Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063371--04666-3071525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ahrheit Dlfboftiou ii. Admiiiisli alio»: Wien, H/, Vivvaragasse 27. TflfDÜon Nr. bev Dinckcrei 15302. Jhilerate Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- ». Jnieiltonsvelräqe sind in Wie» zahlbar »üb klagbar. ngige Aeiischnft für Mischnterejfen. Erscheint jeden Areitag. I^otto: ,,r>rr-» Liv^trl tFObtv« I8l> Wttültivil..'" jj Vernpsptsei»: | jj Äauziiidrig ... ft. 14.— j |j Halbjährig . ft. 7 — i! —! I!! Für CultnSbeamte: ^i.xiz jährig ... ft '.0 jj I li Für AilSMnd: 1| li «Äniizjährig . . . -« Mark ü Nnbel aber >6 Acs j! Ur. 4 Wien, 25. Jauner ISVV. Inhalt: Henne Am-Rhyn über das Judentum als Nation. — Ein neues jüdisches Einwanderungsgebiet. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. ' — Aus der Pester Chewra Kadischa. — Verschiedene Nachrichten. —Moritz Pereles, Moritz Wallerstein. — Aus dem österr.-ungar. Kantoren-Verein. Henne Am-Rhy« «her das Judentum als Uation. Von Dr. Josef Hoff, Rabbiner in Bisenz. Unter den Kulturhistorikern der neueren Zeit nimmt Otto Henne Am-Rhyn unstreitig den ersten Platz ein. Sein epochemachendes, dreibändiges Werk „Kulturgeschichte der neueren Zeit", das sich sowohl durch Wissenschaftlichkeit als auch durch liberale Freisinnigkeit auszeichnet, verdient wohl von jedem nach Bildung Strebenden studiert zu werden. Das Rechtsgefühl dieses Mannes, das sich in vorurteilfreien und objektiven Urteilen kundgibt, läßt ihn nicht, wie so manchen Geschichtsschreiber (zum Beispiel Weber), ruhig an den mittelalterlichen Judenverfolgungen vorübergehen, sein Zorn lodert vielmehr mächtig auf, wenn er der Maffakres an wehrlosen Juden Erwähnung tut und voll Abscheu wendet er sich von den gierigen Mordbrennern, von dem im Flammenschein der brennenden Ghettos plündernden Raubgesindel ab. Die Folge dieses seines Rechtsgefühles ist, daß er für die Emanzipation der Juden, warm eintritt, und „widersinnige Reaktion" ist ihm jeder Widerstand gegen dieselbe. Solche „judenliberale" Ausführungen müssen uns zur Voraussetzung führen, daß der Verfasser der „Kulturgeschichte" Juden und Judentum zu würdigen versteht; es kommt jedoch anders, als man es erwarten sollte. Gelegentlich der Besprechung der neueren deutschen Poesie, deren Beginn mit Börne und Heine als gegeben bezeichnet wird, stellt Henne Am-Rhyn auch allgemeine Betrachtungen über das Judentum an, die uns den besten Beweis liefern, mit welch großer Zähigkeit die althergebrachte Vorstellung, die Juden seien Fremde, sich auch in den Köpfen der fortgeschrittensten Denkern eiunistet. Im IH. Bande seiner „Kulturgeschichte" führt er wörtlich aus: „Die Juden sind eine ganz abnorme Erscheinung in unserer Zeit, und zwar deshalb, weil sie zugleich Nation und Religionsgesellschaft sind und doch wieder ein jeder der Nation angehören will, unter welcher sie leben. Es kann aber niemand zwei Herren dienen. Wären die Juden bloß Religionsgesellschaft, in welcher jeder ohne Unterschied seiner Herkunft Aufnahme fände, so könnte man so gut Jude und Deutscher sein, als man Protestant und Deutscher, oder Katholik und Deutscher, oder Freigeist und Deutscher sein kann. Aber die Juden sind zugleich eine Nation — eine Nation in der Nation! Das ist ein Widerspruch, der mit den Grundsätzen der Fortentwicklung des Menschengeschlechtes so scharf kontrastiert, daß er einmal zur Lösung so oder so kommen muß. Man hat gehofft, mit der Emanzipation der Juden werde diese Anomalie anshöreu — umsonst! Die Juden bilden immer noch dieselbe-für sich abgeschlossene Kaste, die so eng zusammenhält, daß kein Christ oder Freigeist in ihre besonderen Kreise eindringt. . . . Wir wissen nur, daß die Juden einst keine andere Wahl haben werden, als entweder bloß Religionsgesellschaft zu bleiben und als Nation sich aufzulösen, oder dann als Nation sich ein eigenes Land zu kaufen 1111b dahin auszuwandern — nicht von der Gewalt der Waffen, sondern von der Macht der öffentlichen Meinung gezwungen. Besser wäre es. sie wählten beizeiten das elftere und würden sich als theistische (nicht jüdische) Kirche mit Beseitigung aller Zeremonien, Speiseverbote, Feiertage, des Sabbaths. der hebräischen Sprache u. s. w. konstituieren und Leute aller Nationen unter sich aufnehmen." Diese Worte Henne Am-Rhyns zielen auf eine völlige Assimilation des Judentums hin. Nun, die Idee der Assimilation ist nicht neu, das Experiment ist im Laufe der Geschichte gar oft gemacht worden, in verschiedenen Variationen, bald mit Gebet und Weihrauch, bald mit Feuer und Schwert, bald mit Orden und Titeln; sie ist oft genug von Kanzel und Katheder, von Berufenen und Unberufenen verkündet worden, und weiß Gott, ohne Gutes zu stiften. Doch was bis heute nicht gelungen ist, das wird niemals gelingen, denn die Juden werden stets Juden bleiben, wohl nicht zum Schaden der Menschheit. Heißt das aber „eine Nation in der Nation bilden", wenn der Jude neben seinen Pflichten als Staatsbürger auch noch Wohltätigkeit unter seinen Stammesgenossen übt, wenn er. getreu den Traditionen seiner Väter, Sabbathe und Festtage hält, da und dort sich der „heiligen" Sprache bedient? Religion ist doch nicht Bedingung der Nationalangehörigkeit: in unserem Valerlande wohnen Katholiken, Protestanten. Reformierte rc. nebeneinander, und doch wird keinem einfallen, eine dieser Religionsgenosfenschaften als eine Nation in der Nation anzusehen. Wenn der Verfasser der „Kulturgeschichte" dieses gleichwohl behauptet, so zeigt dies nur. daß er das Judentum und die Juden nicht kennt. Am-Rhyn stellt ferner fest, daß den Juden im Laufe der Zeit nichts anderes übrig bleiben werde — als auszuwandern, und zwar nicht von der Gewalt der Waffen, sondern von der Macht der öffentlichen Meinung gezwungen. Ja, die Juden Osteuropas müssen leider ihre liebgewonnene Heimat, in deren Erde die Gebeine ihrer Väter ruhen, verlassen und auswandern, doch ist es keineswegs „die öffentliche Meinung",, die sie zu dieser Auswanderung zwingt — sie möchte ganz im Gegenteil den armen gehetzten Juden gar so gerne beistehen und ihnen den Aufenthalt in ihrer Heimat erträglicher gestalten — es ist vielmehr einzig und allein die rohe Waffengewalt der Reaktionäre,