Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akr-Hsit Redaktion u. Slbmtiiifti atiou: Wien, 11/, Novaragasse 27. RboiüiemeiitS- «. JiijectioiiSbetrüge sind in Wien zahlbar imb klagbar. ünl'cfate Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Telephon Nr. der Druckerei 15302 Unabhängige Aeiifchnft für Mische Interessen» Erscheint jeden Kreitng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Kerugspyeis: I I Ganzjährig ... St. 14.— J i Halbjährig K. 7 — Für Cultttsbeuiute:! Ganzjährig . . St. 10 -! Für AuslMld: Gniiziährig ... 8 Mark ii Rubel oder lü FcS. Ar. 13. Wien, 29. Mar; 1997. Inhalt: Aus der Woche. — Ist Peßach ein Freiheitsfest? — Der jüdische Religionsunterricht in neuem Lichte. — Judentum und Christentum. — Israel Weiß s. A. — Galizischer Hilfsverein. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Rose von Saron. — Oberkantor David Kohn. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April beginnende 2. Huartal ersucht. Ans der Woche. In der Agitation waren die Antisemiten immer Meister und darum senden sie auch jetzt nach allen Richtungen ihre Boten aus, um die Wähler für die bevorstehenden Reichsratswahlen zu bearbeiten. Hier in Wien ist bei den Wahlreden der Judenpunkt wol etwas mehr in den Hintergrund getreten, aber für die große, urteilslose Masse auf dem Lande draußen gilt die Judenhetze noch immer als wirksames Agitationsmittel, und so darf es nicht Wunder nehmen, wenn in den letzten Tagen die diversen Antisemitenhäuptlinge das Thema variirten, daß nur die Juden an allem Uebel in Oesterreich schuld tragen. Ein ganz Besonderes leistete sich nach dieser Richtung ein Priester der Religion der Nächstenliebe, der Landesausschuß Monsignore Dr. S ch ei ch er, der bei einer Wählerversammlung in Eichgraben die österreich-ungarische Ausgleichsfragen erörterte und dabei Ungarn als die Dependance der Alliance Israelite und den Kampf der Alldeutschen gegen Rom und die Ultramontanen als Judas Werk bezeichnete. Ob die Wähler all diesen Humbug glauben, sei wohl dahingestellt, aber Tatsache ist, daß sie die von ihren Führern ausgegebene Parole beachten und in strammer Disziplin den Reichsratswahlen entgegengehen. $ -i- * Im Gegensätze zur antisemitischen Einigkeit steht die Zersplitterung in den jüdischen Wühlerkreisen. Die Ausführungen in voriger Nummer dieses Blattes betreffs der beiden Wiener Mandate im Kaiviertel und im ersten Wahlkreise der Leopoldstadt haben wohl in weiten Kreisen Aufsehen erregt, aber zu einer Einigung ist es leider noch immer nicht gekommen. Der Grund liegt hauptsächlich darin, daß Jene, denen in der Kandidatenfrage ein entscheidendes Wort zusteht, nicht den Mut besitzen, den diversen persönlichen Aspirationen energisch entgegenzutreten und nur auf das allgemeine Interesse Rücksicht zu nehmen. Und dennoch wird es nur auf dem von uns angedeuteten Wege möglich sein, die beiden Mandate zu erringen. Wird dieser Weg aber nicht eingeschlagen, dann ist es sicher, daß auch diese Wahlkreise, in denen die Juden die Majorität besitzen, von unseren Feinden erobert werden. In deutschen antisemitischen Blättern herrschte jüngst große; Entrüstung darüber, daß der Jude Dr. Georg I e l l i n e k, , Geheimer Hosrat und Professor der Staats- und Völkerrechte an! der Universität Heidelberg, zum Prorektor für das am 1. Apri! d. I. i beginnende Studienjahr gewählr wurde. Leider ist diese Entrüstung! nicht am Platze, denn Georg I e l l i n e k hat, um in seiner! aufsieigenden wissenschaftlichen Karriere unbehindert zu sein, den j Glauben seiner Väter verlassen. Der neue Heidelberger Rektor! ist der Sohn des unvergeßlichen Wiener Kanzelredners Dr. Adolf! Jellinek und älterer Bruder des Literarhistorikers Professor Max Jellinek in Wien. Nach Beendigung seiner Universitätsstudien trat er 1874 in den österreichischen Verwaltungsdienst, aus dem er nach einigen Jahren ausschied, um sich der akademischen Laufbahn zuzuwenden. Er habilitierte sich 1879 als Privatdozent an der juridischen Fakultät der Wiener Universität und erhielt 1883 eine außerordentliche Professur für Verwaltungsrecht. Da sich seiner Beförderung zum ordentlichen Professor antisemitische Einflüsse entgegenstellten, so folgte er 1889 einem Rufe als Ordinarius für Staats- und Völkerrecht nach Basel, von wo er.1891 in gleicher Eigenschaft nach Heidelberg übersiedelte. Jellinek nimmt als Publizist aus dem Gebiete des öffentlichen Rechts eine hervorragende Stellung ein; mit Ploty gibt er seit 1902 das von Marquardsen begründete „Handbuch des öffentlichen Rechts," mit Anschütz die „Staats- und völkerrechtlichen Abhandlungen" heraus. -i- * * In Berlin hat es die konfessionelle Engherzigkeit des . System Studt fertig gebracht, jüdische und katholische Lehrer von der Uebernahme von Vertretungen auszuschließen, trotzdem sich die Schuldeputation alle Mühe gegeben hat, die Unterrichtsverwaltung von der Verkehrtheit dieser Verfügung und der offensichtlichen Schädigung der Schulinteressen durch sie zu überzeugen. In Kurhessen ist jedoch jetzt in dieses Aushungerungssystem, das konfessionell anstößigen Lehrern gegenüber geübt wird, Bresche gelegt worden. Während einer dreimonatlichen Beurlaubung des Lehrers Jung in Tann a. d. Rhön wurde aus Antrag des Orts-, sowie des Kreisschulinspektors dem israelitischen Lehrer Hecht die Oberklasie der evangelischen Stadtschule überwiesen und die israelitischen Schüler sind den verschiedenen Klaffen eingereiht worden. Wie pflichttreu und gewissenhaft muß der jüdische Lehrer Hecht seines Amtes gewaltet haben, wenn man ihm im Reiche des Herrn Studt die Oberklasse einer evangelischen Stadtschule überweist! Und wie erschreckend stark muß der Lehrermangel in Preußen sein, wenn man sich in diesem konfessionell engherzigen