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Die Wahrheit · 1907-01-25 · Heft 4 (25.1.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite ö. auswandern, und wir wissen, daß sic sich schwerlich helfen können, dann würde ich den auswandernden Juden sagen: „Es gibt besonders zwei Länder, in denen ihr Möglichkeit des Auskommens vorfiuden könnt; das eine ist, das ihr alle kennt, die Vereinigten Staaten, und das andere, das nur wenige von euch kennen: Argentinien." Die argentinische Regierung begrüßt die jüdischen Emigranten und ist auch bereit, sie nach den Plätzen weiterzubefördern, in welchen sie Arbeit finden können. Das Land ist ein blühendes und die Löhne sind gut. Lord Rothschild, der einer Anzahl russischer Juden nach Argentinien verholfen hat, erzählt mir, daß es ihnen Allen gut gehe und daß sie von ihren Ersparnissen manches nach Rußland schicken. Aber selbst hier scheint Raum für unsere Tätigkeit zit sein, denn Mr. Stettauer, dieser unermüdliche Reisende in jüdischen Angelegenheiten erzählt mir, daß er in Wien ungefähr 30 Juden traf, zumeist junge gesunde Menschen, die soeben von Argentinien zurückkamen, und die behaupteten, daß das Einwanderungsamt der Regierung Buenos- Ayres verlassen habe, und sie keine Arbeit finden konnten. Nun wissen wir, daß der Arbeitsmarkl von Buenos-Ayres überfüllt ist, und bestünde daselbst irgend eine geeignete Unterweisungsstelle für die Auswanderer, so hätten diese Juden nach demjenigen Teile von Argentinien dirigiert werden können, wo Arbeit in Ueberfluß vorhanden ist. Diese Art der Unterweisung scheint also selbst in dem argentinischen „Wohin?" notwendig zu sein. Viel notwendiger jedoch ist sie in Amerika, und nachdem neun Zehntel der Emigranten nach den Vereinigten Staaten gehen, so liegt wohl hier der Schwerpunkt des Emigrantenproblems, und müßte auch hier die erste und die Hauptarbeit unternommen werden. Ich bin garnicht der Ansicht, daß die russischen Juden so schlecht gehandelt hätten, als sie zu Hunderttausenden nach Amerika gingen. Vor einigen Tagen ging ich in den Shelter in Lemau-Stree und frag die Auswanderer, wohin sie gingen? Der eine sagte nach Kanada, der zweite nach Süd-Afrika, ein dritter nach Argentinien und ein vierter nach Australien. Vier Juden nach vier verschiedenen Ländern. Ich dachte bei mir, diejenigen, die sich der Majorität in den Vereiuigten-Staaten anschließen, täten klüger, als diese vier Auswanderer. Es liegt eine große Sicherheit in der Masse. Eine Million Juden in Rußland bilden bloß eine Million Opfer, eine Million Juden in vier verschiedenen Ländern zerstreut, bilden eine Million zusammenhangloser Individuen, aber eine Million Juden in Amerika bedeuten eine Million Stimmberechtigter, und eine Million stimmberechtigter Menschen können nicht so leicht mißhandelt werden. Auch von einem anderen Gesichtspunkte aus kann behauptet werden, daß die russischen Juden nicht gar so unklug in der Wahl ihres „Wohin?" Vorgehen. Amerika hat keine Staatsreligion. Die Religion der puritanischen Väter war dem Judentum ähnlicher als dem Christentum, und die Ideale Amerikas, die in einem Manne wie z. B. Präsidenten Roseveelt verkörpert erscheinen, stehen den Idealen der jüdischen Propheten sehr nahe, außerdem ist Amerika noch kein vollendetes Land, es ist noch immer im Schaffen begriffen, und die Juden haben genau so das Recht, in das Land zu strömen und an seiner Vervollkommnung mitzuarbeiten, wie jedes andere Volk. Jawohl, Amerika mit all seinen Widerwärtigkeiten und all seinem sozialen Antisemitismus bedeutete stets eine Errettung und eine Befreiung für Juden, und ich wundere mich gar nicht, daß es in Rußland eine sogenannte ..Amerikanistenpartei" gibt, welche behauptet, daß Amerika die Lösung der Jndenfrage bedeutet. Das kann es allerdings nicht sein. Es kann bloß eine zweitbeste Lösung sein, eine Lösung, die weit entfernt ist von der wirklichen besten Lösung, aber sicher ist, daß die russischen Juden, die nach Amerika gehen, keine solchen Schlemihle sind, wie ihre Vorväter waren, die nach Rußland flohen. Und da fast alle in eine Stadt gehen, so gelang es ihnen auch, eine Art jüdischen Lebens daselbst aufzubauen. Sie werden mich nun fragen, wann die Emigranten bereits die Entdeckung gemacht haben, daß New-Iork das beste Wohin für den gegenwärtigen Moment sei, wozu will nun die Jto intervenieren. Ich will Ihnen darauf antworten: Die Jto greift