Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063371--04667-3071526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 4. die sie nötigt, den Wanderstab zu ergreifen, weil sie ans ihrer heimatlichen Scholle nicht mehr ihres Lebens sicher sind. Und diese Auswanderer sind siolz auf ihre semitische Abstammung, ebenso stolz, wie die Deutschen auf ihre, germanische Abkunft; alles was jüdisch ist, ist ihnen teuer und ihr Herz weilt stets in ihrem Lieblingsort Palästina — sie sind Nationaljuden, Es mag uns wohl wunderbar scheinen, daß liberale Männer, Männer von entschieden radikaler Denkweise und streng demokratischer Tendenz ä la Henne Am-Rhyn, die Freiheit, die sie für sich in Anspruch nehmen, den Juden nicht gönnen und daß sie auch gehässig gegen die Juden als solche sich zeigen. Doch die Vereinigung von politischem Radikalismus und Antisemitismus ist — wie die Geschichte uns lehrt — nicht sv selten, als man wohl gemeiniglich glauben sollte. Gm neues jüdisches Ginwanderungsgebiet. Die von Israel Z a n g w i l l in der letzten Londoner Versammlung der „Jüdisch-Territorialen Organisation" proklamierte Idee, die Bahnen der indischen Emigration in eine neue Richlung, u. zw. nach dem amerikanischen Westen, insbesondere nach Galveston-Texas zu lenken, stehr nunmehr im Mittelpunkte allen jüdischen Interesses und wir halten es darum für angezeigt, die wesentlichsten Ausführungen des Führers der Jtoisten im Nachfolgenden wiederzugeben: Z a n g w i l l verwies zunächst aus die Fortschritte der itoistischeu Bewegung, deren Aufgabe in der Schaffung eines Territoriums auf autonomer Basis bestehe, und zlvar für diejenigen Juden, welche in ihren gegenwärtigen Wohnländern nicht bleiben können, oder nicht bleiben wollen. Zwei Hauptgründe, die Sabbathheiligung und die H i n t a n h a l t u n g des Antisemitismus, sprechen dafür, daß den jüdischen Emigranten ein eigenes Territorium gegeben werden müsse. Unsere Lösung, sagt er, ist keine Phantasie. Kein wilder Traum von Idealisten mit überreizter Einbildungskrast, sondern eine nüchterne, wissenschaftliche Lösung eines drängenden, ernsten Problems. Sie können dieses Problem ohne jüdisches Territorium ebensowenig lösen, wie Sie etwa einen Motorwagen ohne Räder herzustelleu vermögen. Wenn mir jemand das Rätsel löst, wie der Sabbath gewahrt, der Antisemitismus verhindert werden kann, j — ohne Schaffung eines jüdischen Territoriums — dann will ich die ..Jto" ausgebeu! Schon vor 17 Monaten, da die „Jto" gegründet wurde, war die Zahl derjenigen Juden, die in ihren gegenwärtigen Ländern nicht bleiben konnten oder nicht bleiben wollten, groß genug. Seit den 639 Pogroms jedoch, welche diese 17 Monate zu den düstersten in der ganzen jüdischen Geschichte gemacht, hat sich die Zahl dieser Juden zumindest verdoppelt. Im November des Jahres 1905 zogen 5132 Juden nach New-Iork, im November des vergangenen Jahres strömten 11 480 Juden dahin. Diese blinde Flucht hat alle vorangegangenen ähnlichen Auswanderungsströme übertroffen. Aber selbst die Gewährung der Rechte an die Juden von Rußland, diese Gabe zweifelhaften Wertes, — die nur noch mehr Pogroms im Gefolge hätte — würde den angeschwollenen Strom für die erste Zeit nicht nennenswert vermindern. Es wird angenommen, daß die Auswanderung in Rußland in diesem Jahre 200.000 Seelen übersteigen werde. Kann „Jtoland", kann irgend welches neues Land diese Zahl aufnehmen? Sicherlich nicht! Nicht einmal den zehnten Teil dieser Zahl. „Jtoland" behauptet nämlich gar nicht fähig zu sein, das ganze Emigrationsproblem mit einemmale umfassen zu können. „Jtoland" ist eine Vorsehung für morgen, aber nicht für heute. Wäre es begründet worden, anläßlich der ersten Pogroms im Jahre 1881, so wäre es im Verlaufe dieses Vierteljahrhunderts zu einem Lande angewachsen, das fähig ist', eiue große Zahl der heimatlosen Wanderer aufzunehmen. Die Tatsache, daß die letzte Generation es verabsäumt hat, ein solches Land zu schaffen, brachte über die gegenwärtige Generation die Schande und die Erniedrigung, daß sie ihren vor Maffakres und Verstümmelung fliehenden Brüdern kein Asyl zu bieten, in der Lage