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Die Wahrheit · 1907-03-22 · Heft 12 (22.3.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 12. Die Wahrheit Leite 9. in dessen Schatten sie so schöne, unvergeßliche Tage verlebt hatten, für dieses Jahr Ade sagen. In Wien angelangt, hatten sie mit der Instandsetzung der Wohnung zu tun, und Hanna konnte ihren Vorsatz nicht ausführen, den Verkehr mit dem Freunde abzubrechen, denn es fand sich gar keine Gelegenheit, auch nicht der geringste Anlaß dazu. Die Zimmerherren kamen vollzählig angerückt, Klara übernahm jetzt allein die Führung des Hauswesens, und die Mutter schrieb fleißig, ja schrieb mit einem Schwünge, wie sie ihn noch in keinem ihrer früheren Werke gezeigt hatte. Die anregende Unterhaltung mit Herrn Binder übte den vorteilhaftesten Einfluß auf ihre Geisteskräfte aus und Binder behauptete seinerseits, daß durch seinen Verkehr mit der liebenswürdigen Familie Bräuer sein Geist zu immer neuem Schaffen angeregt wird. So war es Herbst geworden. Karl und Klara bereiteten sich vor, den Geburtstag Mamas recht würdig zu feiern, und wiederholt erbaten sie sich Ratschläge von ihrem Vertrauten, dem Onkel Binder. Ihr Geburtsfest machte Hanna immer ernst, ja traurig. Da zogen alle die Jahre an ihrem Geist vorbei, die sie gelebt, und jedes brachte eine andere Sorge, Kränkung und Enttäuschung. In dieser keineswegs heiteren Geburtstagsstimmung wurde Hanna von den Kindern überrascht, welche herein kamen, um der geliebten Mutier zum Geburtstage zu gratulieren. Karl überreichte der Mama als Geburtstagsgeschenk eine Crayonzeichnung. Als Hanna das blaue Band löste, mit welchem die zusammengerollte Zeichnung umwunden war, stieß sie ein Ah! der Bewunderung aus. D.as Blatt war eine gut gelungene Skizze des niedlichen Häuschens und Gartens in Erlauf, in welchem sie so genußreiche Wochen verlebt hatten. Klara hatte ein Sofakissen gestickt. Hanna freute sich fast kindisch über diese Ueberraschung. Mutter und Kinder saßen eben beim festlich gedeckten Frühstückstische, als ein Dienstmann einen prachtvollen Blumenstrauß brachte, mit einer Karte von Binder. ‘ Verlegen, wie ein junges Mädchen, barg Hanna das errötende Gesicht zwischen den Blumen des Straußes, wie um deren Wohlgeruch einzuatmen. Klara ging zur Mutter und sagte: „In meiner Eigenschaft als Vizehausfrau habe ich mir erlaubt, Herrn Binder heute zu Tische zu bitten, damit unsere kleine Festtafel durch seine lehrreiche Unterhaltung belebt werde. Der Einfall dazu ging zwar von Karl aus, welcher in Herrn Binder sein Ideal sieht, dem er nacheifern will, um' es womöglich zu erreichen. Aus diesem Grunde kann er nie genug mit ihm beisammen sein. Natürlich kam mir sein Wunsch sehr gelegen. Du hast doch nichts dagegen, liebste Mama?" „Wie sollte ich, liebes Kind, Euch heute etwas übel nehmen, wo ihr mich so angenehm überrascht habt," antwortete Hanna ausweichend. „Nimm diesen Strauß, Klara, und gebe ihn in eine Vase mit frischem Wasser, damit die schönen Blumen nicht welk werden. Sie müssen ja heute zum Schmucke der Tafel dienen." Während sich Klara mit dem Strauße beschäftigte, bemerkte sie, daß die Drähte, woran sie befestigt waren, von etwas Glänzendem zusammengehalten wurden. Sie zog diesen glitzernden Gegenstand ab und hielt einen breiten Goldreifen in der Hand. „Sieh, Mama!" rief sie jubelnd aus, „was an dem Strauße befestigt war, ein goldener Ring!" Hanna rief empört aus: „Das ist frech von ihm, ja mehr als frech noch, das ist gemein! Blumen nahm ich von ihm an, schon Euch zuliebe, aber mir ein Schmuckstück zu senden, und gar einen Ring, das durfte er sich nicht gestatten, das nicht! Wer gab ihm das Recht, mich sozu beleidigen?" „Mama!" sagte Klara, indem sie zärtlich über die von Zorn geröteten Wangen der Mutter strich, „Mama, was, wenn er Dich nicht beleidigen wollte? . Wenn er Dir mit diesem symbolischen Geschenke andeuten wollte, daß er Dich hochschätze, daß er Dir Dein einsames Leben verschönern wolle, in Liebe und Treue, würdest Du ihm ein Nein! sagen?" Hanna bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und fing zu weinen an. „Mama!" fuhr Klara fort, „Du hast unsern armen Papa lange genug und tief betrauert, willst Du denn noch immer einsam und ohne männliche Stütze Dein Leben verbringen, wo ein edler Mann von vornehmer Gesinnung es mit Dir teilen wollte?" „Wie weißt Du das Kind?" stammelte Hanna ganz verwirrt. „Weil er selber es mir Tagte, weil er mich gebeten hat, bei Dir den Fürsprecher zu machen, die Saronerose zu fein, wie Du sie in Deinem Buche so schön geschildert hast, welche die Herzen der Eltern zu einander führt. Mama! Im Namen meines jüngeren Bruders flehe ich Dich an: Gib uns Frühverwaisten einen Vater wieder! Herr Binder, den wir jetzt scherzend Onkel nennen, ist der Einzige, den wir Vater nennen möchten." Klara war im Eifer des Sprechens vor der Mutter auf die Erde gesunken und umklammerte bittend ihre Kniee. Hingerissen von der selbstlosen Zärtlichkeit des geliebten Kindes, beugte sich Hanna zu der Knieenden herab und einen Kuß auf das Haar Klaras drückend. sagte sie leise: „Und soll ich den Spott der Welt auf mich laden, Klara?" (Schluß folgt.) M. L. Biedermann’sches Stipendium. Aus der obigeu Stiftung zur Unterstützung mehrerer hiesiger dürftiger israelitischer Knaben, vorzugsweise wonu sie Waisen sind, während der Zeit als solche die israelitischen Unterrichtsanstalten mit gutem Fortgang in Kenntnissen und Sittlichkeit und zur Zufriedenheit der Herren Schulvorsteher uud Lehrer besuchen, dann wenn selbe nach Beendigung des Schulunterrichtes ein Handwerk rlernen, auch durch die Dauer ihrer Lehrzeit gelangen vier Stipendien im Betrage von K 120.— zur Verleihung. Die mit dem Geburtsscheine, dem Armutszeugnisse und den Schu Zeugnissen — eventuell auch mit dem Nachweise ihrer Waiseuschaft — belegten, von dem zuständigen Religionslehrer bezüglich der stiftbriefgemässen Würdigkeit begutachteten Gesuche sind bis ZI. März 1907 im Einreichungsprotokolle der Israel. Kultasgemeinde I. Seitenstettengasse 4, I. Stock, woselbst Gesuchsblankette während der Amtsstundeu von 9—12 Uhr vorm, unentgeltlich zu beheben sind, zu überreichen. In dem Gesuche ist anzugeben, ob der Bewerber in dem Genüsse eines Stipendiums steht, im bejahenden Falle, auf welchen Betrag sich dieses Stipendium beläuft. Auszüge aus den Matriken der Israel. Kultusgemeinde Wien sind als Gesuehabelege nicht erforderlich; es genügt vielmehr die genaue Angabe der betreffenden Daten. Verspätet überreichte oder nicht gehörig belegte Gesuche werden nicht berücksichtigt. Wien, I. März 1907. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien. Moriz Perles’sclie Wohltätigkeits-Widmung. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien gibt hiemit bekannt, dass die Jahreserträgnisse dieser Widmung per K 370 in Beträgen von mindestens K 50 zur Verleihung gelangen. Anspruchsberechtigt sind verarmte jüdische Familien, welche durch das Ableben des bisherigen Ernährers (gleichgiltig ob Schlagaufall, Gewalttat. Krieg oder Unglücksfall) (Selbstmord ausgeschlossen) ans geordneten Verhältnissen in drückende Not gestürtzt wurden. Es bildet hiebei keinen Unterschied, ob der plötzlich verstorbene Ernährer das Haupt oder nur ein Mitglied der Familie war. Unter den Bewerbern um diese Widmung gemessen, das Zutreffen der obenangeführten Bestimmungen vorausgesetzt, Personen, welche in direkter Linie von dem Widmungserrichter, Herrn Moritz Perles, oder dessen Gattin. Frau Agnes Perles geborene Schiller, abstammen oder bis zum 5. Grade der Seitenverwandschaft des Widruuugserrichters oder dessen Gattin angehören den Vorzug. Bewerber um diese Widmung haben ihre mit dem Nachweise der Armut, des Todes des Ernährers und ihrem Geburtsscheine, sowie eventuell mit dem Nachweise der Verwandtschaft mit dem Widmungserrichter oder dessen Gattin versehenen Gesuche bis 15. April 1907 im Einreichungsprotokolle der israel. Kultusgenminde Wien, I., Seitenstettengasse 4, I. Stock, woselbst auch Gesuchsblankette unentgeltlich erfolgt werden, in den Amtsstunden zwischen 9 und 12 Uhr vormittags zu überreichen. Auszüge aus den Matriken der israel. Kultusgemeinde Wien erscheinen als Gesuchsbelege nicht erforderlich, vielmehr genügt die genaue Angabe der betreffenden Daten. Nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche werden nicht berücksichtigt. . Wien, 15. März 1907. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien.

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