Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4. Die Wahrheit Nr. 6. empfindet. Herr Polouyi schlagt antisemitische Töne an, weil er offenbar daran denkt, sich für die Zukunft wenigstens die Zugehörigkeit einer Fraction zu sichern, die keinerlei moralische Skrupel und keine Angst vor Schmutz kennt: also die Antisemiten. Dabei muß man aber immer sich daran erinnern, daß die Wiener Christlich-Sozialen diesen in ecklen Schmutz über und über gehüllten Politiker konsequent als — Juden stigmatisieren, der früher „Pollack' oder „Pollatzeck" geheißen und mit der ..Jüdin" Wallerstein in Compagnie seine anrüchigen Geschäfte machte. Apropos, die „Jüdin" Wallerstein! Diese Dame bildet seit Wochen das Lieblingsthema der gesamten antisemitischen Presse, die mit inniger Freude sich am dem Gedanken berauscht, daß nunmehr die enthüllte politische Corruption in Ungarn mit dem Namen Rosa Wallerstein verknüpft ist. Wir haben keinen Grund, eine moralische Mohrenwäsche zu Gunsten dieser Dame zu versuchen, die erfreulicherweise längst nicht mehr Glaubensgenossin Jener ist, gegen die sie — ausgespielt wird. Aber man möge auch der gegenwärtigen „Hochgebornen" Frau Baronin Schönberger kein Unrecht tun. Die großen ungarischen Staatsmänner. die sich an sie um Hilfe und Unterstützung wandten, haben ihre Vergangenheit ganz gut gekannt, als sie mit ihr in Geschäfts- und andere Verbindung traten. Sie war ihnen aber gut genug, um sich mit ihrer Hilfe die Wege zur eigenen Zukunft zu ebnen. Sie haben ihr daher nichts vorzuwerfen. Kerthotd Anerbach. Am 8. Februar 1882 ist Berthold Auerbach ferne von der Heimat, der er mit glühender Liebe anhieng, in Cannes gestorben. An diesem Tage verlor die deutsche Nation einen ihrer populärsten Dichter und weisesten Denker das Judentum einen seiner besten und berühmtesten Söhne. Anläßlich der 25. Wiederkehr seines Todestages käme man wohl, wie seinerzeit der verewigte Dr. I e l l i n e k in seinem. Nachrufe für den Dichter mit Recht darauf hinwies, in Versuchung, länger bei der Tatsache zu verweilen, daß gerade ein Mann, der nicht nur einen jüdischen Namen führte, sondern, auch jüdisch fühlte, das deutsche Volksleben poetisch bearbeitete und Figuren aus demselben durch seine Dorfgeschichten geradezu unsterblich machte; wir wollen uns jedoch heute nur darauf beschränken, die Beziehungen Auerbachs zum Judentum und seinen Stammesgenoffen zu beleuchten. Berthold Auerbach war bekanntlich anfangs zum Rabbiner bestimmt und hatte daher auch während seiner Studienzeit mit der Bibel, dem Talmud und der späteren jüdischen Literatur sich beschäftigt. Während nun viele moderne deutsche Schriftsteller des jüdischen Stammes, die in ihrer Jugend hebräischen Studien oblagen, jede Pietät für das, was ihren jugendlichen Geist ausfüllte, außer Acht lassen, entweder nicht gern von diesem Teile der goldenen Jugendzeit reden oder über Judentum und Talmud sich moquieren, kam er mit besonderer Vorliebe auf diese Partie seines Lebens zurück und setzte einen Stolz darein, daß er die Bibel in der Ursprache nicht bloß verstand, sondern auch größtenteils auswendig wußte. Ueberall, bei jeder Gelegenheit und an jedem Orte gab er sich ganz und voll als Sohn seines Volkes, ja oft in demonstrativer Weise. Die ersten Romane Auerbachs behandelten jüdische Stoffe: Spinoza und Ephraim Kuh, und mit besonderer Genugtuung berührte er den Punkt, daß er in seinem Romane Spinoza eine schwierige Stelle des oft in rätselhaften Worten sich ausdrückenden Bibelkommentators Abraham Jbn Esra erläutert hatte. Aber auch in seinen späteren Schriften befolgte er, wie er mir einst mündlich mitteilte, den Grundsatz, talmudische Sprüche und Sentenzen den handelnden Personen in seinen Erzählungen in den Mund zu legen oder wo er konnte ein apologetisches Wort für das jüdische Schrifttum und für seine Glaubensgenossen einzuschalten. In seinem Buche: „Tausend Gedanken eines Collaborators". finden sich mehrere Belege dafür und wir wollen deswegen einige solcher Gedanken herausheben. Vom Sabbat z. B. sagte