Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063372--04684-3071544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 eite 8. Dte Wahrheit Nr. 5. bestens dankte. Bevor jedoch der Präsident den Schluß der Aufnahme enunzierte, stellte Dr. Franz M e z e y den lobenswerten Antrag, das Aufnahmskomitee wolle — einem alten Usus gemäß — einige würdige Männer mit Nachlaß der Aufnahmsgebühr in den Verband der Chewra Kadischa als Mitglieder aufnehmen. In Anhoffnung der Genehmigung dieses Antrages habe er sich erlaubt, schon früher ein engeres Komitee zu ersuchen, die betreffenden Männer auszuwählen und der Versammlung vorzuschlagen. Die Anwesenden akzeptierten voll Begeisterung sowohl den Antrag Mezeys, als auch den Vorschlag des Komiteeobmannes Direktor Arnold K o h n, worauf 36 arme, frommgläubige und rechtliche Leute vom Präsidenten als Chewramitglieder aufgenommen wurden. Hierauf proklamierte der Präsident den Schluß des diesjährigen Aufnahmszyklus. Dr. Franz Mezey verkündet nun das wahrhaft überraschende Resultat der 3 Festwochen: 2097 neue Mitglieder und 170.002 Kronen Geld. Derzeitiger Stand der Chewramitglieder 12.175. Hiezu ist jeder Kommentar überflüssig, die Tatsachen an und für sich sprechen eine gar beredte Sprache. Ad honores und mit Nachlaß der Aufnahmsgebühren wurden ausgenommen 84. Weniger als 100 Kronen zahlten 1632. Von 100 bis 1000 Kronen zahlten 381. Alle Klassen, von den niedersten Ständen bis zu den Vertretern der Haupt- und residenzstädtischen Sozietät, suchten um die Aufnahme an, sogar der Wehrstand war vertreten. Es wurden ausgenommen: Einjährig-Freiwillige, ein Wachtmeister, ein Hauptmann, ein Oberst und ein General. Die Statistik der Aufnahme zeigt die folgenden Daten: Beamte (357), Gewerbetreibende (337), Kausleute und Börsenbesucher (230), Agenten und Kommissionäre (197), Privatbeamte und Reisende (164), Hausierer, Diener, Hausmeister, überhaupt kleine Leute (113), Kinder, Schüler und Beschäftigungslose (104), Kleinhändler und Fragner (88), Geselleti (80), Advokaten, Juristen und Richter (65), Aerzte (52), Privatiers (42), 'Ingenieure und Architekten (35), Gemeinde- und Chewraangestellte (31), Schriftsteller und Künstler (25), Professoren, Lehrer und Direktoren (20), Fabrikanten und Unternehmer (17), Gutsbesitzerund Oekonomen (16), Gastwirte und Cafctiers (21), Spediteure undFuhrwerksbesitzer(35), Kellner (35), Inkassanten (18), Apotheker und Chemiker (8), Rabbiner und Religionsprofessoren (5) endlich ein Oberst, und ein General. (Stürmischer Beifall lohnte der raschen Leistung des wackeren Dr. Mezey.) Der Prachtsaal der Chewra Kadischa war zum Erdrücken voll. Alles wollte der Schlußfeier anwohnen. Es waren auch viele Deputationen erschienen. Wir bemerkten, soweit dies bei dem Gedränge überhaupt möglich gewesen, das Rabbinat der Gemeinde und das Professorenkollegium der kön. ung. Landes- Rabbinerschule. Die Ofner Chewra Kadischa mit ihrem Präsidenten Moriz Bauer und dem Gemeindesekretär No e W e i ß m a n n, die Altofner Gemeinde und Chewra mit ihrem Präsidenten Samuel Ehrlich und dem Oberrabbiner Dr. Elias Adler, die Hofräte Dr. Armin N e u m a n n, Berthold Weisz und Lazar Samuel, Baron L e o p. Mor. Herzog, Reichstagsabgeordneter Paul S a n d o r, die Gesamtvorstände der Pester israel. Religionsgemeinde und der Pester Chewra Kadischa, die Vorsteher des Tempels und der Synagoge und Andere. Präsident Jacob Boschan erklärt den Aufnahmszyklns für geschlossen. Sein Herz erfüllt hohe Freude bei der gemachten Wahrnehmung, daß der jüdische Geist auch im Kreise der Heranwachsenden Jugend heimisch geworden ist. Er dankt der Gemeinde, welche das humane Wirken der Chewra stets mit Wohlwollen begleitet und ihre edlen Ziele fördern hilft. Er dankt aber auch allen Jenen, welche mit bewunderungswürdiger Hingabe sich während der eben verflossenen Aufttahmszeit in den heiligen Dienst der Chewra Kadischa gestellt, und unter ihnen gebühre der Löwenanteil dem verdienstreichen Sekretär und Anwalt Dr. Franz Mezey. (Stürmische Eljenrufe.) Nach Boschan sprach der Präsident der Gemeinde Hofrat Dr. Philipp Weinmann. Er sei nicht nur überrascht, sondern geradezu erstaunt über das wahrhaft bewunderungswürdige Resultat der eben zu Ende gegangenen Aufnahmsperiode. Auch als Präsident der Gemeinde gibt er seiner großen Freude Ausdruck, daß das Judentum in der ungarischen Haupt- und Residenzstadt immer inten-- siver sich gestalte und immer mehr und intensiver sich entfalte. In seinem, sowie im Namen seiner Vorstandskollegen, wie nicht minder im Namen der Großgemeinde spreche er der Chewra Kadischa den wohlverdienten Dank atis. Sie ist der Stolz und die Zierde der ganzen Gemeinde und gereicht der Judenheit zur höchsten Ehre. (Begeisterter Beifall und Händeklatschen.) Den Glanzpunkt der Feier bildete die Meisterrede des Gemeinderabbiners Dr. Julius Fischer. Leider gebricht es an Raum auch nur anzudeuteti, was dieser vorzügliche Kanzelredner in seiner halbstündigen Festrede ausgeführt hat. Wir können nur anführen, daß sein Vortrag ein Kabinetsstück der Redekunst war, und schließen mit dem von Dr. Fis chermehrfach angeführten Vers: „Im täglichen Gebete wendet sich der gläubige Sohn Israels an Gott, ihn mit den Worten verherrlichend : Gepriesen sei der Herr in Ewigkeit, Amen! Amen! Worauf der Ewige Israel zürnst: Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Und das bezieht sich auf die Pester Chewra Kadischa, welche durch ihr menschenbeglückendes Tun Gott verherrlicht, der sie dafür segnen wird. Amen! Amen! (Redner wurde allseitig gefeiert und beglückwünscht.) D. H. S. Cyamischa Aster. Bon Dan S. Albachary. In den Großstädten verlieren derlei Feste allmählich von ihrem ursprünglichen Glanze. Hier ist nicht das richtige Milieu, um dieselben zu lebhaftem Ausdruck zu bringen. In einer Metropole, wo tausende Interessen aufeitianderstoßen, ist keine Zeit für friedliche Ruhe und Erheiterung. Im Gegensätze zu Europa, wo das Großstadtlebendominiert, hat sich jedoch im Orient im allgemeinen das Ländliche erhalten und deshalb sind dort die alten Sitten und Gewohnheiten noch lebendig konserviert; die allgemeine Mode hat ihren vollen Einfluß noch nicht zum Durchbruch gebracht und es verblieb das Eigentümliche einer jeden Ortschaft, LandschaftoderVölkerscbaft. Kurz, der Internationalismus der Zivilisation konnte dem Nationalismus des Orients noch nicht recht beikommen, so daß dort alle möglichen Nationen und Religionen nebeneinander in sich geschlossen fortleben und eine Einigung der Kultur noch nicht zustande kam. Ich will im Nachstehenden versuchen, mit wenigen Strichen das Chamischa Asser- Fest im Orient zu charakterisieren. Es ist ein ländlich-sittliches Fest — nicht für die Großstadt bestimmt. Es ist der Geburtstag des Waldes und des Feldes, das Fest der Bäume und Kräuter, deren Wurzeln zu dieser Zeit bereits zu keimen beginnen. Der Bauer und Hirte hat ein besonderes Interesse an seinem Felde, resp. an der Weide; nicht sosehr der Städter, der Fabrikant, der Hausherr oder Arbeiter. Dennoch bietet dieses Fest speziell uns Juden, wiewohl wir ein Land äs facto nicht besitzen, eine angenehme Abwechslung. Also am 15. des Monates Sch'wat begehen wir Juden das Fest der Bäume, speziell der Fruchtbäume, der „Frutas“, wie sie von den Spaniolen benannt werden. Es ist tatsächlich in der Reihe der Jahresfeste eine ziemliche Lücke vorhanden; im Zeiträume zwischen Chanuka und Purim liegen volle 2l/a Monate, die nur durch einen Trauertag — Assara-be-Teweth — unterbrochen werden. Auch die strenge Witterung des Winters in den Monaten Teweth und Sch'wat trägt das Ihrige zur Mißstimmnng bei und so ist uns dieses Fest zur Aufheiterung des Gemüts besonders willkommen. Eine gewisse Erholung kommt durch dasselbe in die Familie, denn es ist ein Kinderfest „par escellence“ und erscheint in prägnanter Form im Hause eines jcben. guten orientalischen Juden markiert. Auch für uns europäische Juden wäre dieses Kinderfest schon deshalb herbeizuwünschen, weil dadurch die bei den Juden deplacierten Christbäume, Weihnachtsüberrafchungen, Neujahrsunterhaltungen rc. entfallen würden. Im Orient wird dieses schöne Familienfest zu einem förmlichen geselligen Seder-Abend gestaltet. Freilich fallen die langen rituellen Gesänge weg; man begnügt sich bloß mit einigen Broches und Schir lamaalos. Doch das Kind schert sich wenig um die Segenssprüche, die ihm langweilig erscheinen. Es interessiert sich mehr für das, was auf den Tisch kommt, und da ist der