Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-03-15 · Heft 11 (15.3.1907) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063378--04758-3071624
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

♦ Gesten-Ungar. Kantoren -Zeitung Mene Synagogen Grsangsrverke. N'ginoth Baruch Schorr's, veröffentlicht von dessen Sohn Israel Schorr, Oberkautor in Brooklyn. Besprochen von Oberkantor Josef Singer, Wien. > Für Eingeweihte dürste die pure Namensnennung des Komponisten vorliegender Gesänge, des einstigen leider zu srüh Heimgegangenen, weltberühmten Lemberger Chaseu Baruch Schorr genügen, um die Ueberzeugung zu festigen, daß im Inhalte dieses Werkes eine bedeutungsvolle Erscheinung zutage tritt. Bedeutungsvoll nicht allein durch die streng charakteristische musikalische Verarbeitung des behandelten Materiales, sondern umso rühmenswerter, als der verehrte Komponist, im vollen Bewußtsein seines Könnens, die bereits vorhandenen — um nicht zu sagen ausgetretenen — Wege all seiner Vorgänger auf synagogal-komponistischem Gebiete hübsch abseits liegen läßt und seine ihm so sehr vertrauten „alten" Bahnen wandelt. Alte Bahnen? —; Stünde Baruch S ch o r r mit all seinem Denken und Fühlen, mit all seinem Wirken und Schaffen, seinem Singen und Sagen nicht aus streng traditionellem Boden, wir wären schier veranlaßt, von „treuen" Bahnen zu sprechen. Vollständig durchdrungen von seiner heiligen Mission, die Kunstschätze der alten polnischen Chasonim unangetastet zu , erhalten und der Nachwelt zu übermitteln, ist er hauptsächlich bestrebt, den sogenannten ..polnischen" Gesang von jenen unglückseligen und unverantwortlichen Parasiten zu befreien, mit denen uneingeweihte, mit diesem Kunststile vollständig unvertraute sogenannte Kantoren dieselben — vergifteten; wir meinen das falsche Pathos des ewigen Winselns und der ungerechtfertigten Anwendung von Forte und Piano an geradezu gegenteilig zu behandelnden Stellen rc. Seit Jahrzehnten versuchten wir es an dieser Stelle, bei Besprechung der Meisterwerke unserer Altvordern auf zutage tretende Schwächen Hinzuwelsen, und manches Samenkörnlein unserer Hinweise ist ja auch auf glücklichen Boden gefallen; doch angesichts der sich in neuester Zeit kundgebenden Gepflogenheit, Schein für Echtheit und Lüge für Wahrheit darzubieten, halten wir es für angezeigt, so sehr uns auch die Bitterkeit in die Feder flöße, dieses unangenehme Gefühl zurückzudrängen und wenden uns ausschließlich dem vorliegenden Gegenstände unserer Besprechung zu. Baruch Schorr war ein polnischer Chasen echtester Prägung und vornehmster musikalischer Gesinnung, doch aus seinen Bestrebungen auf kantoralem Gebiete lugt uns allenthalben gewissermaßen schon die Ahnung einer berechtigten Zukunft entgegen. Auch er stand ja unter der gemeinschaftlichen Fessel des althergebrachten „Singen und Sagen", allein in seinem geläuterten Sinne loderte schon die heilige Flamme der Erkenntnis, daß ausschließlich in der engen Begrenzung der notwendigen Behelfe zum „Polnisch Singen" das Heil dieser Gesangsart zu suchen sei. Nicht mit dem trügerischen Schimmer gewagter Koloraturen, auch nicht mit der gewaltsam kühnen Steigermischung und Modulation spekuliert er, nur die Einfachheit nach jeder Richtung hin ist sein blankes Panier, weil Form und Ausdruck bei ihm allerdings auf historischem Boden stehen, sein klarer Blick jedoch schon auf die Anforderungen des modernen Geschmackes gerichtet ist. Die Veröffentlichung vorliegender Gesänge besorgte der treffliche Sohn des Verewigten, Herr Oberkantor Israel Schorr in Brooklyn; wir glauben nicht fehlzugreifen, wenn wir die moderne Gestaltung mancher Chorstellen als den Intentionen des Sohnes entstammend, hinstellen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet*), darf uns das eigenarttge Kolorit, welches das ganze Werk durchzieht, nicht gar so eigentümlich berühren. Schon die Anfangstöne klingen uns wie ein Gruß aus vergangenen Jahrhunderten entgegen. Nicht der ruheverheißende Inhalt eines I^sollo dodi oder die pracht- *) Bei der harmonischen Bearbeitung vorliegender Kompositionen sind wir