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Die Wahrheit · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrhen Nr. 5. Steinschneider ist eine unübertroffene Autorität in der jüdischen Bibliographie, überhaupt wohl der bedeutendste Bibliograph der Gegenwart. Welch großen praktischen Wert die literarische Tätigkeit Steinschneiders nicht nur für das gelehrte, sondern auch für das allgemeine Judentum hatte, das drückte Dr. Adolf I e l l i n e k in dem Festartikel, den er zum 70. Geburtstage des Gelehrten schrieb, in seiner bekannt meisterhaften und treffenden Weise mit folgenden Sätzen aus: „Die meisten dürften wohl der Meinung sein, daß die immense literarische Tätigkeit Steinschneiders, so viel umfassend und ruhmvoll sie auch sein mag, bloß für gelehrte Kreise und Fachgenoffen von Bedeutung sei und der Einwirkung auf das bewegte Leben der Juden fernstehe. Das ist eilt Irrtum. Dr. Moriz Steinschneiders Lieblingsbeschäftigung ist für die Ehre der Juden und für die Stellung, die ihnen in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes gebührt, von der höchsten Wichtigkeit. Wie kein zweiter kennt er jenen Teil der jüdischen Literatur, der die medizinischen Fächer, Mathematik und Astronomie, sowie die Uebersetzungen aus dem Arabischen betrifft, bearbeitet ihn seit einer Reihe von Jahren mit besonderer Vorliebe und zeigt dadurch, welch großen Anteil die Juden an der Fortbildung jener Wissenschaften haben, welche die Hauptfaktoren der fortschreitenden Kultur und Geistesentwicklnng sind, und wie die Juden im Mittelalter die Naturwissenschaften bereichert haben. Die Geschichte der Medizin, der Mathematik und Astronomie hat seinem Fleiße und seiner Sachkenntnis auf diesem seinem speziellen literarischen Gebiete viel zu danken und auch seine Glaubensgenossen müssen ihm Dank wissen, daß er ihnen einen solchen ehrenvollen Platz in der Geschichte der Naturwissenschaften erkämpfte." Der jüdische Diintrerhanplmaun. Das Feuillelon der „Neuen Freien Presse" vom vorigen Freitag trug folgende Ueberschrift: „Berliner Theater, Mensch und Uebermensclst von Bernard Shaw", und die Eingangsworte dieses vom Berliner Theaterreferenten der „Neuen Freien Presse", Paul G o l d m a n n, verfaßten Feuilletons lauteten also: „Mensch und llebermensch" führt in der Buchausgabe den Untertüel „Eine Komödie und eine Philosophie". Dieses Werk des englischen Denkers und Satirikers ist aber mehr Philosophie als Komödie. In einer ungeheuren Menge von Philosophie ist die Komödie eingeschlossen, wie ein kleines Stück Trüffelleber in einer großen Pastete. Die Buchausgabe bildet einen dicken Band von 446 Seiten. Den kleineren Teil des Buches nimmt die Komödie ein. Ihr voraus geht eine lange philosophische Einleitung. Daun gibt es in der Komödie selbst einen dritten Akt, i der riesig lang ist, der nicht gespielt werden kann und in dem! auch lediglich philosophiert wird." j Ehe mir zum eigentlichen Kernpunkt übergehen, sei ein! kleines Verweilen bei einer Nebensächlichkeit entschuldigt. Das j kleine Stück Trüffel leb er und die große Pastete haben es mir j nämlich gleich zu Beginn angetan. ..Verweile doch, Du bist so schön!" Welch gutes, treffendes Bild! Geistiger Genuß par excellence, wie die Philosophie mit erlesenen Leckerbissen verglichen. Die rnissra plebs ißt weder Pasteten, noch schöpft sie aus dem Bronnen der Weltweisheit. Aber die Kunst Thalias, die Musenkunst des Lustspieles, eine Trüffelleber. Nun diese letztere Metapher hinkt zwar beträchtlich, allein das Wasser läuft uns trotzdem im Munde zusammen. Trüffelleber! Das imponiert und fordert uns Respekt ab. Was Trüffeln sind, wissen wir wohl zur Not aus der Botanik und jeder Heine-kundige Leser wird sich des schönen Gedichtes erinnern, das von der armen Schwester handelt, die in derselben Nacht Hungers stirbt, in welcher der reiche Bruder zufolge reichlichen Genusses von Trüffeln aus Perigord an einer Indigestion verscheidet. Aber Trüffelleber? Da reichen unsere Kenntnisse aus der Literatur nicht aus und unsere gastronomische und kulinarische Wissenschaft schon gar nicht. Wie gut es doch so ein Theaterreferent der „Neuen Freien Presse" hat, der nicht kleine, sondern wahrscheinlich ganz erkleckliche Rationen von Trüffelleber verspeisen