Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063373--04694-3071555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 6. Die Wahrhell. bringen, ja daß man dem einen streitig machte, auch der andere zu sein, das hat ihm eine Kränkung zugefügt, die er nie verwunden hat; es hat ihn losgelöst von manchen seiner mitstrebenden Genossen, die ihm teuer waren, und hat sein Gemüt verbittert. Fast verzweifelte Klagen kehrten immer bei ihm wieder. Noch bei einem unserer letzten gemeinsamen Spaziergänge sprach er mit derselben Trauer, mit derselben Entrüstung darüber, und ans meinen Einwand, daß er die Sache doch gar zu persönlich nehme, entgegnete er: „Sie können eben nicht begreifen, wie unsereinem zu Mute ist; da soll man ein Menschenalter hindurch im Dienste des deutschen Geistes rastlos geschaffen haben, daß am Ende unseres Lebens der erste beste hergelaufene Bube an uns herantreten darf, um uns zu sagen: Schnür' dein Bündel und pack' dich, du gehörst nicht zu uns". Die Juden und die Dmmmmlsten. Hüben wie drüben, auf Seiten der Regierung, der Parteien und selbst der Inden herrscht Uneinigkeit in betreff der besten Lösung der Judenfrage. Die Regierung sieht wohl ein, daß etwas zur Erleichterung des Loses der Juden geschehen müsse, ja sogar, daß man schon zu lange mit der Gewährung von Erleichterungen gewartet habe. Noch mehr. Der konservative Publizist Serimatnikoff gibt in einem von Stolypin inspirierten Artikel der Rossija zu, daß die Zusammenpserchung der Juden in dem Rayon ein Fehler gewesen sei, da dieser sich zu einem Akkumulator für die revolutionäre Energie des jüdischen Proletariats habe entwickeln müssen. Denn Leute, die genötigt seien, von einem Hering und zwei Kartoffeln in der Woche zu leben, könnten nichts von bürgerlichen Pflichten verstehen. Die Loyalität hört auf, wo der Hunger anfängt. Trotz dieser etwas späten Erkenntnis will die Regierung sich nicht zur vollständigen Emanzipation der Juden entschließen, die nach unserer wiederholt an dieser Stelle ausgesprochenen Ueberzeugung allein die Quelle des Nebels verstopfen würde. Auch, Graf Iwan Tolstoi erklärt in einem in der „Tirana" veröffentlichten Aufsatz über die Judenfrage, sich für die vollständige Emanzipation. „Als Gentleman," schreibt er, „gebe ich mein Wort, daß ich unter den Dutzenden von Juden, die ich genau kenne, und unter den Tausenden, mit denen ich zusammengekommen bin in meinem Leben, keinen größeren Prozentsatz schlechter Menschen gefunden habe als unter den Christen. Es steckt kein Sinn darin, die Rechte der Juden stückweise zu erweitern. Das einzig richtige ist, allen Bürgern ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität die vollständige Gleichberechtigung zu gewähre«. Nur durch eine solche Lösung der Judenfrage wird die russische Regierung und das russische Volk den Beweis erbringen, daß sie entschlossen sind, europäisch zu werden und nicht asiatisch zu bleiben." Zu bloßen Zugeständnissen hat Graf Tolstoi kein Vertrauen, weil er weiß, wie die Regierung dann, was sie heute gewährt, morgen wieder zurücknimmt. Nun stehen die Dumawahlen bevor, und die Juden, die doch das lebhafteste Interesse daran hätten, geeint nach einem festen Programm vorzugehen, sind in verschiedene Parteien geteilt. Zum Teil ist das ja mit der politischen Unerfahrenheil der jüdischen Massen zu entschuldigen, obwohl sie immerhin mehr verstehen, worauf es ankommt, als die russischen Bauern. Der Bund, der bei den ersten Dumawahlen teilnahmslos beiseite stand, wird sich diesesmal an den Wahlen beteiligen, aber erwirb mehr sozialdemokratische Ziele verfolgen als jüdische Interessen im Auge haben. Die Zionisterr und Nationaljuden wollen im Gegenteil nur jüdische Gesichtspunkte berücksichtigen. Sie wollen weder Kadetten noch Sozialdemokraten, sondern nur solche Juden wählen, die feierlich versprechen, vor allem für den Schutz der nationalen und bürgerlichen Rechte der Juden einzutreten. Sie wollen so viele Juden als möglich in die Duma wählen, die jüdische Interessen vertreten; was ihre sonstigen Ansichten und Ueberzeugungen sind, ist ihnen