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Die Wahrheit · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 9. Jedenfalls ist die Angabe, gegen welche Sie protestieren, nicht zu verteidigen, und sie wird in allen künftigen Auflagen des Werkes weggelassen werden. Ich danke Ihnen, daß Sie meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt haben" u. s. w. Welcher noch so elende antisemitische Reporter und selbst nicht antisemitische würde sich in Deutschland in so liebenswürdiger Weise eine Zensur gefallen lassen und eine Korrektur versprechen? Aber es muß betont werden und ist an dieser Stelle schon des öfteren betont worden, daß es in Amerika in den weitesten Kreisen einen Antisemitismus nicht gibt, und daß auch die gebildete Welt, ja die Geistlichkeit einen Antisemitismus nicht kennt. Er ist ausschließließlich bei konkurrenzfürchtenden Arbeitern zu finden, also aus wirtschaftlichen Gründen, und bei solchen wohlhabend gewordenen Amerikanern, die als richtige Snobs sich ein Air zu geben trachten. Wie selbst Geistliche in den Vereinigten Staaten über Judentum und Christentum denken, das geht aus folgendem hervor. Der Rev. Dr. E. A. Wasson, ein protestantischer Geistlicher, Rektor der St. Stephanskirche, schreibt in einem kirchlichen Monarsblatte „The Crown" u. a.: „Wenn ein Mensch nach den Satzungen der jüdischen Religion lebt, kann da ernstlich behauptet werden, daß er zn einer anderen Religion bekehrt werden müßte? Wenn einer nach den Geboten des Alten Testaments lebt, dann lebt er auch nach denen des Neuen Testaments, denn die beiden sind im Grunde nicht bloß einander gleich, sondern ein und dasselbe. Wenn einer die moralischen und religiösen Gebote des Alten Testaments besolgt, dann liebt er auch Gott, und liebt er seinen Nächsten wie sich selbst. Er wird dann gerecht sein und in Demut mit seinem Gotte gehen. Er wird sogar -seine Feinde lieben. Wenn sein Feind hungert, wird er ihm zu essen geben, wenn er nackt ist, wird er ihn kleiden; wenn er in Not ist, wird er ihm beistehen. Er wird die Armen, die obdachlos sind, in sein Haus bringen. Tut er alles dies, dann sage ich, daß er ein guter Christ ist. Man wird einwenden, er tut aber alles dies nicht. Gewiß, es ist wahr; die Juden tun alles dies nicht, aber tut es etwa der Christ mehr als der Jude? Kümmern sich die Christen mehr um ihre Armen? Notorisch ist. daß sie es nicht tun, nicht annähernd so gut. . . . Es macht nicht den geringsten Unterschied, welcher Religion ein Mensch angehört, wohl aber macht es einen sehr großen Unterschied, wie die Leute selbst sind. Die Welt ist zu vollständig geworden, um über Namen und Dogmen zu streiten. Sie ist dazu gelangt, anzuerkennen, daß die guten Menschen jeder Religion, jeder Rasse im Grunde zu der einen Religion, gehören, man mag sie nennen wie man will." Welcher deutsche Geistliche würde dergleichen in einem kirchlichen Blatte zu veröffentlichen wagen, selbst wenn er geistig hoch genug stände, so zu denken? verschiedene Nachrichten. Wien. ~ Freitag-Abend, den 1. März l. I., Predigt im Tempel, XV., Turnergasse 22. Wien. (Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte.) Donnerstag, den 7. März 1907, präzise */,8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Vereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag der Frau Nahida Ruth Lazarus statt. Thema: „Lazarus der Begründer der Völkerpsychologie." Eintritt frei, ohne Karten. Wien (Jüdische Toynbee-Halle, XX., Othmargasie 46.) Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Beginn der Vorträge: An Wochentagen um x/28 Uhr abends, Samstag, Sonn- und Feiertage 7 Uhr abends. Anmeldungen von Vorträgen und Mitwirkungen bei Konzerten wolle man an den Obmann Dr. I. Samuely, I., Fischerstiege 6, gelangen lassen. Wochenprogramm: Freitag, den 1. März: Bibelvortrag. Samstag, den 2. März: Konzert. (Frl. K r u n a, Frl. T h e u m a n n, Frl. Hein, Frl. Fröhlich.) Sonntag, den 3. März: Literarischer Abend. Rabbiner Dr. D. Feuchtwan g. Montag, den 4. März: „Die Tatsachen und Gesetze des sittlichen Lebens." Prof. Dr. W. Jerusalem. Dienstag, den 5. März: „Aus der Gefühlswelt." Dr. Heinrich Grün. Mittwoch, den 6. März: Elternabend. Donnerstag, den 7. März: „Die Erzählungen des Rabbi Nachmanns." Dr. I. Samuely. Freitag, den 8. März: Bibelvortrag. Samstag, den 9. März: Konzert. (Oberkantor BelaGuttmann, Roderich Baß.l — Bei dem Samstag, den 23. Februar, stattgehabten Konzerte fand Herr Alfred König für den Vortrag von Liedern und Arien vielen Beifall. Als tüchtiger Meister erwies sich der blinde Klaviervirtuose S. A s a r ch aus Riga, der lebhaft akklamiert wurde. Wien. Am 23. Februar hat die erste Generalversammlung des Wiener Kredit- und Vorschußvereines, H., Stefaniestraße 2, im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde stattgesunden. In Abwesenheit des erkrankten Präsidenten k. k. Hofrat S. T a u s s i g begrüßt Vizepräsident S. B r o d die anwesenden Inhaber von 130 Anteilen, indem - er einen kurzen Rückblick auf die Entstehung dieser zur Förderung jüdischen Kleingewerbes und Handels ins Leben getretene Genoffenschaft wirft. Er dankt der israelitischen Kultusgemeinde für ihre bisherige Förderung dieser Bestrebungen, den großmütigen Wohltätern, welche einen Sicherstellungsfond schufen, sowie den Zensoren und sonstigen um den Verein verdienten Männern. Er konstatiert, daß die Genossenschaft nebst dem bereits erwähnten Sicherstellungsfonde per K 83.060 auch noch Genossenschaftsanteileim Betrage von K 11.474 besitze. Hievon wurden die gesamten Gründungskosten per L 3959 in Abschreibung gebracht. Bis Schluß des Vorjahres wurden angesucht Darlehen K 125.000, hievon abgelehnt ober reduziert K 86.643, bewilligt und zugczählt L 36.357. Die Versammlung erteilt dem Vorstande einstimmig das Abiolutorium. Mit der gleichen Einstimmigkeit beschließt die Versammlung - die vorgeschlagene Statutenänderung. Dieselbe bezweckt hauptsächlich die Herabsetzung der Anteile von L 100 auf K 50 und die Vermehrung der Vorstandsmitglieder bis auf 12. Es wurden in den Vorstand wiedergewählt Herr Dr. Maxim. Steiner,, die Kooptierung des Herrn G. Bettelheim bestätigt und die Herren Ignaz Klein, Dr. Gustav Leisten und kaiserl. Rat Emanuel Taussi g neugewählt. Dem Vorstande wurde das Recht eingeräumt, im Falle einer Fusionierung sich ans 12 Vorstandsmitglieder zu ergänzen. Unter Hinweis auf die dem Vereine zu Gebote stehenden billigen Geldquellen schließt der Vorsitzende, indem er die Hoffnung ausspricht, der jüdische Handels- und Gewerbestand werde die Mittel der Genossenschaft zum beiderseitigen Vorteile oft in Anspruch nehmen. Wien. Aus Anlaß des Jahrzeittages nach der seligen Fron Rosa Hildesheimer, die testamentarisch die Gründung der zweiten israel. Volksküche in der Brigittenau (im eigenen Hanse) veranlaßte und sicherte, eine humanitäre Institution, deren Notwendigkeit wie eine wahre Wohltat sich von Tag zu Tag als dringendes Bedürfnis erweist, wurden am letzten Sonntag und am folgenden Tage mehrere hundert Personen Mittagsund Abends gratis verköstigt und zwar mit ausgiebigen, recht schmackhaften Speisen, die von dem würdigen Sohne der verklärten Stifterin der Anstalt, Herrn Dr. Aron Hildesheimer, persönlich verabreicht wurden. Auch wurden an diesem Tage, wie alljährlich seit dem Bestände des Institutes, an einzelne, besonders Bedürftige entsprechende Geldbeträge verteilt. Das gute Werk spricht für sich selbst und bedarf keiner besonderen Lobpreisung. Gleichwohl möge an dieser Stelle die strengrituelle Leitung der Küche seitens der allen Besuchern gegenüber höchst leutseligen und liebenswürdigen Verwalterin, Frau R o s e n b l a t t, nach Gebühr hervorgehoben werden. J. Wien. (Kommers der jüdischen akademischen Verbindung „U n i t a s".) Die