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Die Wahrheit · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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8VSSVWMS Nedaktiou 11. SMbmiutftialioii: Wien» II/, Nvvaragassö 21 Telephon 8tr. der Druckerei 15302. •hijcvatc Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. 2IdoimeiiieiltSn. Jufertioiisbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. nabhängige Heitfchrift für Mische Interessen- Erscheint jeden Kreilag. Notto: „Das LivAvl ttodl.v8 lsl. WaNrNttld!" l Kerngsptsei»: j Ganzjährig ... ff. 14.— |j Halbjährig . ff.?.— j Für Cilltttsbeaiiite: |! Ganzjährig . ft io - i Für Attsloud: Äanzlährig . . . s Marl 6 Rubel „der >6 Fcs. Ar. 8. Wien, 22. Februar «907. Inhalt: Haman, der würdige Sprosse Amaleks. — „Das Kantbuch Chamberlains". — Jüdische Wanderungen. — Verschiedene Nachrichten — Feuilleton: Die Rose von Saron. — Aus dem österr.-ungar. Kantoreu-Bereiu. — Moritz Waller stein, Moritz Pereies. Haman. der würdige Sprosse Amateks. Eine Purim-Betrachtung von Dr. M. H. Friedländer. Der uns geläufige Abschnitt: „Gedenke, was Amalek Dir getan", wurde von den Feinden des Judentums stets zu Anklagen benutzt. Nach so vielen Jahrtausenden werde heute noch in jüdischen Gotteshäusern alljährlich am Sabbath yor dem Purimfeste der Abschnitt verlesen: „Gedenke, was Amalek Dir getan, wie er Dich plötzlich überfiel und zu vernichten drohte, die da strauchelten; vergiß es nicht!" Welche Unversöhnlichkeit, welche Engherzigkeit und Unduldsamkeit! Wenn wir das Gebet: „Gedenke, was Amalek Dir getan", mit Verständnis lesen, drängt sich uns die Wahrnehmung auf, daß hier die Thora zum einzelnen Israeliten „gedenke" und nicht zur Gesamtheit „gedenket" spricht, ob es doch gleich weiter heißt, „auf dem Wege als ,Jhr* aus Egypten gezogen seid". Allein, wenn wir die Methode, die Amalek gebrauchte, um sein Ziel zu erreichen, näher ins Auge fassen, so werden wir auch diese Ausdrucksweise gerechtfertigt finden. Was mochte denn eigentlich dem Amalek Veranlassung gegeben haben, Israel zu überfallen? War es Ländergier, Eroberungssucht? Israel war auf dem „Wege", wohnte in einfachen, zerlegbaren, prunk- und schmucklosen Hütten, besaß weder Grund und Boden, war ein Volk armer Nomaden. Warum also wurde es dennoch von Amalek überfallen? Amalek fürchtete die Freiheit und den Fortschritt, die Ausbreitung der Kultur und Zivilisation, er huldigte dem pharaoyischen Grundsätze: tichbad hoaboda al hoanoschim, „der Geist des Volkes muß niedergedrückt werden", das Volk muß in der Unsreiheit schmachten, weil ein aufgeklärtes, intelligentes, freiheitsliebendes Volk sich nicht despotisch beherrschen lasse. Diese Staatsweisheit ist stets bemüht, die Freiheit, sobald sie irgendwo Bahn zu brechen beginnt, als ein staatsgefährliches, gemeinschädliches, die Irreligiosität, Gottlosigkeit, Verwilderung und Anarchie förderndes Ding zu bekämpfen. Nichts flößt Amalek mehr Angst, Furcht und Schrecken ein, als Freiheit, Kultur und Bildung. Als Israel die Sklavenketten gesprengt und durch wunderbare Begebenheiten aus der Knechtschaft Egyptens erlöst wurde, „da erschrocken die Stammherren Edoms, die Fürsten Moabs ergriff ein Zittern", weil sie, und nicht mit Unrecht, der Befürchtung Raum geben zu müssen glaubten, daß nunmehr der Geist der Freiheit auch in die Schichten anderer Völker dringen werde. Diese Befürchtung war es, die Amalek veranlaßte, Israel zu überfallen. Er verbreitete das Gerücht, daß im Judemume infolge der errungenen Freiheit eine furchtbare Verwilderung, Gottlosigkeit und Anarchie herrsche; die allen Götter werden nicht mehr angebetet, ein Beweis, wie gefährlich die Freiheit für die Religion, für die Menschheit sei, indem sie die sittliche Weltordnung bedrohe und die Grundfesten des Weltgebäudes erschüttere. Wie! Israel wurde infolge der errungenen Freiheit gottlos? War es nicht vielmehr das einzige Volk, das sich für die Annahme der Thora, einer Lehre, die jeden Menschenhaß. jede Menschenverfolgung und Menschenverachtung auf das entschiedenste verpönt und perhorresziert und nur allgemeine Menschenliebe, Menschenverbrüderung lehrt und predigt, mit wahrer Begeisterung bereitwilligst erklärte. Hat es nicht einstimmig ausgernfen: „Alles, was der Herr gesprochen, wollen wir beherzigen und befolgen", während die anderen, heidnischen Völker von einer Thora, von einer göttlichen Religion nichts wissen wollten? Allerdings ist es eine unleugbare Tatsache, daß Israel, nachdem es aus dem Rachen der egyptischen Tyrannen erlöst wurde, sich für die höchsten Ideale, für die wahrhaft göttliche Religion, für die die herrlichsten, menschenerfreuenden, menschenbeglückenden Lehren enthaltende Thora wie kein zweites Volk mehr begeistert hatte, allein, wo gibt es ein Volk auf Erden, und stände es auch auf der höchsten Stufe der Kultur und Bildung, das nicht auch einzelne irrende, strauchelnde Elemente zu Mitgliedern zählen möchte? Und eben diese einzelnen Subjekte sind es, denen Amalek stets seine ganze Ausmerksamkeit schenkte, die er auf Schritt und Tritt mit Argusangen bewacht, um, sowie er dieselben bei irgend einem Vergehen ertappt, über die Gesamtheit den Stab brechen, die Gesamtheit verurteilen und verdammen zu können. Ja, für jedes Vergehen einzelnen Juden, die gesamte Judenheit verantwortlich machen, das ist die echte und rechte amalekitische Methode. In Refidim geriet das Volk infolge eingetretener Wassernot in Verzweiflung. Die Gemüter waren erregt, Alles kam außer Rand und Band. Diese Situation benützten Krakehker und Nörgler, um ihrem Unmute Ausdruck zu verleihen und den großen, edlen, hochverdienten Moses mit den bittersten Vorwürfen zu überhäufen. Sie kränkten ihn derart, daß er, der sonst nie wankte und nie schwankte, verzweiflungsvoll ausgerufen: „Es fehlt nicht viel und sie würden mich steinigen." Wohl waren es nur einzelne Individuen, die sich so weit vergessen hatten. Allein Amalek genügt es, wenn einzelne Individuen sich durch unwürdiges Benehmen bemerkbar machen, die Gesamtheit

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