von untergeordneter Bedeutung. Sie sagen, die anderen Nationalitäten machen es ja ebenso. Leite 5. Dieser jüdisch-nationalistische Standpunkt wird aber nicht nur von andern Juden nicht geteilt, sondern auch sogar auf das entschiedenste bekämpft. Das diese Richtung vertretende Organ betont, die allgemeinen russischen Fragen seien für die Juden gleichfalls von größter Bedeutung, und die einseitige Vertretung jüdischer Interessen sei ungerecht, unpatriotisch und für die Juden selbst ungemein gefährlich. Indessen darf nicht vergessen werden, daß die Juden überhaupt noch weniger nach einem bestimmten Programm, einer ausgegebenen Wahlparole ihre Stimmen abgeben, als vielmehr diejenigen wählen, die ihr persönliches Vertrauen genießen. So ist es bei den ersten Dumawahlen vorgekommen, daß in denselben Wahlkreisen dieselben Juden Mitglieder in die Duma schickten, die auf entgegengesetztem Standpunkt standen. Es wählten beispielsweise die Juden in Grodno einen Natioual- und einen Assimilationsfreund. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich bei den bevorstehenden Wahlen dieser Vorgang wiederholen wird. _ Das nationale Judentum. Von Dr. M. H. Fried Länder (Fortsetzung.) Während seines Aufenthaltes in Jerusalem reiste Sabbatai einmal nach Egypten, um in Kairo seinen Freund und Gönner, den viebegüterten, feiner Wohltätigkeit und Herzensgute wegetl allgemein geachteten Münzmeister Raphael Josef Chelebi. zu ersuchen, der armen und von irgend einem Pascha hart bedrängten Gemeinde zu Jerusalem Hilfe zu leisten. Chelebi, ein eifriger Verehrer der Kabbala, nahm umsoweniger Anstand dem Wunsche seines Jünglings zu entsprechen, als er tatsächlich in Sabbatai den wahren Messias erblicken zu müssen glaubte. Hier in Kairo heiratete Sabbatai im Hause seines Verehrers Chelebi ein schönes polnisches Mädchen von zweideutigem Rufe, namens Sarah, mit dem er nach Jerusalem zurückkehrte. Ueber die Art und Weise, wie Sabbatai zu dieser Frau gekommen ist, wurden allerlei abenteuerliche Gerüchte verbreitet, die darnach angetan waren, den angeblichen Messias zu glorifizieren. „Das Mädchen," so wird erzählt, „war die Tochter eines polnischen Rabbi, welches die Christen als Kind gestohlen und in ein Kloster gegeben haben, woraus jemand als der Geist ihres Vaters verkleidet, sie in der Nacht entführt und auf einen jüdischen Friedhof niedergesetzt hatte, mit dem Bemerken, daß sie am Morgen von denen, die einen Toten begraben werden, Kleidung erhalten und nach Amsterdam geschafft werden würde, wo ihr Bruder Samuel wohne. Am Morgen bestätigte sich diese eigentümliche Weissagung. Sie war damals 15 Jahre alt. Der angebliche Geist soll ihr auch ihre künftige Verheiratung mit dem Propheten angekündigt haben, und deshalb, heißt es. habe ihr Bruder sie nach Egypten gesandt, wo sie nach ihrem angeblichen Bräutigam fragte, den aber niemand daselbst kannte, bis er selbst kam und sie abholte. Doch soll er auch sie nicht berührt haben." Endlich trat Sabbatai öffentlich als Messias auf, predigte in Jerusalem, er sei gekommen, die Juden zu erlösen und alle Prophezeiungen in Betreff des Messias zu erfüllen. Dieses schamlose Treiben Sabbatais erregte im hohen Maße den Zorn der Rabbinen Jerusalems, die ihn und seine Anhänger verfolgten. Infolgedessen fand es Sabbatai für angemessen, Jerusalem zu verlassen und in die Heiwat zurückzukehren. In Smyrna angelangt, wurde er im Triumph empfangen und die fanatisierte Menge rief begeistert aus: ..Es lebe unser König, der Messias." Er wurde vom Volke abgöttisch verehrt und niemand durfte es wagen, seine Messianität in Zweifel zu ziehen, viel weniger sie als Schwindel zu bezeichnen. Der greise Gelehrte Aron de le Papa, der den Mut hatte, Sabbatai als Schwärmer und Betrüger zu brandmarken und gegen ihn den Bann zu schleudern, wurde gezwungen, Smyrna zu verlassen. Ebenso wurde der reichbegüterte, seiner Wohltätigkeit und Herzensgüte wegen allgemein geachtete Chajim Pesia moralisch gezwungen, Sabbatai als den von Gott gesandten Messias anzuerkennen und ihm alle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.