deshalb ein, weil dieses Wohin bereits vollgesteckt ist, und wenn der amerikanischen Einwanderung nicht baldigst eine gewisse Führung zuteil wird, so wird diese Znfluchtstätte bald ganz verschlossen sein. Z a n g w i l l verweist nun auf die mannigfachen Einwanderungsbeschränkungen und auf den Schlachtruf, der sich über ganz Amerika verbreitet: „Schließt die nördlichen Tore!" Der Tag, an welchem die nördlichen Häfen geschlossen sein werden, an welchem die jüdische Zufluchtsstadl für die Majorität der Einwanderer unmöglich gemacht sein wird, wird für die jüdischen Massen ein schrecklicher Tag, ein kleiner „Tischa beaw" sein. Glücklicherweise können wir durch rechtzeitige Maßnahmen, durch eine Aenderung des Lebens der Juden von der Hand zum Mund oen uns drohenden Fluch in einen Segen verwandeln. Vielleicht ist er gar wirklich ein verkappter Segen. Von 1,400.000 Juden, die in dem Riesengebiete der Vereinigten Staaten leben, sind 3/4 Millionen, d. h. mehr als die Hälfte der gesamten Judeuschast Amerikas, in dieser einen Stadt. Von den 150.846 Juden, welche während der mit Ende Juni 1906 abschließenden zwölfmonatlichen Periode in Amerika gelandet sind, stiegen 133.764 in New-Iork ans Land, von denen die meisten auch dort blieben. Warum gehen denn diese nach New-Iork? Dafür gibt es drei Gründe. 1. Die jüdische Atmosphäre. 2. Weil sie eine andere Stadt kaum kennen; Amerika bedeutet für sie New-Iork, und New-Iork, Amerika. 3. Fast alle Dampfer verkehren nach New-Iork, und die Agenten lügen den Auswanderern gar so vieles von einem sie erwartenden „Paradiese" vor. Wohlan denn! Wir können die jüdische Atmosphäre auch in anderen Städten schaffen, wir können veranlassen, daß Dampfer auch in anderen Richtungen verkehren, und wir. können an Stelle der Lügen der Agenten und der Unwissenheit der Auswanderer eine genaue und verläßliche Information setzen. Wir können durch ganz Rußland proklamieren, daß New-Iork nicht mit den Vereinigten Staaten identisch ist, daß Amerika nicht eine Stadt, sondern ein Gebiet ist, nicht nur so groß als das ganze Rußland, sondern als Rußland und das übrige Europa zusammen und daß diese immense amerikanische Gebiet tn langen Strecken unbevölkert ist. Denn während Europa 400,000.000 Einwohner zählt, haben die Vereinigten Staaten, 80 Millionen, also kaum 7;> der Einwohner Europas. Und von diesem enormen Gebiete ist bloß der Osten entwickelt. Der Westen ist kaum troch zur Hälfte ans der Schale gekrochen, während der Süden noch vollends in der Eierschale steckt. Das große Hinterland des Westens und der Nordwest sind Gebiete, die die besten Aussichten für den jüdischen Einwanderer bieten. Das ist das neue ..Wohin", das „Wohin" für den gegenwärtigen Tag! Wenn es dort noch keine jüdische Atmosphäre gibt, so dürfen Sie nicht vergessen, daß es in New-Iork zur Zeit, da die ersten jüdischen Pionniere den Einfall hatten, sich dahin zu wenden, auch nicht anders war. Die jüdische Atmosphäre kann aber rasch genug geschaffen werden. Wenn die 100.000 jährlicher Einwanderer durch die Schließung der nördlichen Häfen plötzlich gezwungen würden, im Süden zu landen, so würde dies einen blinden Kampf ums Dasein, in einem unbekannten Lande, ausgeliefert der Gnade von Ausbeutern, zur Folge haben. Mögen aber die jüdischen Auswanderer den Stier bei den Hörnern fassen und ihn „koscher" schlachten. Mögen nur 10.000 im nächsten Jahre anstatt nach New-Iork zu gehen, im Süden landen, und ein Jahr später wieder 20.000, und lassen Sie sie immer westwärts bewegen und sie werden bald den Boden vorbereitet haben. Es würden bald neue „Kehillas", wenn auch kein neues New-Iork entstehen. Möge doch einmal der Jude dem Christen als Beispiel dienen, anstatt ihn immer nachzuahmen! Möge er doch dadurch, daß er der Einwanderung neue Richtung gibt, dazu beitragen, daß die nördlichen Häfen nicht geschlossen werden oder neue Zufluchtsstädte eröffnet werden! Wenn die amerikanischen Einwanderer dies zu tun gewillt sind, so ist die „Jto" bereit, so weit es in ihrem Machtbereiche liegt, ihnen darin hilfreich zur Seite zu stehen! Als südlichen Hafen würden wir Galvestone als den nächsten zum Westen empfehlen. Ich kann die Presse nicht dringend genug bitten, die weitverbreitete Mitteilung zu dementieren, daß wir die Absicht hätten, die Errichtung einer Siedlung in der Nähe von Galvestone vorzuschlagen.

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