Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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'Nr: 3. Die Wahrheit Seite 7. Unsere kleine Zeit der Zwerge Will nichts lernen hochmutsvoll, Moses stieg einst von dem Berge, Oden bleibst Du wehmutsvoll. Denn von jenen stolzen Höhen, Wo mit Dir das Ideal, Kannst Du Wohltat dennoch säen In die Niederung, in das Tal. Kannst den Blinden trocknen Tränen, Wohltat sprießt allüberall — Unterdrückst Prometheus Sehnen, Der vom Berg das Feuer stahl. Wie mußt' Mißmut Dich erfassen, Daß es Dir an Macht gebrach, Zn verhindern Haß der Rassen In dem eigenen Land die Schmach. Jnn'ge Freundschaft hat verbunden Unsere Kaiserin und Dich — Gleiche hatten sich gefunden, Freigesiunt und schwesterlich. Ach, auch diese könnt nicht zügeln Wilden Hasses Abersinn, Nicht der Jesuiten Klügeln Wehren könnt die -Kaiserin. Gleiches Schicksal hatten beide. Beiden starb ihr Liebstes fort, Dennoch tönten auch im Leide Ihre Seelen im Akkord; Leidgestählte, seelenvolle Töne, eine Harmonie — Jst's nicht eine fastnachtstolle Wunderliche Komödie? Daß grad ihre Reiche wilde Und brutale Wut durchloht. Daß sie, selber doch so milde, Ansehen mußten Judennot? Dennoch Balsam in die Wunden Tränst gehetztem Israel Carmen Sylva unumwunden Vor der Welt und sonder Hehl. Nimm denn dieses Lied zum Danke, Hohe Fürstin, nimm es hin, Schwach dieForm, schwach der Gedanke— Nimm es trotzdem, Königin! Bist Du doch so edelmütig Und gewiß Du zürnest nicht, Nimm denn dieses Stammeln gütig, Wenn auch viel daran gebricht. Jud und Christ gleich viel Dir wiegen, Also auch des Juden Sang, Wirst Dich mit dem Dank begnügen, Mit des Juden schlichtem Dank. Q Amerikanischer Kries. Das große Ereignis für die Juden in den Vereinigten Staaten ist zur Zeit die Anwesenheit des früheren Dumamitgliedes Dr. Lewin, der auch vom Präsidenten Roosevelt empfangen worden ist. Er hat in' verschiedenen Städten Vorträge gehalten, natürlich über die Lage der Juden in Rußland, an welcher die fast zur Hälfte aus russischen Juden bestehende amerikanische Judettschaft direkt wie indirekt im höchsten Maße interessiert ist. Daß die russischen Juden so viel zu leiden hatten, schreibt Dr. Lewin vor allem ihrer bisherigen vollständigen politischen Unerfahrenheit zu und deren Folge, dem Fehlen jeder Organisation. Doch seien diese Uebelstände bereits mehr oder weniger überwunden. Das zeigte sich beispielsweise schon bei den letzten Dümawahlen. Die Wahlbeteiligung der Juden war viel lebhafter als die der Christen. Bemerkenswert auch ist, daß jeder Jude fein Wahlrecht wie eine religiöse Pflicht zu erfüllen schien. Wirkliche Vorteile von der jetzigen Regierung für die Juden erwartet Dr. Lewin nicht. Die Reformversprechungen der Minister werden nur gemacht zum Zweck der Täuschung und haben daher gar keine praktische Bedeutung. Selbst wenn Stolypin heute eine Konzession machen würde, würde er oder sein Nachfolger sie morgen widerrufen. Die einzige Hoffnung ist die Duma. Die russischen Juden werden nur dann aufatmen können, wenn es die russischen Christen können, und das wird erst der Fall sein, wenn eme konstitutionelle Regierung mit einer gewählten Duma und einem dieser verantwortlichen Ministerien in Rußland eingeftihrt sein wird. Die aufgelöste Duma war sich vollständig klar darüber, daß Christen und Juden, Mohammedaner und Heiden vollständig gleichberechtigt sein sollten. Bemerkenswert sind noch zwei Mitteilungen, die Dr. Lewin machte. Er bestätigt, daß in Rußland verhältnismäßig doppelt so viele Juden in der Landwirtschaft und als Schmiede, Maurer, Tischler beschäftigt seien als in Deutschland. Ferner behauptet er, daß die katholischen