stets im Zweifel, welche Anteilnahme dem Schöpfer und welche dem Herausgeber beigemeffen werden soll. schildernden Worte eines Natt towu bieten uns, wie sonst üblich, den Willkommengruß, sondern die heilig ernsten Worte und die erschütternden Klänge eines Leliokcttli Laddi8oli tönen uns entgegen und bereiten uns für die altertümliche Färbung, vor, welche die Charakteristik der vorliegenden Gesänge bildet. Wir wissen ja, daß man die bereits ermähnten, wie die nun folgenden Gesänge, wie 088omi, Llaoklonu, Haa-Mor al xs8olia^ Bemozue menucho, Schomer jisroel rc. nicht anders als in altertümliche Gewandung gehüllt darstellen kann und darf, doch der Zuschnitt dieser Gewänder erscheint bereits unter die Botmäßigkeit modernen Geschmackes, um nicht zu sagen modernem Gesetzes, gestellt. Der wildwüchsige Koloraturzwang ist auf das bescheidenste Maß beschränkt und überhaupt jedwede Tonbewegung, wie Triolen und Synkopen, nur insoferne angewendet, als es eben die Erhaltung des Traditionsgedankens erheischt. Anerkennen wir diese bescheidene Verwendung sonst verschwenderisch ausgebenteter Behelfe für den „polnischen" Gesang bei Chasonuth-Stellen, so erfüllt es uns geradezu mit Bewunderung, diese Sparsamkeitsmethode auch bei solchen Gelegenheiten angewendet zu sehen, die dem freien Rezitativ des Kantors anheim gestellt seien, wie z. B. bei Malvkio8 am Rosch-Haschono, NI00I1 al kol lioolom kulo Nr. 138. Baruch Schorr muß sicherlich als ein Fürst auf dem Gebiete des Sagens anerkannt werden, der .diese — von minder Einsichtigen so sehr angestaunten — falschen Errungenschaften gleichsam mit offenen Händen zu spenden im Stande war. Erwägen nur nun, wie bei dieser genannten Piece und bei einschlägig anderen nur die allergeringsten Koloratur-Modulation- und Tonbeweglichkeits- Behelfe herangezogen werden (— das ganze Tonstück ist auf der G rnoll-Harmonie aufgebaut und bewegt sich — mit einer vorübergleitenden Modulation durch den Septakkord GH D F bei der Stelle „Iisroel melecli“ — nach C-moll — beinahe durchwegs auf der Ursprungs- und der verwandten Dur-Tonart,) so müssen wir es dankbar anerkennen, daß hiebei ein entschieden didaktischer Zug obwaltet, der namentlich von den jüngeren Kollegen im Amte außerordentliche Beachtung verdient. H i e r eröffnet s i ch ein Gebiet, welches geradezu zur Nachahmung aufford er t; wir m e i n e n d i e Na chahmung jener durch Schorr angewendeten. Einfachheit der äußeren Mittel beim sogenannten T r a d i t i o n s g e s a n g. Auch die chorische Ausgestaltung vorliegender Gesänge neigt insoferne dem modernen Geschmacke zu, indem der Komponist die Stegreifbegleitung der einstigen Meschorerim durch strenggefügte Harmonien und Modulationen fixiert*), welcher Vorgangebenso dankbar gewürdigt werden muß, wie die inhaltsgemäße Behandlung des Textes, die ber polnischen Chasonim bekanntlich wenig Berücksichtigung findet. Noch einer bedeutungsvollen Errungenschaft der Schorr'schen Sangesspendeü müssen wir rühmend Erwähnung tun, u. zw. die Anwendung der Steiger. Greifen wir aus der Fülle des Gebotenen beispielsweise die eine Piece Nr. 105, Hinein heori mimaas heraus, so überzeugen wir uns alsbald, daß der Herausgeber, wie viele Andere, bezüglich der Fixierung einer Tonbasis mit sich nicht im Reinen war. Das Tonstück ruht offenbar auf der G-Basis des dmoktabaoli-Steiger, daher muß die Vorzeichnung von 3 B, welche entweder für Es-dur oder C-moll gilt, an dieser Stelle entschieden zurückgewiesen werden; sonst jedoch erscheint das Rezitativ streng steigerrein behandelt und reiht sich, was Tonschönheit bei knappster Einfachheit betrifft, den anderen Rezitationen prächtig an. Bei der von uns dargetanen umfassenden Würdigung des vorliegenden' Werkes wird man es uns sicherlich nicht übel deuten, wenn wir zum Schluffe darauf Hinweisen, daß die musikalischen Aufzeichnungen der traditionellen Melodien keinerlei *) Was die harmonische Ausgestaltung der Traditionsgesäuge betrifft, wäre die Rücksichtnahme auf das alte Jntervallgefüge allerdings erwünscht gewesen. - sraraWÄa'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.