Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Die Wahrheit Seite 7. 'Auflösung des Vereines infolge der erforderlichen grnnöbücherlichen Uebertragung an den nenen Eigentümer schon vom ersten Moment an bedeutende Kosten erfordern würde, von welchen niemand einen Vorteil hat, daß weiters im Falle der Nichtübernahme durch die Kultusgemeinde die Gefahr nicht ausgeschlossen ist, daß der Tempel als herrenloses Gut betrachtet werde. Angesichts dieser Sachlage sei es wohl am zweckmäßigsten .zu versuchen, die Auflösung nicht in Rechtskraft erwachsen zu lassen. Ein solcher Beschluß könne weder als ein dilatorischer noch als ein peremptorischer bezeichnet werden. Das Vertreterckollegium hofft, daß es durch diesen Beschluß vielleicht erreicht werden werde, alle jene Fehler, ivelche durch das etwas unbesonnene Vorgehen des Vereinsvorstandes hervorgerufen wurden, wieder gut zu machen. Nach diesen Aufklärungen des Herrn. Vize-Präsidenten Dr. K o hu ziehen die Herren S. S t e i n e r und Dr. Spitzer die gestellten Anträge zurück. Kaiserlicher Rat Weil führt aus, das; er bisher stets für eine liberale Behandlung der Bethausvereine eingetreten sei, er könne sich aber nicht verhehlen, daß das Vorgehen des Tempelvereines im X. Bezirk wohl geeignet sei. den Fürsprechern der Tempelvereine ihre Ausgabe zu erschweren. Das Verantwortungsgefühl, welches jedermann, der durch das Vertrauen seiner Mitbürger zu einer Ehrenstelle berufen wird, besitzen muß, haben jene Herren, welche diesen Tempelverein so ohneweiters ausgelöst haben, auf eine sehr leichte Achsel genommen. Redner setze in das Vertreterkolleginm das Vertrauen, daß es diese Angelegenheit in einer das Interesse der Gemeinde und der Bewohner des X. Bezirkes gleicherweise wahrenden, aber auch der Würde des Kultusvorstandes entsprechenden Form zur Lösung bringen werde. Vertreter Dr. Berger würde den Beschluß des Vertreterkolleglllins für zil zahm halten, wenn demselben nicht der Wunsch, den Frieden herzustellen, zugrunde läge. Das Protokoll über die Generalversammlung sei derart, daß es nach keiner Richtung hin befriedigen könne. Ein plausibler Grund für die Auflösung sei nicht vorhanden und alles, was nach dieser Richtung angeführt wurde, seien nichts als Vorwände. Das geschilderte finanzielle Debacle sei nicht zu befürchten, das Sündenregister, das der Kultusgemeinde vorgehalten wird, sei zum großen Teile unbegründet. Man wollte der Kultusgemeinde einfach einen Tort antun. Jahraus, jahrein geberden sich die Herren so, als ob sie die Herren und wir ihre Diener waren. Niemals wird, wenn es sich um eine Ausgabe handelt, der Kultusvorstand vorher gefragt; aber nachträglich soll er alles bezahlen. Nicht immer aber handelt, es sich um eine Geldfrage. Redner könnte nach dieser Richtung hin den Herren ein ganzes Sündenregister Vorhalten. Nur eines wolle er hervorheben. Die Herren wollen ein Tempel-Monopol haben. Wenn sie ein solches anstreben, müssen sie aber auch allen im Bezirke vertretenen religiösen Richtungen entsprechen. Das aber haben sie nicht verstanden. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung des X. Bezirkes rekrutiert sich ans kleinen ungarischen Gemeinden und ist nicht gewohnt, Orgel und Damenchor im Tempel zu hören. Durch diese gegen den Willen des Vorstandes getroffene Einführung wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung des X. Bezirkes brüskiert gnd eine Spaltung her- Dorgerufen. Die Herren des Tempelvereines wollten ihren Geschmack den anderen auszwingen und das gibt es eben nicht. Redner stimme dem Anträge des Vertreterkolleginms zu, müsse aber seine Bedenken darüber äußern, ob es möglich sein werde, mit dem bisherigen Vorstände einen Frieden zu schließen, der die Würde des Vorstandes genügend wahrt. Nachdem niemand mehr zum Worte gemeldet ist, wird zur Abstimmung geschritten und sohin der Antrag des Vertreterkollegiums einstimmig angenommen. — Schluß der öffentlichen Sitzung. Vertrauliche Sitzung. Prinzipielle Bestimmungen betreffend Aufnahme in die i s r ae li t is ch e V e r s o r g u n gs anst a lt. Im Sinne des Antrages des Vertreterkollegiums wird beschlossen, die Reihenfolge der Einberufung der Petenten um Aufnahme in das Altersversorgungshaus nach dem Maße der Hilflosigkeit, der Armut und des höheren Lebensalters und erst bei nicht wesentlich verschiedenen Umständen mit Rücksicht auf die früher erfolgte Anmeldung zu bestimmen. Bei diesem Anlasse wird über Antrag des Herrn Vertreters Salo Cohn beschlossen, bei der Behandlung der vorliegenden Gesuche um Ausnahme in das Versorgnngshaus in erster Linie ans solche Personen Rücksicht zu nehmen, welche bereits lange Zeit in Wien sind, einst in besseren Verhältnissen gewesen waren und Kultussteuer entrichtet hatten. Ueber das Ansuchen der Proponenten einer Zentralst e l l e f ü r das jüdische A r m e n w e s e n wird beschlossen, dieser Zentralstelle unter der Voraussetzung, daß sich dieser Verband ordnungsgemäß konstituiert, die Ausbringung des gesamten erforderlichen Betrages nachgewiesen und ein genaues Arbeitsprogramm vorgelegt wird, für ein Jahr eine entsprechende Subvention zu bewilligen, weiters die nötigen Bureanlokalitäten im Amtsgebäude der Kultusgememde zur Verfügung zu stellen und die Kassagebahrnng des Vereines durch die Kulmsgemeinde besorgen zu lassen. Ueber Antrag der Kommission für Friedhof- und Beerdigungs- Angelegenheiten wird beschlossen, zu den Sitzungen dieser Kommission je ein Borftandsmltglied der ..C h e w r a-K a d i s ch a" F ü n s h a u s, Ottakring und Währing mit beratender Stimme znzuziehen. Ueber den Antrag der Bezirkskommissivn II und XX, die T r i e n n a l e i n s ch ä tz u n g nicht wie bisher nach dem Geschäftsorte, sondern nach dem Wohnorte der einzelnen Steuerträger vorzunehmen, wird beschlossen, daß es bei dem bisherigen' Modus zu verbleiben habe. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um 2 Uhr nachmittags geschlossen. Ans der Pester Chewra Kadischa. Zahlen sprechen? Wie wir bereits berichtet haben, ergab der soeben zu Ende gegangene dreijährige Aufnahmszyklus der Mitglieder in den Verband der unvergleichlichen Ebewra Kadischa ein überaus glänzendes Resultat. Es haben sich 2097 neue Mitglieder ausnehmen taffen, die zusammen an Aufnahmsgebühren 157.566 Kronen und an Spenden für das der Chewra gehörende Altersversorgungshaus 6240 Kronen, sowie für das durch die Chewra demnächst zu erbauende „Haus der Liebe" 6196 Kronen, demnach zusammen 170.002 Kronen in Barem erlegten. An und für sich wäre dies schon ein ganz respektabler Verein, als Zuwachs zu dem bestehenden Vereine aber ist dies geradezu als ein Riesenerfolg zu bezeichnen. Der Mitgliederstand der großen Pester Chewra Kadischa beträgt nun 12.175 und nimmt sie — ohne Ueberhebung — unter den gleichen Vereinigungen auf dem Gesammterdenruude zweifelsohne den allerersten Rang ein. Und mit Recht, denn sie übt auf dem weitem Gebiete der werktätigen Menschenliebe staunenswerte Großtaten aus, und selbst Nichtjuden genießen Liebeswerke der eminent humanen Chewra Kadischa. Ja, wäre sie in ihrer Aufnahme nicht dadurch eingeschränkt, daß die aufzunehmenden Mitglieder vorerst Mitglieder der Pester israel. Religionsgemeinde sein müssen, so hätten sich ihr von den Nichtjuden schon Tausende angeschlossen. Auch diesmal kamen solche Aufnahmsbewerber vor, deren Bitten jedoch nicht erfüllt werden konnten, was dieselben lebhaft bedauerten. Sie wären — so behaupteten sie — stolz gewesen, einem Vereine anzugehören, der seinesgleichen nicht hat, und der unter den Bekennern der „Religion der Liebe" überhaupt nicht gesunden werden kann. Auch das 2000ste Mitgled wurde mit Nachsicht der Aufnahmsgebühr ausgenommen, es war dies zwar ein armer, aber äußerst würdiger Mann, der für die ihm erwiesene Wohltat tiefbewegt dankte und Gottes Segen aus die mustergiltige Chewra Kadischa herabflehte. Nach zwanzigtägiger ehrlicher und anstrengender Arbeit im heiligen Dienste der Humanität schlug auch die Schlußstunde der Ehren- und Freudenzeit der Chewra Kadischa. Als letzter wurde einer der Redakteure des „Pester Lloyd" Armin Schwarz ad. honores ausgenommen, welcher für die ihm gewordene Ehrung