Polen die Juden mehr haßten und sich ihnen gegenüber brutalere Ausschreitungen erlaubten, als die griechisch-katholischen Russen. Jakob Schiff, der bekannte Chef des Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. hat jüngst in einer Ansprache auf das Nachdrücklichste in Abrede gestellt, daß sein Haus etwas mit russischen Anleihen zu tun haben werde. Im Gegenteil gab er der Hoffnung Ausdruck, daß jede jüdische Firma und jeder Freund der Freiheit dieselbe Haltung einnehmen werden, bis Rußland den Barbarismus abgestreift haben und sich einer zivilisierten Regierung erfreuen werde. Bis das der Fall sein wird, wird die Wolga noch manchen Tropfen ins Meer führen. In Rußland hat so ziemlich Jeder sein eigenes Rezept zur Lösung der Judenfrage. Sind die Minister einig, dann haben die Großfürsten etwas anderes zu sagen, und der Selbstherrscher beschließt nach seinem unmaßgeblichen und doch nur zu maßgebendem eigenen Ermessen. Graf Heyden will die Juden „immer langsam voran" emanzipieren, j Ein anderer bekannter Staatsmann Schipoff ist bereit den Juden sofort die vollständige Gleichberechtigung zuzugeftehen mit Ausnahme des Rechts, Grundbesitz zu erwerben. Er begründet diese Ausnahme damit, daß man ohnehin nicht genug Land habe, um den Landhunger der Bauern zu befriedigen. Man wird abwarten müssen, wie die neue Duma sich zu dem jüdischen Problem stellt und welche praktische Bedeutung die Stellungnahme der Duma haben wird. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abend, den 18. Jänner 1907, Predigt im Leopoldstädter Tempel. Wien. (Erzherzog Ra iner.) In sämmtlichen Wiener Gotteshäusern wurde am letzten Freitag bei dem Abendgottesdienste von der Kanzel herab des 80. Geburtstages des Erzherzogs Rainer mit dankbarer Verehrung gedacht und überall stiegen fromme Wünsche für das fernere Wohlergehen dieses hochedlen und wahrhaft freisinnigen Prinzen unseres kaiserlichen Hauses zum Throne Gottes empor. Auch bei den Jugendgottesdiensten am Samstag knüpften die Exhortanten an dieses seltene Fest an. In besonders feierlicher Weise wurde der Festgottesdienst im Tempel des IV. und V. Bezirkes, im elfteren Bezirke wohnt bekanntlich Erzherzog Rainer, begangen. Das Gotteshaus war mit Blumen und Blattpflanzen reich dekoriert und zahlreiche Festgäste füllten dasselbe. Unter denselben bemerkte man den Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, den I. Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, Kultusvorsteher S. Steiner. I. Sekretär kaiserl. Rat Dr. Lieben. Rabbiner Dr. K a m i n k a, den Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe S. B r o d, den gesammten Tempelvorstand, an der Spitze Obmann Adolf H o f m a n n, Obmannstellvertreter kais. Rat Lichtblau, Schriftführer Franz Frankl, die Borstandsdamen der Wohltätigkeitsvereine des Bezirkes rc. Nach Celebrirung des Abendgottesdienstes durch Oberkantor Tauber wurde die eigentliche Feier mit Vortrag des „Matowu" und Psalm 21 durch den Chor der Kultusgemeinde unter Leitung des Dirigenten Zellnik eingeleitet. Die Festrede hielt Rabbiner Reich und zum Schlüsse derselben brachte er bas an den Tempelvorstand gerichtete Telegramm zur Verlesung, in welchem Se. kaiserl. Hoheit Herr Erzherzog Rainer fein Fernbleiben vom Festgottesdienste entschuldigte. Mit dem Kaisergebete, in welches auch der hohe Jubilar und seine erlauchte Gattin eingeschloffen wurden, und der Abfingung der Bolkshymne schloß die erhebende Feier. Der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde ließ Sr. kaiserl. Hoheit eine prachtvoll aüsgestattete Adreffe überreichen. desgleichen der Tempelverein für Wieden und Margarethen, deffen Adreffe folgenden Wortlaut hak: