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Die Wahrheit · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 5. Die Wahrheit. Leite 5. logischer Natur: Literarisch verwertbar sind nicht einfache Totschläger und Rinaldo Rinaldinis, sondern nur solche nach Freiheit dürstende Charaktere, denen die beengende Rechtsordnung, da sie durch sie gelitten haben, zur Qual geworden und die es' unternehmen, diese als Revolutionäre umzustürzen, oder wenigstens an ihr Revanche zu nehmen. Solche, ungleich Jephta, tragische, weil zugrunde gegangene Helden sind Götz von Berlichingen, Michael Kohlhaas, Florian Geyer u. a. Daß die Juden von solcher Rolle ausgeschlossen, ist klar. Sie, die Getretenen, Verfolgten und Gehetzten konnten nie auf die Idee kommen, sich gegen die sie vergewaltigende Uebermacht aufzulehnen, eine ganze Welt betrachtete es als ihr Recht und als ihre heilige Pflicht, die Inden zu trainieren, die größte Schmach, die grenzenloseste Unbill schweigend zu ertragen. Auch Schiller hat in seinen „Räubern" ein Zerrbild eines jüdischen Räubers geschaffen, den listigen, perfiden Spiegelberg. Und wahrlich, auf ihn dürfte sich sein Dichterruhm nicht stützen. Wären wir Juden nicht in fast übermenschlicher Weise nachsichtig und achteten wir in Schiller nicht den Verkündiger der ewigen Ideale, wir fühlten uns beinahe versucht, in das bekannte Wort Nietzsches vom „Moraltrompeter von Säckingen", mit einzustimmen. Doch was zum Schluffe die „Neue Freie Presse" und ihren Paul G o l d m a n n betrifft, so können wir uns darüber umso kürzer fassen, als unseren Lesern ja schon mehrere Fälle bekannt sind, in denen diese treffliche Zeitung jüdisches Interesse verficht.! Wohl besteht ihr Redaktionsstab zum großen Teile aus Juden, wohl ist G o l d m a n n ein so wohlklingender Name, als Gold einen schönen Klang hat: aber da liegt es ja eben. Um schnöden Goldes willen, macht man sich wie ein Clown über sich selbst lustig und glaubt den arischen Teil des Lesepublikums darüber hinweg zu täuschen, daß man selbst Jude ist. Ob denn niemand dahinter kommt und über die Hanswurstiade lacht? , 8. Vineta. i Ans der Wiener Knltnsgemeinde. (Aus der öffentlichen Sitzung des isr. Kultusvorstandes vom 27. Jänner 1907 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Ster n.) Präsident Dr. Alfred Stern: „Bevor wir in die heutige Tagesordnung eingehen, geziemt es sich, eines Mannes zu gedenken, durch dessen Hinscheiden das Judentum einen unersetzlichen Verlust erlitten hat, des vor wenigen Tagen dahingeschiedenen Dr. Moriz Steinschneider. Seine wissenschaftliche Bedeutung zu würdigen, muß ich Berufeneren überlassen, und es sei mir deshalb gestattet, aus einem das Wirken des Verewigten in knappen Zügen zeichnenden Schreiben unseres verehrten Oberrabbiners Herrn Dr. G ü d e m a n n einiges hervorzuheben. — Steinschneider, der am 30. März 1816 in Proßnitz geboren ist, war in bibliographischer Hinsicht unstreitig der größte Kenner der jüdischen Literatur, der seinesgleichen vorher nicht hatte und schwerlich finden wird. Er übersah nicht bloß die in hebräischer und arabischer Sprache von den Juden aller Zeiten verfaßten Werke, sowohl diejenigen religiösen und philosophischen Inhalts, wie auch die medizinischen, mathematischen, astronomischen und überhaupt naturwissenschaftlichen, sondern er hat auch zuerst ein umfassendes Bild von der erstaunlich ausgebreiteten Uebersetzungstätigkeit gegeben, wodurch die Juden der Gelehrtenwelt des Abendlandes zuerst die Bekanntschaft mit den wissenschaftlichen Leistungen der Araber und durch diese mit denen der Griechen vermittelt haben. Steinschneiders Arbeiten sind für jeden Geschichtsschreiber der Juden eine unerschöpfliche Fundgrube. Die äußere Laufbahn Steinschneiders bietet durch ihre lange Dauer und ihren Reichtum an Sorgen und Kümmerlichkeiten eine lehrreiche Illustration zu der planmäßigen Zurücksetzung und der hochmütigen Nichtachtung, welche die offiziellen Kreise der jüdischen Literatur, deren Resultate sie sich doch zunutze machen, noch immer angedeihen lassen. Ein Beweis hiefür ist auch die verhältnismäßig geringe Anzahl von Anerkennungen, deren sich Steinschneider trotz feines langen Lebens erfreuen durfte und die in keinem Verhältnisse zu der überragenden Bedeutung