Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. . Die Wahrheit Nr. 12. 'r Ji jr * j1 er in der einen oder anderen Hinsicht entspricht. Allein man braucht > nur auf die Männer zu hören, die in den einzelnen Komitees mitraten und mittaten: sie alle sind darin einig, daß keiner der Kandidaten nach jeder Richtung geeignet erscheint und daß deshalb eine Einigung der verschiedenen Gruppen, die ihre einzelnen Kandidaten unterstützen, ausgeschlossen erscheint, so daß, insbesondere gilt dies von dem vielumstrittenen Mandat in der Leopoldstadt I, allgemein die Annahme vorherrscht, daß die Stimmen sich zersplittern werden und es zu einer Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten, der doch an sich nur ein unbedeutender Zählkandidat ist, und dem Christlichsozialen kommen werde; bei einer Stichwahl müßten aber die jüdischen Wähler für den Sozialdemokraten stimmen. Und nun frage sich doch jeder der Männer, die an der Wahlmache beteiligt sind, ob es dahin kommen dürfe und ob dies nicht mit allen Mitteln verhütet werden müßte, d. h. ob nicht jene Einsichtigen Recht behalten sollten, die es für notwendig erachten, an Stelle der v i e I e n Kandidaten, deren keiner völlig entsprechend erscheint, nach einem neuen Kandidaten Ausschau zu halten, der die v ö l l i g e Eignung besitzt und die Gewähr bietet, daß die einzelnen Gruppen sich auf ihn einigen können und vor dem die bisherigen Kandidaten entweder selbst znrücktreten würden oder von ihren Gruppen dazu veranlaßt werden könnten. Man wird aber zur richtigen Wahl nur dann gelangen, wenn man sich in aller Ruhe und Gewissenhaftigkeit klarzumachen sucht, welche Männer für diese beiden Mandate nottun. Mit Recht betont man in erster Linie, daß es nicht nur Juden dem Namen nach sein sollen, sondern Männer von jüdischem Sinn und jüdischem Wissen, die sich offen als Juden bekennen und in der Lage sind, ans Grund ihrer Kenntnis vom Judentum falschen Vorstellungen entgegenzntreten und insbesondere Verleumdungen und Anklagen abzuwehren. Allein es ist eine arge Berkeunung, wenn man meint, daß diese Kenntnis und die Fähigkeit und der Mut, in dieser Hinsicht zu wirken, allein schon ausreicheu. Dazu müssen doch noch andere unerläßliche Dinge hinzukommen, nämlich untadeliger Charakter und die durch Studien und Tätigkeit erworbenen Kenntnisse, auch in anderen Fragen in wirksamer Weise an den Arbeiten! des Reichsrates sich zu beteiligen. Nicht zu vergessen ist ja auch,! daß die Männer nicht nur gewandte, sondern auch wirksame j Redner sein sollen. Ein wirksamer Redner ist jedoch nur deri jenige, der in einer Körperschaft als Persönlichkeit etwas gilt! und sich dadurch Achtung verschaffen kann. Wir Juden können j uns nicht den Luxus gestatten, Vertreter ins Hans der Abge- > ordneten zu entsenden, die nichts sind als Juden, solange wir > die Möglichkeit haben, Vertreter zu finden, die außerdem noch > etwas anderes sind. Es ist doch eine merkwürdige Sache: man j rühmt uns Juden den praktischen Sinn nach, aber gerade die j jetzigen Vorgänge zeigen den völlig unpraktischen Sinn. Es ist \ doch so selbstverständlich, daß jede Wählerschaft einen Vertreter! suchen wird, durch den sie einigermaßen Einfluß nehmen kann! auf den Gang der Dinge. Kann nun den Interessen der jüdij scheu Wähler damit gedient sein, einen Vertreter im Hause zu! haben, der n u r die Aufgabe und die Fähigkeit hat, Angriffen entgegenzutrelen (der jedoch, auch das muß gesagt werden, durch seine Anwesenheit die Meute zur Hetze reizt), sonst an den Verhandlungen des Hauses keinen Anteil nimmt, isoliert dasteht, sich keiner größeren Partei anschließen kann und persönlich keinen Einsiuß und keine Geltung besitzt? Damit kann weder der Allgemeinheit, noch den Einzelnen (denn es kommen ja auch Einzelinteressen in Betracht) gedient sein. Es wird so oft von jüdischen Interessen gesprochen; der Kundige weiß, wie sie gemeint sind, .der Unkundige mißversteht sie und der Böswillige mißdeutet sie. Besondere jüdische Interessen gibt es nicht und kann