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Die Wahrheit · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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abrcheil Nedaktion u. Adminisli aiio»: Wien, 11/, Nvvaraqasse 27. Telephon Nr. der Drnckercl Anakhangige Heitschrift für Mische! 1 Kerugsp^eis: j Ganzjährig ... ft >4.— j Halbjährig . ft. 7 — 15302. ' ünfufatc ittferefetL Für CultnSbeaulte: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. j Ganzjährig ft. >o Erscheint jeden Kreit aq. Abonnementsu. Jnjertions-! tfi'ir AnSlmid: betröge lind in Wie» zahlbar! i lHanzjährig ... 3 Mark j »nd klagbar. I Motto : „Daa Siegei Gottes ist Wahrheit!” t> Nabel aber >6 FcS. Ar. 7. Wien, 13. Februar 1907. Inhalt: Aus der Woche. — Ein unbegreifliches Experiment. — 25 Jahre Jugendgottesdienst. — Tempelverein für Wieden-Margarethen. Amerikanischer Brief. — Verschiedene Nachrichten. Ans der Woche. Es ist schon wiederholt in diesen Blättern dem Bedauern darüber Ausdruck geliehen worden, daß unsere vornehmen jüdischen Kreise interkonfessionelle Institute, die besonders unter dem gegenwärtigen antisemitischen Regime in Wien den Juden fast gar nicht oder nur in sehr beschränktem Maße zu Gute kommen, oft mit der größten Freigibigkeit bedenken, während sie sich gegenüber jüdischen Wohlsahrtseinrichtungen sehr zugeknöpft verhalten. Diese Erscheinung trat bei den letztwilligen Verfügungen der vor kurzem verstorbenen Franziska von W e r t h e i m st e i n wieder einmal kraß zu Tage, und es muß in diesem speziellen Falle um so mehr getadelt werden, daß die überlebenden, nebenbei gesagt selbst sehr reichen Verwandten dieser gewiß von edlen Motiven geleiteten, aber von jüdischen Gefühlen nur lvenig beeinflußten Dame nicht aus dem reichen, nach Millionen zählenden Erbe auch nur einen ganz geringen Teil einem speziell jüdischen Wohltätigkeitszwecke zuführten. Bei dem Umstande, daß viele Sprößlinge der alten, vornehmen jüdischen Familien dem jüdischen Leben vollkommen ferne stehen, ist dies eigentlich gar nicht zu verwundern, und wenn Krankheit und Siechtum ste mit dem Gedanken an das Scheiden aus dieser Welt vertraut machen, sind sie durch christliche Pflegerinnen so sehr in die christliche Atmosphäre eingesponnen, daß ihnen auch in diesen ernsten Momenten ihre Pflichten gegenüber ihren hilfsbedürftigen jüdischen Brüdern und Schwestern nicht zum Bewußtsein kommen. Schon aus dem letzteren Grunde ist die bevorstehende Kreirung eines jüdischen Pflegerinnen-Jnstitutes freudigst zu begrüßen und vielleicht wird durch die lindernde und zarte Hand einer jüdischen Pflegerin so manches zeitlebens vom Judentum ganz abgewendete Gemüt an jüdisches Elend und jüdische Not erinnert werden. 4- * Wie die Blätter melden, ist der General-Schiffsbau- Jngenieur Siegfried Popper, einer der hervorragendsten Techniker der österreichischen Kriegsmarine, der die Pläne zu den meisten neuen Kriegsschiffen der k. u. k. Marine entworfen und deren Bau geleitet und überwacht hat, noch verhältnismäßig jung an Jahren, in den Ruhestand getreten. Er ist 1904 fast gleichzeitig mit dem mittlerweile ebenfalls in Pension gegangenen Generalmajor Schweitzer trotz seiner jüdischen Abkunft zum General-Ingenieur ernannt worden, aber auch ihn scheinen gewisse konfessionelle Unterströmungen aus dem Amte gedrängt zu haben. 4- * * Vom Krankenlager des schwer erkrankten Bürgermeisters Dr. Lueger wurde durch die Tagesblätler die Nachricht , kolportiert, daß auch ein Jude um Einlaß in die Krankenstube > ersucht habe, um ein Gebet für die Wiedergenesung, des Bürgermeisters zu verrichten. Wir wollen diese Nachricht nicht aus ihre Glaubwürdigkeit prüfen, aber gar so unglaubwürdig erscheint sie uns doch nicht, da wir fest davon überzeugt sind, daß ein Jude selbst seinem Feinde gegenüber menschliches; Empstnden nicht verliert. Von Antisemiten kann man dies allerdings nicht behaupten denn wie die Erfahrung sehr oft gelehrt hat, hat diese Sorte von Menschen oder Unmenschen selbst der Majestät .des Todes gegenüber ihre niedrigen Instinkte nicht verleugnen können. Mit Rücksicht auf die bevorstehenden Wahlen in den österreichischen Reichsrat auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes melden sich die Führer der einzelnen politischen Parteien zum Worte, und da ist es bezeichnend, daß auch die Vertreter des sogenannten liberalen Deutschtums einmütig für einen engen Zusammenschluß aller deutschen Parteien Österreichs, ungeachtet ihrer sonstigen politischen Differenzen, plaidiren. Freisinn und Antisemitismus, die, wenn sie es mit ihrer politischen Gesinnung ehrlich meinen, viel weiter von einander abstehen als Deutsche und Czechen, sollen eng zu einander halten, weil es die nationalen Interessen so erfordern. Wir konstatieren diese Tatsache jedoch nicht, um den Liberalismus der deutschen Abgeordneten ins rechte Licht zu rücken, sondern um den zukünftigen jüdischen Abgeordneten, die in das neue Abgeordnetenhaus einziehen werden, den Weg zu zeigen, den auch sie im Interesse ihrer Nationalität zu gehen haben. 4- * -i- Der Jubel, der über den Ausfall der Neichstagswahlen in Deutschland und über die Niederlage der Sozialdemokraten in freisinnigen und auch in jüdischen Kreisen herrschte, wird ziemlich stark durch die Tatsache gedämpft, daß die Antisemiten einen verhältnismäßig starken Zuwachs an Mandaten erhielten. Freilich haben sie an vielen Orten unter maskierter Flagge kandidiert und so manche freisinnige und jüdische Stimme hat ihnen zum Siege verholfen. Das wird aber diese Biedermänner gewiß nicht abhalten, sobald sie im Besitze der Mandate sind, gegen Juden und Judenknechte weidlich loszuziehen. 4- * 4c Trotz Pulver und Blei, von denen die russische Autokratie in den letzten Monaten so ausgiebigen Gebrauch machte, und trotz der zahlreichen Henkersknechte, die ihr die „schwarzen

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