Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4. Die Wahrheit Nr. 8. zu brandmarken und zu verdächtigen. Blicket hin, rief Amalek schadenfroh, auf die Juden und Ihr werdet bald die traurigen Folgen der errungenen Freiheit kennen lernen. Ihr werdet die Ueberzeugung gewinnen, daß die Freiheit staatsgefährlich, autoritätsfeindlich und geeignet ist, die Gottlosigkeit, die Verwilderung und Anarchie zu fördern. Diese amalekitifche Methode haben die Nachbeter und Nachtreter Amaleks aller Zeiten angewendet um einerseits die ihnen so sehr verhaßte Freiheit und andererseits das Judentum zu diskreditieren. Als der moabitische König Balak in seiner Verzweiflung zu Bileam, dem heidnischen Propheten, die Zuflucht nahm, und ihn dringend ersuchen ließ, zu ihm zu kommen, um Israel durch den Zauber seiner rhetorischen Begabung zu verwünschen, Fehler, Schwächen und Mängel dieses Volkes öffentlich zu geißeln, rief der Prophet der Heiden aus: „Wie kann ich verwünschen, wenn Gott nicht verwünscht?" Ein Volk, das für die Religion der Väter in solch hohem Grade begeistert ist, daß es alles für den Glauben, nicht aber den Glauben für alles hingibt, kann durch Verleumdungen und Verwünschungen nicht niedergeschmettert werden. Hieraus entgegnete Balak: efes kozelm tireh. Wenn Du dieses Volk treffen willst, so mußt Du Dein Augenmerk auf die Einzelnen derselben (kozsku), nicht aber aus die Gesamtheit richten. Das „Judentum" ist wohl unantastbar, weckulo lau tkireli. Dagegen einzelne Juden haben ihre Fehler und Mängel, und wenn Du sie ins Auge fassest, so dürfte es Dir ein Leichtes sein, die Gesa m t h e i t zu verurteilen, wekono li misekom. Ebenso hat Haman, der geistige Sprosse Amaleks, eines einzelnen Juden wegen, der den Mut gehabt, ihm zu imponieren, über sämtliche Juden den Stab gebrochen, alle als gefährliche, revolutionäre Geister angeklagt, verleumdet und verdächtigt. Die amalekitifche Methode hat sich nicht geändert. So oft irgend ein Individuum, das auch nur bloß dem Namen nach dem Judentum angehört, mit dem Strafgesetz in Konflikt kommt, fällt die amalekitifche Hetzmeute über das gesamte Judentum her. J Darum ruft die Thora jedem einzelnen Juden zu: Loekaur. „Gedenke, was Dir Amalek getan", erinnere Dich stets der Mittel, die er angewandt, der Methode, die er gebrauchte, um Dich, das ganze Judentum zu vernichten. Sei stets auf der Hut, zeichne Dich stets, wie es die göttliche Religion verlangt, durch Ehrlichkeit, Redlichkeit, Wahrheitsliebe, Bescheidenheit und Charakterfestigkeit aus, denn wisse, Amalek ist stets auf der Lauer und so er Dich bei einer unwürdigen Handlung ertappt, wirst - nicht Du allein, sondern das ganze Judentum von ihm dafür verantwortlich gemacht. Um Dich der errungenen Freiheit berauben zu können, sucht er, der selbst nichts weniger als religiös, sittlich und moralisch ist, „Welau jore elaukim“, die Freiheit als ein Irreligiosität, Gottlosigkeit und Unredlichkeit förderndes Ding zu bezeichnen. Und wenn Dir einst Gott der Herr von allen Deinen Feinden wird Ruhe verschafft haben, wenn Du Dich der vollständigsten Freiheit wirst zu erfreuen haben, dann erst sei aus der Hut, tirnoke, sei bemüht, sorgfältig alles das von Dir zu enffernen, was geeignet wäre, dem rachgierigen, habsüchtigen Feinde Amalek Veranlassung zu geben. Dich anzugreisen und zu verdächtigen, lau tisckkock, vergiß es ja nicht!" „Das Kantbuch Chambertains". So lautet die Ueberschrift eines in der ominösen „Zukunft" erschienenen Artikels. Professor Dr. Wilhelm Jerusalem ist dessen Verfasser. Trotz seines bedeutenden Rufes als Gelehrter — seine „Einleitung in die Philosophie" wird als Lehrbuch benutzt — ist Jerusalem in der Privatdozentenecke stecken geblieben. Nam' und Art weisen zu sehr auf das alte Testament hin. Seine sich in den selbstlosen Dienst der Humanität stellende volkstümliche Lehrtätigkeit in der Toynbee-Halle sei -hiermit rühmlich anerkannt und ihr hat er es zu danken, wenn wir in Folgendem unseren Tadel in Molltönen erklingen lassen und unseren Unmut bezähmen wollen. Jerusalem unternimmt es, in seinem erwähnten Aufsatze nämlich, zweien Herren zu dienen und beiden Liebesdienste zu leisten. Eigentlich sollte man sich abgewöhnen, Bilder und Redensarten zu gebrauchen, man kommt selten ohne Lapsus davon. Denn das Judentum ist kein Herr, sondern geknechtet, wohl aber kann der Antisemitismus zu den Herrschaften gezählt werden, und zwar zu den sehr großen. Man begeht keinen Verstoß, wenn man Chamberlain als großen Herrn bezeichnet, als Minister der Judenfresserei. Wie Lueger, der klerikale Bürgermeister einer Weltstadt, so ist Chamberlain der klerikale Philosoph. Wie es der werbenden Kraft des pfäfsischen Geldes gelungen, aus dem Wiener Hausmeistersohn einen Abgott der Massen zu schaffen, gleichwie es auf diesen Auszeichnungen und Orden regnet: also arbeitet man daran, Chamberlain, der in den Juden eine inferiore, verderbenbringende Rasse sieht, mit der Strahlengloriole des großen Gelehrten zu bekleiden; dies erscheint umso lächerlicher, als er nicht einmal fach wissenschaftlich gebildet, sondern eine Art philosophischer Hausmeister und Autodidakt ist. Und aus dessen jüngstem Buche erklärt Jerusalem dankbar manches gelernt zu haben! Jerusalem hat die Weltweisheit regelrecht studiert und unterrichtet in derselben. Docendo discimus, lehrend lernen wir, heißt es. Sollte das alles nicht genügen, muß man noch außerdem bei Chamberlain in die Schule gehen? Von Herbert Spencer ist bekannt, daß er Werke einfach nicht las, von denen er wußte, daß sie eine ihm gegnerische wissenschaftliche Richtung vertraten, oder zu seinem System sich diskordant verhielten. Wenn dies auch offenbar zu weit gegangen ist, so steht doch fest, daß der Verlust kein sonderlich schwerer gewesen wäre, daß Mit- und Nachwelt nicht trostlos sein müßten, auch wenn Jerusalem das Kantbuch nicht gelesen und bei Harden keine Rechenschaft darüber abgelegt hätte. Jerusalem bezeichnet als den einzigen „Fleck" in dem sonst so schönen Buche, die unglimpfliche Behandlung Spinozas. Wir zitieren darauf die Schillerschen Worte: „Es ist das Aergste nicht, was er getan" und betrachten in der Würdigung Chamberlains durch Jerusalem den einzigen „Fleck" in dem sonst einwandfreien Wirken desselben. Wenn auch mit Widerstreben und mit beinahe physischem J Ekel sei in Kürze noch auf Chamberlain, als „Philosophen", eingegangen. Er verherrlicht Kant und setzt Darwin herab. Beide sind große Geister. Beruht die Sympathie für den Königsberger Denker auf objektiven Gründen, stützt sich die Antipathie gegen seinen großen englischen Landsmann auf voraussetzungslose Wissenschaft? Keine Spur! Das Kriterium ist die Antisemiterei. Aus der Evolutions- und Deszendenztheorie Darwins ergeben sich böse Folgerungen, die allzu sehr auf der Hand liegen, aus Kant zufällig nicht. Wenn es wahr ist, daß im Kampfe ums Dasein die Auslese des Tüchtigsten vor sich geht, daß er allein sich siegreich behauptet, während die mangelhaft ausgerüsteten Organismen zugrundegeheu, so ist klar, daß die Juden die Elite der Menschheit darstellen. Israel lebt seit dem grauesten Altertum, umringt von einem gewaltigen Heer von Feinden; es ist nicht untergegangen wie seine einstige Widersacherin, die gewaltige Roma. Persepolis, Babylon, Olympia, sie sind in Schutt gesunken. Wohl ist auch Zion öde und wüst, doch es lebt im Herzen seiner Kinder und die Hoffnung ist vielleicht nicht so vermessen, daß dessen Glanz sich dereinst erneuere und in alter Herrlichkeit erstehe. Wenn es ferner wahr ist, daß alles Leben e im er Grundform entstamme, daß die Arten nur durch Differenzierung und Anpassung an klimatische und biologische Bedingungen entstanden, im Kern jedoch wesensgleich sind, wenn auch die Minderwertigkeit der einen Rasse und die Superiorität der anderen auf dieselben Ursachen zurückzuführen ist: so fehlt Chamberlain die Grundlage zur Ueberhebung und zum Rassendünkel. Wohl herrscht das Ariertum heute über weite Strecken aller Weltteile und die Juden haben ihren Staat verloren. Aber nach Darwins Lehre, die mit dem Demokritffchen „Alles ist im ewigen Fluß", alles kann sich! ändern, verwandt ist, hat diese Gegenwartserscheinung nicht die Bedingungen ewiger Dauer in sich, „man weiß nicht, was noch werden mag". An der Tatsache aber, daß das Judentum den ewigen Pol in der Erscheinungen Flucht bildet, kann man, im Zeichen des Darwinismus stehend, nicht rütteln. Daher muß Chamberlain den Darwinismus verwerfen. Anders verhält es sich mit Kant. Seine Lehre, der Kritizismus, hat zuvörderst den