jüdische akademische Verbindung „Unitas" hat durch ihren am 12. Februar im Kursalon abgehaltenen Kommers mit anschließendem Tanz neuerlich den Beweis erbracht, wie berechtigt die Sympathien sind, deren sich diese studentische Korporation in der Wiener jüdischen Gesellschaft erfreut. Es war ein ganz eigenartig schönes Bild, das der festlich prunkende Saal mit seinen zahlreichen Gästen bot — beinahe war der Raum zu klein für die vielen Freunde und Freundinnen der Verbindung. Vertreten waren: das zionistische Landeskomitee durch den Obmann Herrn Dr. S ch a l i t, das innerösterreichische Distriktskomitee und der Wiener zionistische Zentral-Verein durch die Herren Fabrikanten Böhm und Lederer, die jüdischen akademischen Verbindungen: „Jvria" (Wien). „Barissia" (Prag), „Makkabäa" (Wien); die jüdischen akademischen Vereine: „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler" (Wien), „Theologia" (Wien); die Ferialverbiudungen: „Emunah" (Bielitz), „Achiwa" (Ung.- Hradisch), „Gamalah" (Göding). „Geulah" (Olmütz), „Hasmonäa" (Friede!), „Hessiana" (Mähr.-Ostrau), „Massadah" (Prerau). Biel bemerkt lvurden die nichterschienenen jüdischen Professoren, die jeden Anlaß benützen, uni ihre Jntereffenlosigkeit für die jüdischen Akademiker zn dokumentieren. Der Mangel dieser moralischen Unterstützung konnte aber bisher die große nationale Bewegung unter den jüdischen Studenten nicht aufhalten und wird ihr auch in Zukunft nicht schaden. Eingeleitet wurde der Abend mit dem altstudentischen „Gaudeamus". Nach der Begrüßung durch den Senior der Verbindung, cand. jur. Alex. Seele nfried, stieg das Bundeslied der „Unitas" nach der Melodie des altjüdischen: „Noaus zur jeschuossi“. Hierauf hielt a. H. Dr. Richard Wagner die Festrede, in welcher er formvollendet und überzeugend die Renaissance des Judentums feierte und die Anwesenden aufforderte, stramm einzutreten für die hohen Ziele des neuen Judentums mit dem Wahlspruch: „Mit Wort und Wehr für Judas Ehr!" Mit einem tief empfundenen, ergreifenden jüdischen Liede „Pogrom in Kischenew" fesselte hierauf cand. med. Theodor Kohn die Zuhörer. Es sprach noch namens der a. H., a. H. E. B. Dr. Max Jerusalem, einer der Gründungsburschen der „Unitas", der einen beifällig aufgenommenen Rückblick über die abgelaufenen 25 Semester der Korporation hielt. Mit dem „O alte Burschenherrlichkeit" wurde der offizielle Teil geschlossen. Im inoffiziellen Teile ergötzte ein vorzügliches Quartett (die Herren jur. Kolib, phil. Schaffer. Schor, med. Tischler) durch gute Musik, in humorvoller Weise toastierte cand. jur. Ernst Silberknopf auf die Damen und Frl. Rubin brachte mit ihrer schönen, warmen Altstimme einige Lieder und Arien in klassischer Weise zum Vortrage. Allen Darbietungen folgte lebhafter Beifall. Aus den Kommers folgte ein äußerst animiertes Tanzkränzchen, zu welchem die Kapelle des k. u. k. Jnf.-Reg. Nr. 32 bis zum frühen Morgen aufspielte. Das Fest war in jeder Weise gelungen; man kann mit freudiger Genugtuung bemerken, wie die „Unitas" bestrebt ist, aus „Judenjungen" junge Juden zu bilden, mit deren Hilfe das Judentum einer schöneren Zukunft entgegengeht. - Wien. Am 10. Februar fand die Generalversammlung des jüdischen Vereines „Einheit" statt. Obmann-Stellvertreter Dr. S. Kreuberger eröffnet die gut besuchte Versammlung, entschuldigt den durch Unwohlsein verhinderten Obmann Herrn Meise! und legt die Gründe dar, die die Umwandlung des politischen Vereines in einen rein humanitären veranlaßt haben. Der Schriftführer verliest einen Bericht über die fünfmonatliche Gebarung der vom Vereine errichteten billigen Restauration^ Während dieser Zeit wurden über 40.000 Malzeiten (Mittag 36 Heller, Nachtmahl 28 Heller) verabreicht und begegnet diese Schöpfung allgemeiner Sympathie. Dem Damen-Komitee wird protokollarisch der Dank votiert,-

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