Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-03-22 · Heft 12 (22.3.1907) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063379--04769-3071636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 12. Seite 6. Die Wahrheit an die Ideen der Märztage — über die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wie sie in der modernen jüdischen Freiheitsbewegung, dem Zionismus und dessen Organisation, zum Ausdruck kommen und über die Synthese des jüdischen Freiheitsgedankens mit der Treue zum ungarischen Vaterland, dessen Geschichte viele verwandte Züge mir der Geschichte des jüdischen Volkes aufweist. Der zweite Festredner des Abends, Dr. Leopold Kahn, der an Stelle des angekündigten, jedoch krankheitshalber verhindert gewesenen kais. Baurates Oskar Marmorek ans Wien kam, ist den Pozsonyer Juden ein liebgewohnter Gast, dessen Erscheinen auf der Rednertribüne jedesmal einen wahren Hochgenuß bedeutet. Auch gestern sprach er mit suggestiver Kraft und Meisterschaft über die Evolution des zionistischen Gedankens und schloß mit einer Apotheose des sozialen Fortschrittes der Gesamtmenschheit, den die Verwirklichung des Baseler Programmes zur Folge haben müsse. Nicht minder wirkungsvoll war die Rede der Frau Dr. Sidonie Kahn, die aus allgemeinen Wunsch des Publikums das Wort ergriff und des herannahenden jüdischen Freiheitsfestes, des Passahfestes, gedachte, welches dem Judentum auch in seiner jetzigen Lage deutlich den Weg weist, auf dem es zu seiner geschichtlichen Bestimmung gelangt. Zwischen diesen drei Hauptpunkten des Programmes gab es eine Fülle von musikalischen Darbietungen und die äußerst gelungene Wiedergabe einer Szene aus dem „Rastelbinder" samt mehrfachen Einlagen, dargestellt vom sympathischen Komiker unseres Theaterensembles, Herrn I. Sä-früny. Von den gesanglichen Darbietungen erzielten insbesondere die von den Wiener Sängern Oberkantor M. B a s s e r, der eine umfangreiche, klangvolle Tenorstimme besitzt und L. K ü s ch n e r (trefflich geschulter Bassist) vorgetragenen Opernarien, sowie die Chorgesänge des Preßburger verdienstvollen Gesangvereines "Vir, der unter der Leitung des Herrn Kantor Kij e w s ky das Preßburger jüdische Publikum oft ergötzt, große Wirkung Reicher, wohlverdienter Beifall lohnte die Mitwirkenden» welche durch ihre Bereitwilligkeit den überaus zahlreich erschienenen Zuhörern — unter denen sich die hervorragendsten Vertreter der hiesigen jüdischen Intelligenz befanden — einen genußreichen Abend verschafft hatten. Verbö. Nach kurzer Krankheit ist am 14. d. M. unser allgemein beliebter und hochverehrter Kantor Fischl Hefter im 80. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war sowohl als ausgezeichneter Chasan, sowie als Komponist traditioneller Gesänge sehr bekannt und genoß auch in Fachkreisen einen sehr guten Ruf. Am 15. d. M. fand unter Beteiligung der ganzen Gemeinde und der Behörden das Leichenbegängnis statt. ri'S'X'JTi Trencsiu-Teplitz. Zur Richtigstellung der in voriger Nummer dieses Blattes enthaltenen Notiz über die Besetzung der Kantorstelle in unserer Gemeinde sei hiemit konstatiert, daß nicht Oberkantor Treuhaft aus Bösing, sondern besten Sohn Mikso T r e u h a f t, bisher Kantor in Simmering (XI. Bezirk, Wien) hier akzeptiert worden ist und seine Stelle am 1. Mai antreten wird. Debrezin. Für die hiesige Gemeinde wurde Herr Heinrich Fischer, bisher I. Kantor in der Fugbach-Synagoge in-Wien, als Oberkantor gewählt und hat bereits seine Stelle angetreten. Ratibor. Der Oberkantor der hiesigen Knltusgemeinde. Herr Hermann S i n g e r m a n n, ein Bruder des Troppauer Oberkantors, feiert am 20. April mit seiner Gattin Margarethe das Fest der silbernen Hochzeit. 'Obwohl es oer Wunsch unseres Oberkantors war, dieses Fest nur im engsten Familienkreise zu begehen, so konnte er es dennoch nicht verhindern, daß man von demselben in der hiesigen Gemeinde Kenntnis erhielt. In Anbetracht des Umstandes, daß Herr Oberkantor Singermann während seiner langjährigen hiesigen Tätigkeit sich durch seine glänzenden kantoralen Leistungen die vollsten Sympathien der ganzen Gemeinde zu erringen wußte und in Anerkennung dessen, daß er um die Reorganisierung des hiesigen Gottesdienstes mit Orgel und großem Chore sich große Verdienste erworben hat, werden der Kultusvorstand und die ganze Gemeinde es sich gewiß nicht nehmen lassen, an diesem Tage ihrem verdienstvollen Beamten ihre Sympathien zum Ausdrucke zu bringen. Wir aber rufen dem geschätzten Jubelpaare schon heute ein herzliches Nussl tow zu! Möge es demselben vergönnt fein, noch viele Jahre im gemeinsamen Glücke zu verleben, und möge es unserem geschätzten Herrn Oberkantor beschieden sein, noch recht lange seine herrliche Baritonstimme in ungeschwächtem Glanze zum Ruhme Gottes und zur Verherrlichung unseres weitbekannten, würdigen und erbauenden Gottesdienstes ertönen zu lassen! Milte. Viele hunderte israelitische Kinder in der Brigittenau sind der bittersten Not preisgegeben und leiden Hunger. Wir bitten unsere Glaubensgenossen: * Nehmet Euch dieser armen, zarten Kinder an und helfet nach Euren Kräften, damit die im Lokale, XX., Kluckygasse 7, bereits begonnene Ausspeisung im notwendigen Umfange fortgeführt werden könne. Spenden nimmt entgegen: Das Komitee für die Verköstigung israel.