Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063378--04753-3071619- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 11. Die Wahrheic. Seite 5. Rechte, insbesondere Freigebung der Staats- und Landesämter für jüdische Bewerber verlangen. Die nationale Partei wird ferner eine Politik der Gerechtigkeit, und Billigkeit gegenüber dem ruthenischen Volksstamme befolgen, gleichwie schon im Jahre 1873 der Verein „Schomer Israel" dieser richtigen politischen Anschauung gehuldigt und den Palt mit den Ruthenen zur gemeinschaftlichen Wahlaltion in den direkt gewählten Reichsrat abgeschlossen hat. Wohl hat damals das erste Erwachen unserer Brüder in Galizien und gleichzeitig des ruthenischen Volkselementes der jüdischen Sache nicht viel gedient, hauptsächlich aber aus dem Grunde, weil unsere jüdischen Abgeordneten noch nicht den nationalen Mut und die Ueberzeugung einer politischen Individualität mit in den Reichsrat brachten. Die spätere assimilatorische Periode mit ihrem Stürmen und Drängen ans unsere jüdischen Abgeordneten brachte die jüdische Bevölkerung Galiziens unter polnische Botmäßigkeit, und die Polonisierung der Juden führte dieselben in eine unglückliche Sackgasse, aus der sie ihre eingefangene Individualität schwer und vergebens herausretten können. Erst der Zionismus brachte nationales Leben und Bewegung in die trägen Massen, die nun zur Erkenntnis kommen, daß die national-jüdische Politik nicht bloß in Palästina, sondern auch in Oesterreich, respektive iu Galizien zur Geltung gebracht werden müsse. Als mackere Pionniere dieser Richtung fordern unsere unsere Akademiker in ihren Massenversammlungen vom Staate die Anerkennung der jüdischen Nationalitätsie schließen aber auch ihre politischen Bündnisse und sprechen den bedrückten Ruthenen als ihren Leidensgenossen ihre vollste Sympathie ans. So haben jüdische Akademiker und Techniker bei einer Versammlung das Vorgehen der polnischen Akademiker und ihrer Vorder- und Hintermänner, welche die Ruthenen aus der Universität verdrängten, entschieden mißbilligt, aber wir haben auch bereits von den Gegendiensten gemeldet, die die ruthenischen Akademiker den jüdischen Kollegen geleistet haben. Es muß hier auch konstatiert werden, daß die assimilierten jüdischen Akademiker Takt und Kaltblütigkeit bewahrt haben und sich nicht an jenen Szenen beteiligten, welche zwischen Polen und Ruthenen sich abspielten. Der jüdische Genius bewahrt unsere zwiespältige Jugend davor, handgreiflich in die Mitte zu treten. Wer kann heute schon Vorhersagen, welche Wendung diese cjuasi studentische Affaire nehmen wird, und wie viele Opfer die direkte Reichsratswahl von Polen und Ruthenen verlangen wird. Sind ja die Ruthenen und die Juden auf eine unerhörte Weise um ihr gutes Recht verkürzt worden. Was die Wahlen in den Reichsrat anbelangt, bildeten sich zwei Lager. Die Assimilanten, Polen mosaischer Konfession, welche ihr Heil in der alten Schlachta-Hegemonie erblicken und Anschluß, oder richtiger Unterwürfigkeit unter dem reichsrätlichen Polenklub suchen, und die andere Partei, die Zionisten, welche nicht gewillt sind, noch weiter das polnische Joch und den Maulkorb zu tragen. Zur Charakteristik beider wäre folgendes mitzuteilen. Die Assimilationspartei setzt mit großen finanziellen Mitteln ein, da ihr eigentlicher Kronkandidat Dr. Nathan L ö w e n st e i n, Schwiegersohn des Millionärs und Handelskammer-Präsidenten Samuel Ritter von H o r o w i tz ist. Wir wollen aber nicht ungerecht über die Person des Reichsratskandidaten Dr. L ö w e n st e i n urteilen. Dieser Mann besitzt das Zeug zu diesem hohen Amte und hat Gold im Munde und ebensolches in seiner Tasche.- Er liebt es, den Schlachziz zu spielen, und wird im Reichsrate die Sache der Polen führen; ob aber die Sache der Juden? — das ist eine offene Frage. Wir lesen zwar in dem Aufrufe der Polen mosaischer Konfession, daß sie dem Judentum im Anschluß an den Polenklub dienen werden, allein Dr. E. Byk hat es bewiesen, welcher Wert der polonica fides beizumessen ist, und welche Leiden, trotz der jüdisch-polnischen Allianz die Juden, während der letzten vierzig Jahre auszustehen hatten. Die anderen Kandidaten und Unterzeichner des Aufrufes sind ebenfalls bedeutende Persönlichkeiten von gleicher Tendenz; hingegen stehen auf zionistischer Seite neue Männer, welche jahrelang für die jüdische Sache gekämpft und Opfer gebracht haben, junge Männer, von hoher Intelligenz und Beredsamkeit, welche der jüdischen Sache vollen Nachdruck geben und sich nicht wie die Gimpel einsangen lassen werden. Nun sei noch mit wenigen Worten der Schomerianische Standpunkt präzisiert. Unsere 40jührige politische Erfahrung lehrt uns, daß wir wohl in den Polen einen mißgönnerischen Verbündeten zu erblicken haben, der uns mit dem Kusse das Leben nimmt. Wir leben aber in einem Stadium, in welchem die Assimilation wohl das Judentum schier zum Verschwinden brachte, allein die neue national-jüdische Bewegung erst im Ausstiege begriffen ist und sich noch nicht die Herrschaft über die Geister erringen kann. Deshalb ist es ein Gebot politischer Klugheit, getrennt zu marschieren und vereint zu schlagen, das will sagen, der Assimilation wie nicht minder auch der Nationalpartei ihre Kandidaten zu gewähren. Natürlich müssen die ersten, gerade so wie die Zionisten, sich verpflichten, in jüdischen Angelegenheiten gemeinsam vorzngehen. Den Nationaljuden bleibt das offene Kampffeld frei — sie müssen die jüdische Fahne herzhaft ergreifen und vorantrageu, sie müssen die Redner ins Treffen schicken und schließlich ihre Verbindungen im Parlamente suchen, wie es ihnen rätlich erscheint. Dr. Rüben Vierer. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. (Plenarsitzung des Kultus Vorstandes vom 10. März 1907 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags.» Im Einlalife befinde» sich an Spenden: Janaz F a n t 1 als Kadisctigebet-Widmung X 2400. Adolf und Pauline Jonas eine Widmung für das Alrersversorgungshaus X 2000. Rosalie G o l d s ch m i d t anläßlich des Jahrzeitslages ihres fel. Gatten des Herrn Karl Goldschmidt X 1450. Dr. Eduard N e u m a n n als Legal des fel. Herrn Leon Lederer X 500. Kais. Rar Saiomon Kohnberger für die Armenaustalt zur Verteilung in kleinen Beträgen X 400. Doktor Johann Freiherr v. Heimberger zur Verteilung an Arme K 371 69. Anton Winter anläßlich des Ablebens feiner Mutter Rosalie Winter X 230. Dr. Alfred Berger (durch die Administration der „Neuen Freien Presse". Sammelipende) für die Brigittenauer Schulkinder X 140. Bernhard Peretz für das Waisenhaus in Palästina aus Anlaß des Ablebens des Herrn Karl Heller X 10. Sigmund Kalman u fsir das Waisenhaus in Palästina aus Anlaß des Ablebens des Herrn Karl Heller X 5. Dr. L. Wechsler, Mödling, für die Brigittenauer Schulküche X L. David v. G u t m a n n ein Exemplar des Werkes „Ornament hebraique11, von David Günzburg und B. Stassoff, als Geschenk des Herrn Baron David Günzburg aus Petersburg. Das Vertreterkollegium stellt den Antrag, mit Rücksicht auf eine in Aussicht gestellte bedeutende Spende, wodurch ein Fond für die Erhaltung von 40 Belten in der israelitischen Versorgungs-Anstalt geschaffen werden wird, den Aufbau eines vierten Stockwerkes auf das Anstaktsgebäude zu beschließen. Zur Deckung der Baukosten sollen die aus den letztwilligen Zuwendungen des seligen Herrn Rudolf A u s p i tz und der Frau Elisabeth Ungar noch zur Verfügung stehenden Beträge von zusammen ca. X 160.000.— herangezogen werden, während der noch erforderliche Restbetrag, insoweit er nicht durch allfällige, zu diesem Zwecke einlaufende Spenden gedeckt werden würde, der Gemeindekassa entnommen werden müßte. Der Präsident bemerkt, daß zur Beschlußfassung hierüber im Sinne des Statutes die Anwesenheit von 22 Vorstandsmitgliedern und die Zustimmung von 18 derselben erforderlich ist und konstatiert die Anwesenheit von 25 Mitgliedern des Vorstandes. Der Antrag des Vertreterkollegiums wird einhellig angenommen. Ueber Antrag des Vertreterkollegiums wird einhellig beschlossen, das verewigte Vorstandsmitglied Salomon Rosner zur Erinnerung an seine segensreiche Tätigkeit insbesondere für die ehemalige Kultusgemeinde Ottakring in die Haskarah des Ottakringer Gemeindebethauses aufzunehmen. Ueber Erlaß der k. k. n. ö. Statthalterei, womit die Einverleibung des XXI. Gemeindebezirkes zur Kultusgemeinde Wien verfügt wurde, wird das Vertreterkollegium. ermächtigt, die zur Einverleibung erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Ueber einen Antrag des Vertreterkollegiums betreffend den projektierten Tempelbau für die Bezirke Wieden-Margarethen entwickelt sich eine längere Debatte; schließlich werden die Anträge des Vertreterkollegiums mit einigen Modifikationen angenommen.