Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Nr. 11. Die Wahrheit Als Grund der Agitation wird angegeben, daß sich russischi jüdische Studenten soweit vergessen hätten, bei den letzten Wahlen der Sozialdemokratie Hilfsdienste zu leisten. Ist das in der Tat vorgekommen — was erst noch bewiesen werden muß — so kann es nicht scharf genug getadelt werden, und die Betreffenden werden ihre gerechte Strafe erhalten. Darum aber das Kind mit dem Bade auszuschütten, die Unschuldigen für die Schuldigen zu bestrafen, den armen wissensdurstigen Jüngern, die sehnsuchtsvoll zu den Stätten der Wissenschaft im Westen pilgern, deren Tore verschließen zu wollen, die stets für alles weit geöffnet waren, welche aus dem Quell des Wissens trinken wollen, das ist eine geradezu unerhörte Grausamkeit, die nur durch die entsetzliche Verblendung erklärlich wird, mit welcher der Antisemitismus leider so viele Menschen geschlagen hat. Die Resolution der Berliner Akademiker-Versammlung bleibt ein trauriges Denkmal dieser Verirrung. Sie lautet: „Die heute tagende Akademiker - Versammlung erblickt in dem steigenden Zuzug kulturell minderwertiger Elemente aus dem Osten an die deutschen Hochschulen eine Gefährdung ihres nationalen Charakters und verwahrt sich gegen den Mißbrauch deutscher Gastfreundschaft, der bei den letzten Wahlen von slavischen und jüdischen Studenten aus Rußland durch Beteiligung au der sozialdemokratischen Wahlagitation geübt wurde. Die Versammlung bittet das Kultusministerium, sich mit den anderen Bundesregierungen ins Einvernehmen zu setzen, um durch einheitliche Regelung der Aufnahmebedingungen von den deutschen Hochschulen Elemente fernzuhalten, denen zum Teil sogar derZutritt zu den Hochj schulen ihres Heimatlandes verwehrt ist, und die nach j ihrem sittlichen und intellektuellen Bildungsstande sich nicht in den Rahmen deutscher Hochschulen einfügen lasten, deren Charakter als Brennpunkte nationalen Lebens wir nachdrücklich gewahrt misten wollen."! Die Bemerkung, daß den russischen Juden zum Teil sogar j der Zutritt zu den Hochschulen ihres Heimatlandes verwehrt ist, zeigt, daß dies alles bloß aus antisemitischer Engherzigkeit geschieht. Leider müssen wir uns darauf gefaßt machen, daß die — wie gesagt — künstlich angefachte Agitation weitere Kreise ziehen wird. Wie man uns berichtet, haben Leipziger Professoren bereits eine Eingabe an den sächsischen Landtag gerichtet, den! russischen Juden den Besuch der Leipziger Universität ganz zu i verbieten. Es ist deshalb dringend notwendig, beizeiten die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. * * * Am 12. März ist in Paris der ehemalige Präsident der französischen Republik, C a s i m i r - P e r i e r, gestorben. Er war auch eines der vielen Opfer der Dreyfus-Affaire nnd legte die Präsidentschaft nieder, weil er einerseits zu schwach war, seine Ueberzeugung von der Unschuld Dreyfus' gegen die Jntionen des damaligen Ministeriums zur Geltung zu bringen, und andererseits zu gewissenhaft, um einen Justizmord zu dulden. Sein Rücktritt wurde ihm seinerzeit vielfach übelgenommen, aber die späteren Ereignisse haben gelehrt, daß Casimir-Perier als Ehrenmann gar nicht anders handeln konnte. -i- Trotz Konstitution und Thronwechsel ist die Lage der Juden in Persien nicht viel günstiger als früher und noch immer sind sie vielfachen Vexationen ausgesetzt. So sah sich vor kurzem der Präsident der Alliance Israelite Universelle, Herr Narciffe Leven, veranlaßt, an den französischen Minister des Auswärtigen nachstehendes Schreiben zu richten: „Herr Minister! Wir haben die Ehre, Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit auf die Lage hinzulenkeu, die unseren Glaubensgenosten in Jspahan bereitet worden ist. Ein Telegramm, das wir soeben von dem Direktor unserer Schulen in dieser Stadt erhalten haben, meldet uns, daß die Geistlichkeit die Juden gezwungen hat, sich zum Tragen unterscheidender Gewänder und zum Verzicht auf den Handel im Umherziehen zu verpflichten. Zu jeder Zeit haben die Vertreter Frankreichs in Persien sich bemüht, die Israeliten gegen ähnliche Angriffe auf ihre Menschenwürde in Schutz zu nehmen, und die Intervention der französischen Vertretung bei der Regierung des Schah ist stets wirksam gewesen und mit Entgegenkommen ausgenommen worden. Wir würden Ihnen zu tiefer Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie die Güte haben wollten, möglichst auf telegraphischem Wege der französischen Gesandtschaft in Teheran aufzugeben, daß sie bei den hauptstädtischen Behörden die Rücknahme der gegen die Israeliten von Jspahan erlastenen Befehle erwirke. Wir richten diesen Appell an Ihren Geist der Menschlichkeit und des Liberalismus, und sind überzeugt, daß Sie diesen durch Gewährung unseres Ersuchens aufs neue beweisen werden. Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung unserer Hochachtung Der Präsident: Narciffe L e v e n." Hierauf ist folgende Antwort an Herrn Leven gelangt: „Minist&re des affaires etrangeres Paris, den 18. Februar 1907. Geehrter Herr! Durch einen Brief vom 12. Februar haben Sie die Güte gehabt, meine Aufmerksamkeit auf gewisse Verfolgungen zu lenken, denen Ihre Glaubensgenosten in Jspahan von Seiten der Ortsgeistlichkeit dieser Stadt ausgesetzt werden. In diesem Schreiben drückten Sie mir zugleich den Wunsch aus, daß die Gesandtschaft der Republik in Teheran bei den hauptstädtischen Behörden auf die Rücknahme der gegen die Israeliten von Jspahan erlastenen Verfügungen wirke. Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich soeben unserem Gesandten in Persien telegraphisch die Weisung habe zugehen lassen, er möchte in dem von Ihnen angegebenen Sinne bei der Regierung des Schah die erforderlichen Schritte tun, die, wie ich hoffe, wirksam sein werden und im übrigen dem Geist der Menschlichkeit und des Liberalismus der Regierung der Republik entsprechen, au den Sie neuerdings appelliert haben. Empfangen Sie, geehrter Herr, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung _ g ez.: S. P i ch o n. Uor den Mahlen in Galisie». In der Metropole Galiziens gährt es bedenklich. Lemberg ist nicht bloß der Sitz der landesfürstlichen Behörden der höchsten Rangordnung, sondern auch der Mittelpunkt der Reibungsstächen dreier Stämme, unter denen zwei die Mindestbegnnstigten sind, während der dritte als Meistbegünstigter die Alleinherrschaft in Pacht genommen zu haben scheint. Die Polen, mit ihrer alleinseligmachenden Schlachta, können auf ihre Stellung von anno dazumal, als sie das rutheuische Element in der Panschzisna hielten, noch immer nicht vergessen und wollen nicht zugeben, daß die Ruthenen gleich ihnen in hohe Stellungen und Rang und Würden einrückeu. Sie verzehren somit alles Fett und das Fleisch und das Mark, das seitens des Reiches nach Galizien abfließt, außerdem aber noch jene horrenden Summen, welche Galizien in den Landeskassen anhäuft. Die Polen besetzen alle Aemter und nahmen beide Universitäten in Beschlag. Das gleiche Los wie den Ruthenen, aber in noch zehnfach verstärktem und härterem Maße, ist unserem Stamme beschieden. Diese Situation dauert bereits vier Dezennien, die ganze konstitutionelle Aera hindurch, und es gewinnt fast den Anschein, daß, in dem Maße als unser Kaiserstaat auseinanderregiert wird, sich wieder eine neue Tyrannis seitens der polnischen Hegemonie vorbereitet. Die Reaktion gegen diese unleidlichen Zustände äußert sich bei Ruthenen nnd Juden in ganz verschiedener Weise. Das ruthenische Volk, seiner großen Zahl und Stärke bewußt, begann sich gegen die Unterdrückung und Knebelung aufzubäumen und wird höchstwahrscheinlich in der Stunde der Wahlentscheidung auch sein Herzblut nicht sparen. All die Vorgänge auf der Lemberger Franzens-Universität bilden einen Komplex von Wahrzeichen kommender Ereignisse. .Anders unser Volk! Dieses so hart geschlagene und hartgetroffene Volk, das erst vor vierzig Jahren die Menschenrechte in Oesterreich erlangte, hält sich noch immer für Golnthjnden, denen man die größte Gnade erweist, so man ihnen einige Brosamen vom Tische der Schlachtaherren hinwirft. Unser Volk leidet aber noch an einer Psychose des Assimilationsfiebers mit allen seinen Phantasmagorien, und dieses Leiden ist umso gefährlicher, als weite Volksschichten, insbesondere die meisten Intelligenzler nnd Gutsituierten von ihm befallen sind. Das galizische Israel verfiel nnd verfällt in eine ethische Schwäche, die es unfähig macht, seine Interessen wahrzunehmen und auf die Realisierung unserer nationalen Rechte hinzuarbeiten! Dieser Zustand der Depression darf und kann nicht lange mehr anhalten. Die Morgenröte einer besseren, gesünderen Zeit sendet bereits ihre zarten Lichtgarben über den Horizont nnd sie erstrahlt uns im hoffnungsfrohen, bewußten jüdischen Nationalismus. Bereits stehen große jüdische Volksmassen in den nationalen Reihen, die für Recht, Freiheit und Gleichheit unserer Brüder denken und arbeiten und sich Rechenschaft geben über ihre politische und ökonomische Lage. Neben der Assimilationspartei, welche an dem gegenwärtigen Stande der Dinge ihr persönliches Interesse hat und für den unbedingten Anschluß an die Schlachta sich Mandate und Titel verspricht, haben die Zionisten ihr eigenes Programm und ihre eigenen Männer aufgestellt, die Anerkennung der Juden als Nationalität und von diesem kardinalen Standpunkte aus auch alle staatsbürgerlichen