ist. Sollten wir nicht heute mit der Gründung eines solchen Landes beginnen, so werden auch unsere Nachkommen verurteilt sein, hilflos und händeringend den Katastrophen gegenüberzustehen. Was ist also zu tun? Es scheint also, daß wir nicht nur ein Wohin? für die Zukunft, sondern auch ein Wohin? für die Gegenwart brauchen. Das Problem teilt sich in zwei Hälften. In die Sorge für die Zukunft und in Sorge für die Gegenwart. Die „Jto" ist, was die erste Hälfte betrifft, bereits stark an der Arbeit. Soll sie die zweite Hälfte unberührt lassen? Soll sie sich völlig auf die Sorge für die Zukunft konzentrieren, oder soll sie auch auf den Schrei der Gegenwart hören? Soll sie so tun, als ob es seit ihrer Gründung keine Pogroms gegeben hätte, keine wilde Emigrantenflucht durch ganz Europa, als ob es keine verfolgte, ansgeplünderte Emigranten gebe? Als ob wir keine „Alien-Bill" in England hätten, und keine Einschränkungsbill vor dem amerikanischen Kongreß läge?? Oder soll die „Jto" vielmehr in Anbetracht dessen, daß sie die Lösung des Emigrationsprdblems unternommen hat, auch die andere Hälfte des Problems mutig in die Hand nehmen, und durch Schaffung eines Departements zur Regulierung der Auswanderung, deren dringendste Notwendigkeit kein Jude der Welt wird leugnen können. In Konsequenz meiner Ausführungen bin ich nun in der angenehmen Lage, Ihnen von der erfolgten Errichtung dieses Departements Mitteilung machen zu können. Es ist bereits in Tätigkeit. Unser Freund, Dr. I o ch e l m a n n, verbrachte seine Weihnachtsferien in Berlin, um manche wichtige Beziehungen des Departements zum Kontinente herznstellen. Da wir aber unser ursprüngliches „Jto"-Werk vor einer Schädigung durch diese neue „Jto"-Arbeit schützen wollen, können wir uns aber auch hiebei nicht ausschließlich auf unsere erworbenen, alten Kräfte verlassen. Wir haben neues Blut in uns ausgenommen. Wir schufen ein neues Komitee, dessen Mitgliedern die Stellungnahme zu unserem Hanptplane freigelassen wird. In England wird dieses Komitee aus den Herren O. E. D' A v i g d o r, G o l d s m i d, Alfred I. W h a l e y, Karl S t e t t a n e r und N. S. Joseph bestehen; Frankreich wird durch Baron James de Rohschild vertreten sein. In D e u t s ch l a n d. das unsere kontinentale Zentrale bilden wird, ist uns die unschätzbare Mitarbeit des Herrn Dr. Paul Nathan, und die! wahrscheinliche des Herrn James Simon zugesagt. In Rußland hoffen wir Herrn Baron Günzburg für ein harmonisches Zusammenarbeiten mit unseren alten Freunden Jassin o w s k i und M a u d e l st a m m zu gewinnen. In allen diesen Ländern werden natürlich auch die Mitglieder unseres ursprünglichen „Jto"-Rates sich an der Arbeit lebhaft beteiligen. Wir besitzen auch die Sympathien der Jewish Colonifation Association, so daß die führenden Kräfte der jüdischen Welt in einer großen Arbeit vereinigt erscheinen. Da wir kein Recht haben, die alten „Jto"-Fonds für das neue Departement in Anspruch zu nehmen, haben wir es auch finanziell separiert und es einem eigenen Schatzmeister unterstellt; das Amt des Schatzmeisters hat, wie ich mit Freuden erwähne, Herr Leopold de Rothschild übernommen. Unser neues Departement hat demnach mit der unmittelbar vor uns stehenden Hälfte des Emigrationsproblemes zu tun, und unter anderem auf das unmittelbare „Wohin?" zu antworten. In welcher Richtung soll der wandernde Jude von heute gelenkt werden? Nun denn, wenn nur uns diese Frage stellen, so begegnen wir wieder den zwei alten Schwierigkeiten: dem Sabbath und dem Antisemitismus. In welchem bereits bestehenden Lande kann der jüdisch-russische Auswanderer seinen Sabbath wahren und gegen den Antisemitismus geschützt sein? Ich habe Ihnen bereits die Antwort gesagt: in keinem! Es gibt kein solches Land. Es gibt kein Land, in welchem der orthodoxe Jude gleichzeitig eine befriedigende, ökonomische, politische nnb religiöse Zukunft fände. Alles was die ..Jto" als jüdische Körperschaft sagen kann, ' alles was sie demjenigen, der auszuwandern beabsichtigt, anständigerweise raten kann, ist: Tue es nicht! Wenn Sie aber in Kenntnis der religiösen Gefahr, die ihnen bevorsteht, dennoch