Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8. Die Wahrheit. Leite 5. . negativen Vorzug, daß man aus ihm mit Bezug auf die Juden keine so lästerlichen Konklusionen ziehen kann, und dann steht er in gewissem Gegensatz zum verhaßten Darwinismus. Während dieser seine Untersuchungen gänzlich in die Außenwelt verlegt, die Züchtung und Kreuzung der Arten und Spielarten experimentell behandelt, blickt der Kantianismus selbstbeobachtend und forschend nach innen, und kommt, aller Erfahrung abgewendet, zu dem negativen Endresultat, daß die Frage nach der Natur unseres Denkvermögens nie gelöst werden wird. Du Bois Reymond konnte dies Ergebnis daher in die knappe Formel fassen: ignoramus, ignorabimus; wir wissen nichts, wir werden nichts wissen. Unsere Zeit- und Raumvorstellung, unsere sinnliche Auffassung, unsere Begriffe und unsere Ideen sind nur Formen unserer Erkenntnisweise, welche Formen ebenso gut auch andersbeschaffen sein könnten, ohne deshalb vollkommen sein zu müssen, die aber nun so und nicht anders sind, gemäß unserer terrestrischen Organisation. Sie stecken unseren Drang nach Erkenntnis in gar enge Pfähle ein, aus denen wir nie herauszukommen hoffen können. Wir wollen auf die Frage, ob die Kantische Weltanschauung berechtigt ist, oder nicht, nicht näher eingehen. Man hat Kant den Dogmen- und Alleszermalmer genannt, aber seiner Weisheit letzter Schluß klingt selbst allzu dogmatisch. Ein rechtes Fressen aber ist es für Chamberlain. wenn er nach Kantscher Methode dogmatisch dekretieren kann: Die Semiten sind die Hefe der Menschheit, weil sie es sind, und die Arier sind die Creme aus demselben Grunde. Hervorgehoben muß werden, daß der große Kant, der Urheber des kategorischen Imperativs, der strenge Moralist, nie an eine Philosophasterei des Hasses dachte und in späteren Werken seine Gedankengänge vielfach an Darwins Grundidee anklingen, wie ja Darwin schon im griechischen Altertum Vorläufer hat. Rein äußerliche Gründe haben es daher bewirkt, daß Chamberlain sich Kant angefreundet hat. Kant hätte sich gegen diese Freundschaft wahrscheinlich verwahrt. Doch genug! Wir haben uns mit dem germanisierten Engländer nur darum soviel abgegeben, weil uns Jerusalem dazu gezwungen. Auf ihn aber sei Gretchens Wort bezogen: Es tut mir in der Seele weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh'. 8. Vineta. Indische Wanderungen. Aus einem Vortrage, den vor kurzem der Präsident der „Jüdischen Toynbeehalle" in Wien, Herr Dr. I. Samuely über obiges Thema hielt, geben wir nachstehenden Auszug, der in weiteren jüdischen Kreisen allgemeines Interesse erregen dürfte, nach der N. Z. wieder: Einleitend befaßte sich der Redner mit den ersten Anfängen der jüdischen Emigration. Ahasver ist kein nichtiges Symbol. Seit der Zerstörung Jerusalems war das jüdische Volk immer auf der Wanderschaft. Früher war es meist Land, das der Jude suchte. Durfte er doch damals noch hoffen in den ihm offenen Ländern sein Brot verdienen zu können. Heute sucht er Land u n d B r o t. Nicht die Pogroms bewirken die Massenemigration. Sie sind nur die traurigsten und gewichtigsten Begleiterscheinungen; statistische Untersuchungen ergeben, daß in Rußland 48% der Bevölkerung Luftproletariat ist. Nicht minder schrecklich ist die Lage in Galizien. So ist es denn das ökonomische Moment, so ist es die traurige materielle und geistige Lage der Ostjuden, die diese Massenflucht bewirkt. In Galizien hat ein Gesetz die Erwerbsmöglichkeit des Juden furchtbar begrenzt : Hausierverbot, Entziehung des Verschleißes von Monopolartikeln, Tabak. Salz rc. Die Kinder müssen den Eltern im Erwerbe helfen, das Reichsvolksschulgesetz wird in Galizien sehr lax gehandhabt. Viele Kinder lernen die Schule überhaupt nicht kennen. Daher auch der geistige Tiefstand der östlichen Bevölkerung. Aus all diesen drückenden Verhältnissen flieht jeder, der noch Kraft hat zu fliehen. Und alles strebt einem Lande, vornehmlich einer Stadt zu: New-Jork. So schaffen sie dort ein neues Ghetto, erzeugen neues Elend. Sie machen dem einheimischen Elemente starke Konkurrenz, sie arbeiten, um nur das Leben fristen zu können, zu den niedrigsten Löhnen. Im Gefolge dieser planlosen Massenflucht sind