Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion 11. Stdininistialion: Wien, II/, Nvvaragasü 27. DelevVv» 8tr. der Druckerei I53VL. Ansevaii.' Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements« n. Jniertionsberräge sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeitschnft für jüöische Interejsen. Erscheint jeden Kr ei tag. Notto: 8isAvl OoKiv8 >V»tirtivit!" Für Cultnsbemnte: ü Rubel oder >6 Fcr. Ar. 12. Mir». 22. Miirr Inhalt: Judenverfolgungett in Rumänien. — Zu den Wiener Reichsratswahlen. — Die Zionisten bei der Märzfeier in Wien. — Anteil der Juden am Hochschulstudium. — Aus der „Jto". — Das nationale Judentum. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Rose von Saron. Indeuvcrsolynngen in Rumänien. Bei der Wiener „Israelitischen Allianz" lausen fort und sort Schreckensnachrichten über die Plünderungen und Verwüstungen, die durch Bauernbanden in zahlreichen von Juden bevölkerten Städten der Moldau vorgenommen werden, und über große Ansammlungen von Flüchtlingen in Czernowitz, Jtzkany, Suczawa und anderen Grenzorten ein. Aus Suczawa wurde , der „Allianz" te'egraphiert: „In Burlnjeni, Buceca wurden sämtliche jüdische Geschäfte und Wohnhäuser ausgeplündert. U e b e r 1500 Personen auf ö st erreicht sches Gebiet geflüchtet. Sofortige dringend." „Rumänische Bauern plündern alle Juden in Burdujeni und anderen Grenzstädten. Rumänisches Militär fraternisiert mit Bauern." Sofort beim Eintreffen der ersten Meldung hat der Vorstand der „Israel. Allianz" der Filiale in Czernowitz die notwendigen Mittel telegraphisch zur Verfügung gestellt, um die erste Hilfe für die notleidenden Flüchtlinge zu leisten. Der Sekretär der „Allianz", Herr Dr. Kaminka, ist nach Suczawa und Rumänien gereist, um an Ort und Stelle die erforderliche Hilfe zu organisieren und über Umfang und Ursache der Bewegung zuverlässige Daten zu erlangen. Das Präsidium der „Allianz" hat auch sofort bei dem Ministerium des Innern interveniert, damit den bedauernswerten Flüchtlingen seitens der Behörden in vollem Maße Schutz und humane Behandlung zuteil werde.ß l , _ Zn den Wiener RkichsratsWnhlen. Das allgemeine Wahlrecht hat außer anderen vom Standpunkt der fortschrittlichen Entwicklung der Volksrechte zu begrüßenden Vorteilen, vom engeren jüdischen Standpunkt beurteilt, durch die Wahlkreiseinteilung auch den Vorteil gebracht, daß es in Wien jetzt zwei Wahlbezirke, das sogenannte Quaiviertel und Leopoldstadt I, gibt, in denen die jüdischen Wähler das numerische Uebergewicht haben, somit in der Lage sind, auf die Wahl des Kandidaten einen entscheidenden Einstuß zu üben. Dadurch gewinnen die Wahlen in diesen zwei Wiener Bezirken eine Bedeutung, die weit über das Wiener Weichbild hinausreicht. Die Verantwortlichkeit, die die unmittelbaren Mandatserteiler und jene, die sie beraten, zu tragen haben, ist aber deshalb auch umso größer. Sind es doch die einzigen Wahlkreise in den westlichen Provinzen, in denen jüdische Kandidaten als solche durchdringen und deren Mandate daher geradezu als jüdische bezeichnet werden können. Wenn es nun für städtische Bezirke nicht leicht Bezirksinteressen geben kann, die ihre Vertreter im Reichsrat durchzusetzen haben sollten, somit auch keine besonderen Interessen ihrer eigentlichen Wühler, so gilt das insbesondere im vorliegenden Fall. Genauer gesprochen: das Quaiviertel z. B. hat überwiegend kaufmännische Wähler, ihr Vertreter wird, insofern er in der Lage ist. die kaufmännischen Interessen zu vertreten, nicht blos die seiner direkten Wühler fördern, sondern überhaupt aller Kaufleute, mögen sie in welchen Städten oder Bezirken immer wohnen. So können auch die jüdischen Abgeordneten, die aus der Wahl der beiden genannten Wiener Bezirke hervorgehen, nicht blos die Aufgabe haben, die Interessen ihrer eigentlichen jüdischen Wähler in den genannten Bezirken zu vertreten, sondern sie haben sich, insoweit sich ihnen ein Anlaß dazu ergibt, als die Vertreter der Gesamtjudenheit zu betrachten, und zwar sowohl in der Erkämpsung von Rechten, als in der Abwehr von Angriffen. Darin liegt es aber, daß, wie bereits erwähnt, die Wiener Wahlen in den erwähnten Bezirken eine so weitreichende Bedeutung gewinnen. Gleichwohl ist die Wahl der richtigen Männer eine Wiener Angelegenheit und es muß als eine Ehrensache aller Wiener- Juden gelten, die Interesse an jüdischen Angelegenheiten nehmen, daß nur solche Männer auf den Schild erhoben werden,! die nach jeder Richtung hin den Anforderungen entsprechen. Die Erscheinungen in der bisherigen Wahlbewegung zeigen,! daß über die Qualität der Männer, die für diese Mandate die Eignung haben, eine bedauerliche Unklarheit herrsch!, daß auch hier, wo es sich um so wichtige Fragen handelt, die losgelöst von allen persönlichen, lediglich von sachlichen Gesichtspunkten behandelt werden müssen, sich Klickenwesen und persönliche Momente geltend machen, die den klaren Blick trüben. Vor allem zeigt sich, daß man zuerst Personen hatte, dann erst die Erwägung, ob sie den Anforderungen entsprechen, während es doch richtiger gewesen wäre, sich zuerst klar zu machen, wie beschaffen nach jeder Richtung die Kandidaten sein müßten, und dann erst Umschau zu Hallen, ob man nicht solche Männer finden könne. Schon die Fülle der Kandidaten zeigt die völlige Unklarheit im Erfassen der Situation. Sie beweist nicht den Reichtum an Kräften, sondern das Unvermögen, sich auf ein klares Urteil zu einigen. Es soll hier nicht in eine Kritik der einzelnen Kandidaten eingegangen werden. Man kann jedem einzelnen zubilligen, daß