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Die Wahrheit · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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r; 4•.y*.v. ’xtiSLrK-7S«S.L»Ä^ Seite 4. Die Wahrheit 'Ar. 7. Banden" zur Verfügung stellten, haben die Vorwahlen für diß Duma einen Hroßen StG der Oppösitionekleti gebkächt Und ßs gilt schon heute ü!s sicher, daß Lös Freiheitsbehürfüis des russischen Volkes in der tteüen Duma nicht weniger eüergischen Ausdruck finden wird als in der ersten, der von den reaktionären Regierungsgewalten das Leben so jäh abgeschnitten würde. * * * Vor kurzem wurde in der Synagoge zu Philadelphia in den Vereinigten Staaten ein sehr schönes Fenster dem im vorigen Jahre gestorbenen Staatssekretär John.Hay gewidmet, in Anerkennung seiner Bestrebungen, die Verfolgung der Israeliten in Rußland zu verhindern und die Regierung des Zaren zu bewegen, ihnen gleiche Rechte mit den übrigen russischen Untertanen zu gewähren. Ohne Zweifel ist die in der allerletzten Zeit etwas verbesserte Lage der dortigen Juden, obwohl bis jetzt von keinem großen Belang, Herrn Hays Einschreiten und der von ihm eingelegten ernsten und energischen Verwahrung gegen ihre grausame Behandlung wenigstens zum Teil zu verdanken. Bei der feierlichen Enthüllung des Fensters haben der Staatssekretär Roöt, der Handelssekretär Strauß und der frühere amerikanische Gesandte in Berlin Andrew D. White die Reden gehalten. Auch die Musik war ganz ausgezeichnet und dürfte die bei dieser Gelegenheit gemachte Bemerkung eines hervorragenden Sachverständigen bestätigen, daß die Juden in Amerika mehr zur Pflege und Veredelung der schönen Künste beitragen, als irgend eine andere Gesellschaftsklasse. Wer die darauf bezüglichen dortigen Verhältnisse genau kennt, wird diesen Verdienst zu schätzen wissen und diesem Lob gewiß beistimmen. Gin unbegreifliches Experiment. Von höchst beachtenswerter Seite erhalten wir folgende Zuschrift: Löbliche Redaktion! Sie würden durch Veröffentlichung nachfolgender Zeilen Mich und gewiß viele andere Familienväter, denen der Religionsunterricht ihrer Kinder nicht gleichgültig ist, zu großem Danke verpflichten: Der allgemeinen Klage über die geringen Erfolge des Religionsunterrichtes wurde insbesondere aus Fachkreisen immer entgegengehalten, daß bei dem geringen Stundenausmaße, 2—3 Stunden wöchentlich, sich absolut nicht mehr erreichen lasse, und wer nur einigermaßen Erfahrungen auf diesem Gebiete besitzt, oder itt seiner Jugend selbst etwas hebräisch gelernt hat, wird diesem Einwande eine gewisse Berechtigung nicht absprechen, da es sicherlich der weisesten Ökonomie und der größten Hingebung des Lehrers bedarf, um in den wenigen Stunden, die dem Religionsunterrichte zur Verfügung stehen, den Anforderungen des Lehrplanes gerecht zu werden. ' Jene Herren aber, denen gegenwärtig die Fürsorge für den Religionsunterricht in der Wiener Kultusgemeinde obliegt, scheinen nicht dieser Anschauung zu sein, da, wie ich zu meinem größten Erstaunen jüngst erfahren habe, der Lehrplan des Religionsunterrichtes nun noch eine Erweiterung erfahren haü Vor kurzem überraschte mich nämlich meine Tocher, welche die 2. Volksschulklasse besucht, wo eine Stunde wöchentlich Religionsunterricht erteilt wird, mit der Mitteilung, daß sie jetzt auch Hebräisch-Schreiben lernen, u. zw. man höre und staune — die jüdische Ouadratschrift mit Zugrundelegung deutscher Worte, und daß wie der Herr Religionslehrer erklärte, diese Übung zü dem Zwecke erfolge, damit die hebräischen Buchstaben sich leichter dem Gedächtnisse der Kinder einprägen. Nun, sagen Sie mir, geehrter Herr Redakteur, wer hat denn eigentlich diesen Unsinn ausgeheckt und hat sich niemand itt Lehrer- oder Vorstandskreisen gefunden, der gegen solche unnütze Plagereien der Kinder und gegen solch sinnlose Zeitvergeudung entschieden Stellung genommen hätte. Quadratschrift in der zweiten Volksschulklasse bei einem einstündigen wöchentlichen Religionsunterrichte! Abgesehen von allen übrigen Bedenken, ist es ja eine bekannte Tatsache, daß die hebräische Quadratschrift schon ein ziemliches Maß zeichiterischer Fertigkeit beansprucht, die den kleinen Kindern absolut abgeht, und über die auch viele Erwachsene, ja selbst solche die tüchtige Hebräer sind, nicht immer verfügßü- Als krassen Beleg hiefür möchte ich darauf hiüweisen, haß, )vie ßtik ein Freund dieser Tage mitteÜte, in der Schule,- die seine Tochter besucht, ein zweiter Religionslehrer für den Schreibunterricht bestellt wurde,' da wahrscheinlich der andere Herr Lehrer selbst nicht ordentlich die Quadratschrift schreiben kann.