kann. Ja, wer es doch auch so gut haben könnte! Die Literaturgrößen der Vergangenheit, ein Jean Paul, ein Schiller, mußten mit Nor kämpfen, und da heißt es, die Zeiten wären schlecht. Doch nun zu meiner Aufgabe, den Kritiker der „Neuen Freien Presse" zu kritisieren, die einem -— unsere Leser werden es mir a priori glauben — sein bescheidenes Brod, nicht gewürzt durch Trüffeln, nicht munden läßt und vergällt. Ich sehe vom eigentlichen Inhalt der interessanten Kritik völlig ab, obwohl darüber viel zu sagen wäre, und reiße aus dem Zusammenhang nur eine einzige Stelle heraus, was aber durchaus nichts schadet. Denn diese Stelle bezieht sich weder ans Vorangegangenes, noch auf Folgendes. Einsam ragt sie, wie ein erratischer Block, in der Ebene empor: „Don Juan selbst, Donna Anna und die Statue des Komturs treten im dritten Akt als Geistererscheinungen auf. Zn ihnen gesellt sich der Teufel, und alle vier führen lange philosophische Gespräche. Da der Akt fast nur aus diesen Gesprächen besteht, muß er von der Bühne ausgeschlossen bleiben, was bedauerlich ist, weil er eine köstliche Figur enthält, einen jüdischen Räuberhauptmann, der in der Sierra Nevada ein ans Aktien gegründetes Räuberunternehmen betreibt, das von amerikanischen Kapitalisten finanziert worden ist." Ich kenne Bernard S h a w nur vom Hörensagen. Wer kann denn heutzutage einer intimen Kenntnis der wie Pilze hervorsprießenden Literaturmodegrößen sich rühmen. Als hätte man nicht genug daran, in den Schätzen zu wühlen, die uns das Schrifttum der Vergangenheit hinterlassen, aber ich bezweifle billig, daß der jüdische Räuberhauptmann eine „köstliche Figur" sein könne. Es wäre denn, man ließe das S h a w sche Stück von Marionetten agieren und die Marionette des Räubers wäre aus Marzipan geformt. Dann könnte sie freilich mit guter Aussicht auf Erfolg Trüffelleber und Pasteten in die Schranken fordern. Doch wer weiß? Ob sie dann wirklich köstlich wäre, dies §it entscheiden, müssen wir dem berufeneren Herrn Goldmann überlassen. Ein jüdischer Räuber, eine contradictio in adjecto, ein Schaf, welches Löwen zerreißt! Wie kann eine Figur der Phantasie köstlich sein, wenn sie keine innere Wahrscheinlichkeit, keine Lebenswahrheit besitzt? Wir setzen uns wohl darüber hinweg, daß eine Phantasiegestalt nicht existiert, aber nur da, wo wir uns sagen, oder überreden, sie hätte recht gut so. wie sie der Dichter ins Leben gerufen, existieren können. Oder hat schon jemand je etwas von jüdischem Räubertum gehört? Wohl kaum, und dies aus zwei Gründen. Der erste Grund besteht in dem weit vorgeschrittenen Kulturgrad der Juden und ihrer statistisch erwiesenen geringen Kriminalität. Inden rauben und morden nie, oder nur in verschwindend geringen Fällen. Würfe man höhnisch ein, daß die Inden' zn feige hiezn wären, so möchte ich mir in der Widerlegung dieser landläufigen Verdächtigung, um nicht Bände 'schreiben zu müssen, große Selbstbeschränkung auferlegen und weise nur darauf hin, daß gerade Südspanien das klassische Land jüdischer Tapferkeit genannt werden kann. Ueber ein halbes Jahrtausend kämpften jüdische Ritter, treu vereint mit maurischen, gegen die Christen am Qnadalquiwir, in Granada und Sevilla. Und als sie nach heldenmütiger Abwehr unterlagen, verschwägerten sich die stolzen spanischen Hidalgos mit ihnen. Spaniens Adel ist eine Mischung tun Westgoten-, Araber- und Judentum. Freilich, der vornehmere Geistes- und Gebnrtsadel der Inden und Mauren wanderte aus, um der Taufe zu entgehen, und Kastilien mußte mit den charakterschwachen Elementen vorlieb nehmen. Eine früh überwundene Etappe bildet das Räubertum in der jüdischen Geschichte und wir müssen bis auf die Zeit der Richter zurückgehen, um es anzutreffen. Jephta, von seinen Brüdern, ob seiner ilegitimen Herkunft von der Erbschaft ausgeschlossen, rächt sich an Gesetz und Herkommen, indem er Räuber wird, wird von seinem Volke aber, wohl weil es sein Unrecht einsieht, im Kampfe gegen die Ammoniter zum Führer gewählt, und Jephtas Rehabilitierung rechtfertigt sich glänzend mit der völligen Niederlage der Feinde. Und hier liegt auch der zweite Grund, warum Juden später keine Räuber wurden. Er liegt etwas tiefer und ist psycho-

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