es nicht geben. Die eigentlichen Aufgaben des Parlamentes sind die Gesetzgebung und die Kontrolle der Verwaltung. In einem Staate, in dem die Gleichheit Aller vor dem Gesetz ausgesprochen ist, muß dahin gewirkt werden, daß sie allgemeine Geltung gewinne und daß jede Rechtsungleichheit schwinde; das Parlament aber muß gute Gesetze schaffen und eine geordnete V e r w a l t u n g sicherstellen, und güte Gesetze und eine gute Verwaltung kommen allen Bürgern des Staates, den Juden wie den Nichtjuden, zugute. Schon daraus ergibt sich die Notwendigkeit, daß der zu wählende Kandidat die Eignung und Neigung besitze und die Möglichkeit gewinne, an den Arbeiten des Hauses im Plenum und in den Ausschüssen sich zu beteiligen. Es ist unmöglich, im Rahmen eines kurzen Artikels zu allen bei den in Frage stehenden Wahlen in Betracht kommenden Momenten Stellung zu nehmen und sie alle zu erörtern. Es muß auch hier der Satz gelten: saxisuti sat. Es soll ja hier nur die Anregung gegeben werden, noch einmal eine ernste Prüfung anzustellen, bevor es zu spät ist. Es ist vielleicht schon zu viel durch die Verwirrung der Geister, infolge der vorzeitigen Stellungnahme der einzelnen Vereine, der Sache geschadet worden. Allein noch ist es Zeit. Möge n doch Vertrauensmänne r der einzeln en Wähle rgruppengemeins a m m i t hervorragenden Männern derWiener I u d e n s ch a f t auch aus anderen Bezirken — denn bie Angelegenheit i st eine wichtige, Alle betreffende — z u ruhiger, er n st er Beratung zusammentreten. Im Vorstehenden haben wir es versucht, die Erfordernisse festzustellen, die an die zu nominierenden Kandidaten zu stellen sind. Man kann es auf Schritt und Tritt von jenen, die die! bisher genannten Kandidaten empfehlen, hören, sie tun es nur, weil sie keinen besseren kennen, oder, man suche eine geeignete Persönlichkeit, man finde sie aber nicht. Sott sich Wien wirklich ein solches Armutszeugnis ausstellen müssen? Wir denken, nein. Der alte Satz bmw jtsbx mb gilt auch hier. Man wird sie finden, wenn man sie zu suchen versteht oder gewillt ist. Nur! muß man bedenken, daß die geeignetesten Männer jene sind, die! sich nicht selbst anbieten, die jedoch geneigt sind, einem Ruse ■ Folge zu leisten, der, gestützt auf das allgemeine Vertrauen, an ■ sie ergeht. Wir brauchen Männer von Wissen auf jüdischem und anderen Gebieten, von Charakter und allgemeiner Achtung u n d W e r t s ch ä tz u n g, die sich durch ihre Stellung und ihr Wirken bewährt haben, die die Gabe der Rede besitzen, aber auch durch ihr ganzes Wesen die Gewähr bieten, daß ihr Wort die gehörigeResonanz finde. Wir haben, Gott sei Dank, in Wien Männer, die durch ihr amtliches Wirken, durch ihre Stellung in der Wissenschaft, durch ihre öffentliche Tätigkeit sich einen geachteten Namen erworben haben und die man gern geneigt ist, eine Zierde des Judentums zu nennen, und gerade in einem so hochwichtigen Momente, wo es sich um die Besten handelt, sollte man sie übersehen oder nicht zu finden wissen? Ein Jude, der als Beamter sich durchgesetzt und es zu einer geachteten Stellung gebracht hat, der dem Judentum trotz aller Schwierigkeiten und Verlockungen treu geblieben ist, verkörpert in sich schon das beste Programm und die wirksamste Abwehr. Damit haben wir die Richtung angedeutet, in der unseres Erachtens die zu nominierenden Kandidaten gefunden werden müßten. Dabei halte man fest daran, daß auch unter ihnen jene die geeignetsten sind, die in erster Linie Männer von jüdischem Fühlen und jüdischem Wissen sind. Den Wählern und ihren Beratern möchten wir aber, ehe es zu spät ist, die Mahnung zurufen: Für die Iuden sind d i e B e st e n gut genug, prüfet alle und die Besten behaltet; in Eure Hand ist die Würde des Iud entums gegeben, bewahret sie! Hie Zionisten bei der Maifeier in Mie». Mit Bezug aus die von den Tagesblättern gemeldete Teilnahme der Jüdisch-Nationalen an der am 10. März von den Sozialdemokraten veranstalteten Feier für die Märzgefallenen werden wir um Aufnahme nachstehender Erklärung ersucht: