Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 6. möglichen Ehren zu bezeigen, obwohl er in seinem Innern von dem törichten betrügerischen Treiben des Schwärmers fest überzeugt war. Diese Ereignisse verfehlten nicht, auch außerhalb Smyrnas Sensation zu erregen. Propheten, die plötzlich in Verzückungen gerieten, wurden nach allen Richtungen entsendet, um für den wundertätigen Messias Propaganda zu machen und alle Welt für die im Jahre 1666 stattfindende Erlösung oorzubereiten. Selbst auf den Hauptbörsen Europas wurde vom Sabbatai Zebi mit besonderer Hochachtung und Verehrung gesprochen. Aus vielen Gegenden erschienen massenhaft Abgeordnete mit Geschenken, deren Zahl so groß war, daß Sabbatai anordnete, täglich nur höchstens 50 vorzulassen. Manche mutzten wochenlang in Smyrna verweilen, ehe es ihnen gelang, von dem „heiligen Messias" in Audienz empfangen zu werden. In den Synagogen ward, so oft dort Gottesdienst stattgefunden, ein Psalm für diesen Messias abgesungen und statt des Sultans war er im Sabbatgebete gesegnet. „Wenn Sabbatai bis dahin noch nicht an sich und seine Würde fest geglaubt hätte, bemerkte Graetz, so hätte diese Huldigung von fast der ganzen Judenheit in ihm dem Glauben an sich erwecken müssen. Täglich liefen Nachrichten, Sendboten und Deputationen ein, die ihm in der schmeichelhaftesten Wendung als König der Juden begrüßten, ihm Hab und Leben zur Verfügung stellten und ihn mit Geschenken überhäuften. Wäre er ein Mann von festem Plane und von Willenskraft gewesen, so hätte er mit diesem ungeheuchelten Enthusiasmus und dieser opferwilligen Hingebung seiner Gläubigen doch etwas erzielen können. Faßte doch bereits Spinoza die Möglichkeit ins Auge, daß die Juden bei dieser günstigen Gelegenheit und der Veränderlichkeit der menschlichen Dinge, ihr Reich wieder aufrichten und von Gott wieder erwählt werden könnten. Allein Sabbatai Zebi hatte an dein Kitzel des Weihrauches Genüge, er dachte an nichts Großes, oder vielmehr er lebte des Wahnes, daß sich die Erwartungen von selbst durch ein Wunder erfüllen werden." (Gesch. 10, S. 229.) Die türkische Regierung, die lange dem wüsten Treiben Sabbatais und seiner tollen Anhänger stillschweigend zugefehen hatte, sah sich endlich doch veranlaßt, gegen den messianischen Schwindler einzuschreiten und die von ihm heraufbeschworene Bewegung zu unterdrücken. Sabbatai erhielt' daher den behördlichen Auftrag in Konstantinopel zu erscheinen. Er war verwegen 'genug, sich mit einer glänzenden Suite nach dort einzuschiffen.. Es war dies zn Anfang des Jahres 1666. Als er daselbst, nachdem das Schiff, das ihn trug, einige Wochen mit einem heftigen Sturme zu kämpfen hatte, gelandet, befand sich der Sultan in Adrianopel. Der Großvezier, der dem Sultan von der Ankunft des sich als Messias angekündigten Aufwieglers berichtet hatte, erhielt den Auftrag, den Unruhestifter sofort verhaften zu lassen. Infolgedessen sandte der Großvezier einen Aga mit 50 Janitscharen zu Sabbatai, um ihn in Verwahrung zu bringen; allein die imposante, Ehrfurcht gebietende Gestalt Sabbatais machte einen solch tiefergreifenden Eindruck auf dieselben, daß sie unverrichteter Sache zurückkehrten. Der Großvezier schickte einen zweiten Aga mit 200 Janitscharen, aber auch diese waren nicht fähig, sich des falschen Messias zu bemächtigen. Sabbatai ließ daher durch den zweiten Aga dem Großvezier eröffnen, daß es nicht nötig sei, ihn gewaltsamerweise zu verhaften, da er sich freiwillig ihm stellen werde. Sabbatai verfügte sich daher zum Großvezier, von dem er in ehrerbietigster Weise empfangen und würdevoll behandelt wurde. . Nichtsdestoweniger ließ ihn der Großvezier nach Kutohja und später nach Abydos in das kaiserliche Schloß in Gewahrsam bringen. Dort wurde ihm eine prachtvolle Wohnung eingeräumt und gestattet, Besuche zu empfangen. Auch hier führte er einen großen Hofstaat und nahm von Deputationen und Abgeordneten, die aus allen Gegenden herbeieilten, um dem gefangenen Messias ihr Beileid auszudrücken, Huldigungen entgegen. Der Kastellan des Schlosses machte durch die Anwesenheit Sabbatais glänzende Geschäfte, denn jeder Fremde, der den Messias zu