*) Ich überlasse es anderen, auf die technischen und pädagogischen Momente dieser Frage näher einzugehen, und möchte nur noch betonen, daß ich weder im bisherigen Lehrplan für den Religionsunterricht einen Anhaltspunkt für diese Neuerung gefunden, noch von einem diesbezüglichen Abänderungsbeschlusse durch den Kultusvorstand — als dem einzig kompetenten Forum — etwas gehört habe. Dieser Unsinn scheint also auf irgend eine eigenmächtige Verfügung eines der maßgebenden Faktoren zurückzuführen sein, gegen welche die jüdische Öffentlichkeit unbedingt Stellung nehmen sollte. Wenn den betreffenden Herrn nichts besseres einfällt, um Herz und Sinn unserer Kinder für den Religionsunterricht zu erwärmen, mit solch sonderbaren Experimenten dürften sie wohl nicht viel erreichen. 35 Jahre Ingendgottesdieust. Die vorige Woche hatte ein in der Oeffentlichkeit wohl weniger beachtetes, aber in gewisser Beziehung doch bedeutsames Jubiläum zu verzeichnen. Am Sabbath Parschat Schekalim waren nämlich 25 Jahre verflossen, seitdem über Beschluß des damaligen Wiener Kultusüorstandes der Jugendgottesdienst. der wohl seit 1870 bereits in den beiden Gemeindetempeln in der Stadt und Leopoldstadt jeden Samstag Nachmittag für die Mittelschüler abgehalten wurde, auch für die Schüler und Schülerinnen der Volks- und Bürgerschulen in allen zehn inneren Bezirken Wiens eingeführt wurde. Welch große Erwartungen man an diese Einführung knüpfte, beweist ein aus diesem Anlasse damals in der „Neuzeit" veröffentlichter Artikel, dem wir nachfolgende Stelle entnehmen möchten: „Nun sind endlich Synagoge und Schule mit einander verschmolzen. Die Religionsschule wird' nicht mehr bloß für die Zensur arbeiten ünd das Herz kalt lassen, sie wird auch das jugendliche Gemüt für die Synagoge vorbereiten, welche sonst bei dem Mangel eines gründlichen hebräischen Unterrichtesdemselben verschlossen geblieben wäre; und die Synagoge wiederum wird erhebend und belehrend auf die Jugend wirken, wird die Religionsschule veredeln ünd ihr eine höhere Weihe verleihen, als sie bisher gehabt. Wir gestehen es gerne an diesem Platze, daß wir bisher mit großer Besorgnis für die künftige Generation der Wiener jüdischen Bevölkerung erfüllt waren, weil wir die Brücke von der das Hebräische nur wenig pflegenden Religionsschule zur Synagoge nicht zu entdecket: vermochten. Nun ist sie gefunden, und wir hoffen, daß die Religioüslehrer, welche den Jugendgottesdienst in den Synagogen zü leiten haben werden, die Größe ihrer Aufgabe begreifen und sie würdig zu lösen verstehen werden." Daß diese hochgespannten Erwartungen von der Veredlüüg und Erhebung der Religionsschule durch den Jugendgottesdienst in Erfüllung gegangen sind, kann man jetzt nach 25 Jahren allerdings nicht behaupten. * * * Von anderer Seite wird uns zum Jugendgottesdieüst- Jubiläum folgendes geschrieben: Am 9. d. M. am Sabbath der „Rechtsvorschriften" und des „Halben Schekels" waren es 26 Jahre seit der Einführung des Jugendgottesdienstes für K ü a b e n u n d Mädchen in allen Wiener Bezirken. Erwähnt sei noch, daß im Winter 1870/71 in Wien der erste, damals einzige Nachmittags- Jugendgottesdienst im Stadttempel eingeführt würde. Seit 25 Jahren findet in allen Bezirken dieser Jugendgöttesdieüst, *) Als Kuriosum wollen wir aus einer solchen Uebung, die uns jüngst zu Gesichte kam, nachstehendes wiedergeben: Ein Knabe hatte die Klasse, die er besuchte, „Vierte A" hebräisch zu schreiben und schrieb dies mit folgenden Lettern: 'V lNfin“?]* Diese einzige Probe spricht deutlicher als alles ändere urld gibt den richtigen Maßstab für Wert und Zweck der ingeniösen Neuerung, . (Die Red.)

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