-Kinder in der Brigittenau und die Kassa der israel. Kultusgemeinde in Wien, I., Seitenstettengasse 4, I. Stock. Dr. Alfred Berger, Heinrich Weiner, Kultusvorstand, Obmann des Vereines „Brüder", I., Judenplatz 8. IX., Pramergasse 1. pie Mose von Saron. Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) „Ohne meine Kinder in die Arme genommen, sie geküßt und gesegnet zu haben? Sie sind selbst ein Vater und machen mir diese Zumutung?" Weil ich selbst Vater bin, und meine Pflichten als solcher voll aufgefaßt habe. Sie haben jedes Recht an Ihre Kinder verwirkt; jetzt gehen Sie, sich es neuerdings zu erringen.- Die Rose von Saron war nicht nur rasch nach einander in mehreren Auflagen erschienen,- sie war in kurzer Zeit in fast alle lebenden Sprachen übersetzt worden. Dieser Erfolg, welcher auch einen bedeutenden materiellen im Gefolge hatte, ermöglichte es Hanna, nach vielen Jahren Eingesperrtseins in der schwülen stauberfüllten Stadtluft auch einmal auf die zwei Ferialmonate einen Landaufenthalt zu nehmen. Fern von der geräuschvollen Residenzstadt und der von Ausflüglern besuchten nahen Ortschaften halten sie ein stilles Tal an den Ufern der Erlauf zu ihrem Sommersitze gewählt. Hanna arbeitete wieder an einem größeren Werke, worin sie Schilderungen des reizenden Tales und der Naturschönheit der Umgebung einfließen ließ. Pünktlich mit dem ersten Zuge, der aus Wien eintraf, kam jeden Sonntag zu der kleinen Familie ein Gast, der neue Freund des Hauses Bräuer, von der Familie noch immer Binder genannt. Ohne daß es sich Frau Hanna zu gestehen wagte, nahm der interessante Freund ihr ganzes Denken und Sinnen in Anspruch. War er bei ihr, da entfaltete sie fast unbewußt den ganzen Reichtum ihres Geistes, da schien sie fast jung zu sein in ihrem anmutigen Geplauder, in der Erinnerung an ihre glückliche sorglose Kindheit, die sie noch einmal durchging. War er aber abgereist, da erging sie sich in Vorwürfen gegen sich selbst, daß sie, ihr Alter und ihre Verhältnisse vergessend, sich im Geiste soviel mit diesem fremden Mann befasse, und sich tatsächlich von seinem bezaubernden Wesen so einnehmen ließ. Mit trübem Lächeln dachte sie daran, daß sie eigentlich niemals im Leben geliebt hatte, und dieses süße Gefühl gar nicht kenne. So aber, so stellte sie es sich vor, müsse einem jungen Mädchen zu Mute sein, welches zum ersten Male liebt, so, gerade so, hatte sie auch in ihren Romanen dieses Hangen und Bangen in schwebender Pein geschildert. „Deswegen," so sagte sie sich, „ist mein Leben ein so armseliges und trauriges gewesen, weil ich Liebesfreuden und -Schmerzen niemals gekannt habe. Wie wahr ist es: -Besser, daß das Herz Dir bricht, von dem Kuß der Rose, als Du kennst die Liebe nicht und stirbst liebelose? Dieser Mann hätte mich Liebe lehren können, wenn ich ihm vor 20 Jahren hätte kennen gelernt. Denn, wenn er heute, wo mein Haar ergraut und mein Herz tot und kalt ist, mich derart interessiert, wie erst hätte er das lebhafte Ding voller schwärmerischer Ideale zu fesseln verstanden? Aber auch Klara ist von ihm ganz bezaubert und das paßt mir nicht recht. Seinen Charakter in Ehren, aber für das 18jährige Ding ist er viel zu alt. Hier in der Ungebundenheit des Badlebens läßt sich nichts tun, aber kehren wir erst nach Wien zurück, werde ich unter einem passenden Vorwände den Verkehr mit ihm abbrechen." So sprach Hanna zu sich selber. Aber alle diese Reflexionen verhinderten sie nicht, daß sie während der letzten Tage jeder Woche den Sonntag herbeisehnte, der den allen liebgewordenen Freund wieder herausbringen sollte. Karl, der junge Gymnasiast, brachte die Nacht vom Samstag ans Sonntag gewöhnlich schlaflos vor Erregung zu, und der frühe Morgen fand ihn schon am Bahnhofe der nächsten kleinen Station, um ja den Zug nicht zu versäumen, der den Onkel bringen werde. Nur zu bald waren den beiden Damen die schönen Tage von Erlauf verstrichen. Kurz vor Schulbeginn mußten sie, trotz- 1 dem der schönste Sonnenschein lachte, ihr liebes Häuschen mit? dem kleinen reizenden Gärtchen verlassen, und dem kühlen Walde,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.