sehen wünschte, mußte ein Eintrittsgeld entrichten. Ebenso einträglich war die Gefangenschaft Sabbatais für die Bewohner von Abydos, da sie sich für Wohnungen und Lebensmittel riesige Summen von den Fremden bezahlen ließen. (Fortsetzung folgt.) Weder Judentum und Christentum Der kürzlich verstorbene berühmte Strafrechtslehrer Albert Friedrich Berner hat sich in einer nur engeren Kreisen bekannten Schrift in einer vom jüdischen Standpunkte aus wohl nicht einwandfreien, aber sonst bemerkenswerten Weise über „Judentum und Christentum und ihre Zukunft' geäußert. Berner geht in dieser Arbeit, einem Vortrag, den er 1891 im Berliner Unions-Verein gehalten hat, von den einschlägigen Schriften Ren ans aus. Der berühmte Gelehrte hatte sich in einem Aufsatze in der „Revue des deux Mondes“ geäußert, daß das Christentum keineswegs eine Fortsetzung des Judentums sei, sondern eine im Schoße des Judentums selbst vollzogene Reaktion gegen den herrschenden Geist des Judentums. Sokrates und Plato seien in weit höherem Maße unsere Vorfahren als die rohen Beduinen aus der Zeit Josuas und Davids. Etwa zwanzig Jahre später aber in seiner berühmten Abhandlung über „Judentum und Christentum" hat Renan diesen Standpunkt vollständig aufgegeben. Die ganze erste christliche Generation, sagt jetzt R en an, sei wesentlich jüdisch gewesen, und Paulus habe damals entschieden eine Ausnahmestellung eingenommen. Erst etwa hundert Jahre nach Christi Geburt setzte eine feindselige Strömung gegen das Judentum ein, die zur vollständigen Spaltung geführt habe, nachdem das Christentum unter Konstantin dem Großen im IV. Jahrhundert zur Staatsreligion geworden sei. Zuversichtlich erklärt jetzt Renan: „Das Judentum, welches in der Vergangenheit so Großes geleistet hat, wird auch für die Zukunft von Bedeutung sein. Die reine Religion, die die gesamte Menschheit vereinen kann, wird die Verwirklichung der Religion des Jesaias sein, die'ideale von ihren Schlacken gereinigte jüdische Religion." So weit Renan. Daran anknüpfend führt nun Berner aus, .daß das heutige Christentum wesentlich an zwei Schäden leide, an seinen polytheistischen Elementen, die durch die Berührung mit dem Heidentum entstanden seien, vor allem aber an seiner scholastischen Dogmatik. In dem gegenwärtigen Kampfe gegen den Unglauben könne das Judentum, in dem die stärksten historischen Wurzeln des Monotheismus liegen, für die Neubildung des Christentums sehr wesentliche -Dienste leisten. Das Judentum sei nicht mehr zu einer Weltreligion berufen, schon weil es sich nicht von dem Gedanken, eine nationale Religion zu sein, befreien könne. Andererseits sei eine Bekehrung der Juden zu einem noch poly? theistisch gefärbten und durch scholastische Dogmatik verunstalteten Christentum durchaus nicht wünschenswert, bestehe doch seine historische Mission, wenn man einmal von allem Prophetismus, absieht, in der entschiedenen Behauptung des reinen Monotheismus. Wenn nun aber einerseits das Christentum die Reinheit und Einfalt des Monotheismus zurückeroberte, wie groß würde doch auch andererseits der Gewinn für das Judentum sein, wenn es sich einem so geläuterten Christentum anschlösse! Es würde sich endlich heransretten aus seiner traurigen Isolierung, aus der historischen Sackgasse, in welcher es seit der talmudischen Reaktion festsitzt. Ein ernsthafter Gegensatz zwischen der christlichen und jüdischen Moral bestehe nicht; weit größere Schwierigkeiten bilde der Glaube an die Person Christi selbst. Bereits Lessing unterscheide zwischen der - persönlichen Religion Christi und der christlichen Religion. ...Jene ist die Religion, die Christus selbst als Mensch übte, die Religion der Frömmigkeit und der Menschenliebe; diese die Religion, welche Christus selbst als übermenschliches Wesen verehrt. Jene ist vollkommen klar und für alle Menschen, diese ist so ungewiß und zweideutig, so daß keine zwei Menschen darüber einig sind." ^Bekanntlich wollen neuere moderne . Strömungen einer freien Theologie, wie etwa Kalthoff sie vertrat, von der Person Christi vollständig absehen. Berner spricht sich entschieden dagegen aus. Er hält eine Loslösung des Christentums wmm