er, eine talmudische Stelle benutzend: „Wenn auf der ganzen Erde einmal ein einziger Sabbat in vollkommener Weihe gehalten wird, daun kommt der Messias, sagen die Juden. Das ist ein tief sinnbildlicher Ausspruch. Wenn die Menschheit nur Einen Tag zu weihevollem Frieden und liebevoller Erkenntnis gebracht werden könnte, dann wäre die Erlösung da." Der jüdischen Religionsphilosophie ist der Gedanke entlehnt: „Nach der Schilderung der biblischen Urkunde war bei allen Kreaturendas Bild ihres Daseins erst da mit ihrem Dasein. Der Mensch aber wurde geschaffen nach einem Bilde, nach dem Ebenbilde Gottes, und das Herausbilden dieses idealen Urbildes ist die Arbeit des Menschen." Begeistert ist der Gedanke des Kollaborators über Moses: „Moses in der Bibel ist eine Heldengestalt, mit der sich nicht leicht eine andere messen kann, vielmehr ist er das Maß; denn wo fände sich ein Gleicher, der nicht nur der Befreier, sondern auch der Gesetzgeber war, ein Held und ein Erzieher. Und dichterisch schöner könnte kein. Dichter seinen Helden sterben lassen, er hat alles ideell vorbereitet, aber selber konkret gestalten durfte er nicht mehr, er stirbt das Land schauend". Die welthistorische Bedeutung der Juden machte er geltend, indem er schreibt: ..Griechen und Juden gingen als staatliches Gemeindewesen zu Grunde und wurden dann die wirkungsvollsten Bildner der Allgemeinheit". Für die Gleichberechtigung der Juden im Staate plaidiert er sehr geschickt durch den Gedanken: „Religion und Musik haben beide zum Inhalt das Unendliche, das sich der festen allgemeingiltigen Formbestimmung entzieht. So wenig es eine Staatsmusik geben kann, darf es eine Staatsreligion geben." Die jüdische Barmherzigkeit endlich motiviert sein Kollaborator durch den Ausspruch: „Die Juden sind Kinder des Mitleids, sie verstehen Leid zu tragen, zu lindern, weit besser als Freude'zu schaffen; die Erinnerung vergangener Gedrücktheit macht sie verständnisvoll für alles Leiden." Seine letzte Erzählung: „Brigitta", vertritt mit aller Entschiedenheit das jüdische Bewußtsein im Punkte der Feindesliebe, ja bildet eigentlich den Kern derselben. Die getaufte Doktorin bekennt mit allem Pathos: „Ich tue denen, die sich lügnerisch Christen nennen, soviel gutes als ich kann. Das freilich kann ich nicht, die Feinde lieben kann ich nicht, und ich kenne niemand, der es vermag; ja ich glaube, das Wort ist nicht so gemeint, sondern es gilt nur was dann gesagt ist; Gutes tun kann ich und muß ich auch denen, die mich kränkten." Und fast dieselben Worte wiederholt die christliche Heldin der Erzählung 'an einer anderen Stelle, indem sie ausruft: „Es steht freilich geschrieben: „Liebet Euere Feinde! Aber das kann man nicht: sag mir keiner, daß man das kann, der Spruch muß nicht. so gemeint sein. Gutes tun dem Feinde, das kann man." Vielleicht ist dieser Passus eine Probe jenes obenerwähnten Werkes, das der Verewigte über das N. T. zurücklassen wollte. Berthold Auerbach war das Glück, beschieden, daß er bei seinem Leben die höchste Anerkennung gefunden hatte und er freute sich derselben besonders, daß er als Jude, der stets mit männlicher Offenheit und unerschütterlicher Treue als solcher sich gevierte, sie errungen und erzwungen hatte. Sein e rstes schriftstellerisches Werk und sein letztes öffentliches Wort galten seinen Stammgenossen, den Juden, mit denen er sich immer solidarisch verbunden und eins fühlte. Man weiß, wie schmerzlich Auerbach durch den in seinen letzten Lebensjahren auftretenden Antisemitismus berührt wurde. Die tiefe seelische' Depression, die ihn deshalb befiel, hat bei seinem Ableben Paul Lindau in der ..Kölnischen Ztg." mit folgenden Worten treffend bezeichnet: „In letzter Zeit hatte sich seiner eine tiefe Verstimmung bemächtigt . . . Kaum ein zweiter ist von der antisemitischen ' Bewegung so schmerzhaft berührt worden, wie er, der Jude und E deutsche Dichter. Daß man es versuchte, diese beiden, die sich in ihm vereinigt und sich bis dahin so gut vertragen hatten, in einen unversöhnlichen Gegensatz zu einander zu