," rief er verzweiflungsvoll aus, „ach, ich bin rettungslos verloren." Die Schlange aber ließ plötzlich von ihm ab, und er war gerettet. Nun erzählte er wiederüberall von seiner wunderbaren Errettung aus der Umklammerung der Schlange, nur für diese hatte er ein Gedächtnis und Tränen der Dankbarkeit, während er der früheren Wunder nicht mehr gedachte. So ergeht es auch Israel: voraus acharaunaus meschakchaus liorischaunaus, die späteren Leiden, Verfolgungen und Bedrückungen haben die früheren' Leiden in das Reich der Vergessenheit gedrängt. Warum also feiern wir noch immer das Peßachfest, das uns erinnern soll an die Bedrückungen und Verfolgungen, denen unsere Väter in Egypten vor Jahrtausenden preisgegeben waren, wenn die später erfolgten Leiden, zoraus acharaunaus, jene in den Schatten zu setzen geeignet sind? Es ist allerdings eine unleugbare historisch begründete Tatsache, daß es nicht nur ein Mizrajim für Israel gegeben, sondern, wie der Rabbi in der Hagada bemerkt, bechol daur wodaur omdim olenu, in jedem Zeitalter hat es finstere Mächte gegeben, die sich's gleichsam zur Lebensaufgabe gemacht, die geistige, moralische, wie die materielle Existenz des israelitischen Volkes in Frage zu stellen. Allein der Schwerpunkt dieser in Rede stehenden Antwort liegt nicht in dem Worte Awodim hojinu, wir waren einst Sklaven, sondern in dem Nachsatze wajauzienu, der Ewige, unser Gott, hat uns durch wunderbare Begebenheiten befreit und erlöst; denn die materielle Lage unserer Väter in Egypten war keinesfalls eine solch traurige, wie man gewöhnlich annehmen zu müssen glaubt. Wohl hatte man sie dort gequält und bedrückt, geächtet, geknechtet und entrechtet, aber wirtschaftlich zugrunde richten wollte man sie nicht. Die Rufe: „Kauft nur bei Egyptern, kauft nicht bei Hebräern", wurden dort nicht vernommen. Dort gab es auch kein Parlament, in welchem der Eine ausgerufen: man soll die Israeliten vernichten, der Andere, man soll sie köpfen, der Dritte, man soll sie ausweisen, der Vierte, man soll Schußgeld auf sie aussetzen, der Fünfte, man soll ihre Güter konfiszieren. Der Umstand, daß die aus Egypten befreiten Israeliten so oft nach Mizrajim gravitierten und sich nach den Fleischtöpfen Egyptens sehnten, beweist zur Genüge, daß ihre materielle Lage doch keine ungünstige war, daß sie überhaupt dort von drückenden Nahrnngssorgen verschont geblieben waren. Der Druck, unter dem sie schmachteten, war ein geistiger. Pharao wünschte sehnlichst, daß sämtliche Bewohner seines Reiches Bekenner eines Glaubens, und zwar des egyptischen Glaubens, seien. Die „Söhne Israels" aber blieben unter allen Umständen dem Glauben ihrer Väter, dem Glauben