die beschränkenden Einwanderungsgesetze Englands („Alien-Bill") und Amerikas entstanden. So sieht sich denn jede Bewegung, die den ehrlichen Willen hat, für die jüdischen Volksmassen etwas zu tnn, vor die Frage gestellt: Wohin mit unseren Emigranten? Die Zionisten haben ihr Programm, an eine Einwanderung in Palästina ist aber heute nicht zu denken. Der Zionismus ist außerstande, den wandernden Juden etwas zu bieten. Der zionistische Gedanke ist ein schöner und idealer. Der gegenwärtige Moment ist aber zu ernst und zu traurig, um über poetischen Träumen nachzugehen. Aber auch in späteren Zeiten wird die Kolonisation Palästinas ein T r a u m bleiben. Palästina läßt sich der Größe nach z. B. mit Sachse n oder Belgien vergleichen: Sachsen ernährt 5 Millionen Einwohner. Belgien 7 Millionen; das sind aber die industriereichsten Staaten. Palästina aber könnte nach den vorhandenen Möglichkeiten bestenfalls das doppelte der gegenwärtigen Bevölkerung, also 1,200.000 Menschen ernähren. Wie aber werden die ökonomischen Verhältnisse. beschaffen sein!? Wenn man die ökonomischen und politischen Voraussetzungen in Erwägung zieht, dann kommt man zu dem Schlnsse, daß Palästina für das Gros der Juden auch kein Zukunftsland ist. Die politischen Verhältnisse der Türkei bedingen eine Strömung, die jede Sonderbestrebung unterdrückt. Industriell wird sich Palästina nie entwickeln. Es hat keine Kohle, kein Eisen, keine anderen für eine Großindustrie in Betracht kommenden Rohmateriale. Wo aber dies fehlt, ist eine Industrie unmöglich. Auch als Handelsstaat ist Palästina undenkbar. Wohl gibt es optimistische Zionisten genug, die anuehmen, Jaffa wäre der Hasen Palästinas. Dabei wird übersehen, daß England und Deutschland den ganzen Handel in Jaffa an sich gerissen haben, so daß eine jüdische Konkurrenz einfach unmöglich erscheint, ja überhaupt nicht auskommen kann. Die Löhne sind für den Juden niedriger wie überall, er muß sich dort auf ein Existenzminimum beschränken. Wie gesagt: Der Gedanke ist schön und ideal. Aber nur Träumer und nicht Praktiker werden an seine Realisierung glauben. Der Zionismus kann also die ökonomische Lösung der In densrage nicht bringen. Das ist klar. Und so stehen wir mit einemmale wieder vor der Frage: wo kann ein Volk Fuß fassen, wo kann es frei leben? Und wie die Autonomie, so mich auch der ganze Ausbau des neuen jüdischen Gemeinwesens dem Gesetze der Evolution unterliegen; der Gesamtplan, zuerst kleine Kolonien, Urbarmachung des Bodens, dann Dörfer, später Städte. Hier findet schon die Industrie ihre Möglichkeiten, es entstehen Fabriken, die Produkte werden verwertet, es blüht der Handel. So entwickeln sich Kulturstaaten. Es muß ein freies Land sein, ein Land wo noch keine Konkurrenz herrscht, und wo jedem, der erwerben will, die' Möglichkeit hiezu gegeben ist. Diese realen Erkenntnisse hat der T e r r i t o r i a l i s m u s in sein Programm ausgenommen. Aus der Anzahl der vorhandenen Landanbote will er nach reiflicher Erwägung jenes wählen, in welchem die vorhin erwähnten Bedingungen zutreffen. Und an geeigneten Territorien ist ja kein Mangel. West- und Südamerika, Canada, Argentinien, das alles sind Länder, die in ökonomischer und anderer Hinsicht ungemein geeignete Länder sind. Die „Jto" arbeitet unentwegt an der Realisierung ihres Programmes, in allen Ländern hat sie eine Schar begeisterter Anhänger gefunden, bedeutende Männer haben sich ihr angeschlossen. Mit doppelter Freude ist es aber zu begrüße», daß sie der Gegenwart ihr notwendiges Recht werden läßt, daß sie parallel mit der Realisierung ihres Programmes, unseren armen, unglücklichen Brüdern eine Zufluchtstätte geschaffen hat. In seiner jüngsten Rede hat Israel Zangwill von der Schaffung eines Departements zur Regulierung der Auswanderung Mitteilung gemacht. In Galveston wurde ein Jnformationsbureau errichtet, und von Clort werden die Ankommenden nach geeigneten Plätzen ins Innere von Texas geschickt, wo für Arbeit und Erwerb vorher gesorgt wird. So wird es endlich möglich sein, einen weiteren Zufluß nach New-Aork, das heute schon 700.000 Juden beherbergt, abzuhalten. In Texas werden weit höhere Löhne als in New-Aork bezahlt; der Lohn ist viermal so