des Verewigten stand. Wir werden das Andenken Steinschneiders stets in Ehren halten! Es geziemt sich weiters, eines Mannes zu gedenken, der zwar nicht dem Kreise unserer Glaubensgemeinschaft angehörte, sich jedoch um diese nicht genug zu rühmende Verdienste erworben hat, des vor kurzer Zeit verewigten Dr. Josef Ko pp. Das Hinscheiden dieses Mannes erweckt die Erinnerung an eine Zeit, in welcher die so oft widerlegte, verleumderische Blntbeschuldigung gegen die Juden unter einem wissenschaftlichen Deckmantel wieder erhoben worden war. Damals stand Kopp in dem bekannten Prozesse Rohling-Bloch, der nicht ein Prozeß zweier Personen gegen einander, sondern ein Prozeß des Judentums gegen seine tückischen Verleumder war, mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten, mit dem ganzen Aufgebote seines reichen Wissens und Könnens auf Seite des verleumdeten Judentums gegen seine Verleumder und mit welchem Erfolge, ist noch heute in unserer dankbaren Erinnerung, lieber die Prozeßakten hat dann Dr. Kopp ein hochinteressantes Buch „Prozeß Rohling-Bloch" veröffentlicht, welches eine Fundgrube von Wissen und Dialektik gegen die aus den finsteren Zeiten des Mittelalters herrührende Ritualmordbeschuldigung bildet und für alle Zeiten bilden wird. Auch in einem späteren Falle hat Dr. Kopp in ähnlicher Weise gewirkt. Heute nach so vielen Jahren mag es auch gesagt werden, daß in jenen schweren Zeiten, in jenem späteren Prozesse der Wiener Kultnsvorstand! nichts unversucht ließ, um der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen und mit allem Nachdrucke auf eine öffentliche, gerichtliche Klarstellung der Sache hinzuwirken. Es wurden Eingaben und Anklagen und zwar durch mich als den damaligen Vizepräsidenten persönlich den kompetenten Faktoren überreicht; unsere Anklage und alle unsere Gesuche wurden mündlich abgelehnt; eine schriftliche Erledigung ist nicht erfolgt, auch bis heute nicht. Es drängt mich, Ihnen dies zur Kenntnis zu i bringen, heute, wo wieder ein ähnlicher Fall unsere Gemüter i auf das Tiefste erschüttert, ein Fall, den wir nie und nimmer aus dem Auge verlieren werden, bis auch in dieser Sache der Gerechtigkeit zum Siege verholfen werden wird. (Lebhafte Zustimmung.) Bezeichnend ist, daß der Verewigte trotz der vielfachen, ausgezeichneten Wirksamkeit auf anderen Gebieten gerade dieser Angelegenheit eine besondere Bedeutung beimaß, was aus den Worten hervorging, die er wiederholt unter anderem auch an mich richtete. „Wenn alles das, was ich geleistet habe, vergessen und versunken sein wird, dieses Buch wird nicht versinken, wird ein lebendiges Zeugnis für alle Zeiten sein." — Mit diesem Buche wird auch das Andenken seines Verfassers stets in dankbarer Erinnerung erhalten bleiben." (Die Versammlung hat sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben.) Der Präsident bringt zur Kenntnis, daß aus Anlaß des 50jährigen Todestages des Herrn Leopold Ditmar Königsberg, Stifter des nach ihm benannten Mädchen-Erziehungsinstitutes, am Vorabende des 16. Schebat, das ist am 30. Jänner 1907, ein feierliches Requiem im Stadttempel stattfinden wird. Im Einlaufe befinden sich: 1. Zuschrift der k. k. n. ö. Statthalterei betreffend Kenntnisnahme der Konstituierung des Kultusvorstandes. 2. Dankschreiben der Frau Helene Simon für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Hinscheidens ihres Gatten, des seligen Herrn David Simon. 3. An Spenden: Legat des seligen Herrn Julius Mautner für wohltätige Zwecke K 10.000.—. Legat Leopold Trebitsch: a) zur Verteilung an jüdische Wohltätigkeitsvereine in Wien K 5000.—, b) zur Verteilung an würdige jüdische Arme K 5000.—, zusammen K 10.000.— rc. Tempelverein für den X. Bezirk. In Ergänzung des Berichtes, welchen der Präsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Alfred Stern in der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 20. Jänner d. I. erstattet hat, werden alle auf den Verein bezughabenden Daten seit dessen Begründung bis auf die Gegenwart in aktenmäßiger Darstellung zur Kenntnis des Plenums gebracht. Aus derselben ergibt sich, daß der Verein vom Gründungsjahre 1878 bis zum Jahre 1896 mit einer Subvention der Kultusgemeinde von jährlich 300 bis 400 Kronen

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